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Demografischer Wandel und Kultur - Veränderungen im Kulturangebot und der Kulturnachfrage

Demografischer Wandel und Kultur - Veränderungen im Kulturangebot und der Kulturnachfrage

von: Andrea Hausmann, Jana Körner (Hrsg.)

VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV), 2009

ISBN: 9783531914459, 211 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 30,99 EUR

Ersparnis: 3,96 EUR

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Demografischer Wandel und Kultur - Veränderungen im Kulturangebot und der Kulturnachfrage


 

4 Krise als Ausgangspunkt kulturellen Handelns: Von kulturellen und anderen Akteuren (S. 78-79)

In der Sozialwissenschaft taucht seit einiger Zeit verstärkt der Begriff des social entrepreneurs, des sozialen Unternehmers, auf, um mit ihm einen nicht neuen aber unter entwicklungspolitischen Gesichtspunkten zu neuer Bedeutung gelangenden Akteurstyp zu beschreiben, der gerade in Krisengebieten und Krisensituationen Projekte verwirklicht, die zu einer entscheidenden, nachhaltigen Verbesserung des Lebens vor Ort beitragen.

Gleich den klassischen Unternehmern agieren Sozialunternehmer mit dem Ziel, ein selbsttragendes Unternehmen zu etablieren – nur dass der Erfolg nicht in Profit, sondern in gesellschaftlichen Fortschritten wie Bildung, Umweltschutz, ländliche Entwicklung, Armutsbekämpfung, Menschenrechte, Gesundheitswesen, Behindertenpolitik und Kinderschutz (Bornstein 2005, S. 24) gemessen wird. Social entrepreneurs sind dabei gewiss ein typisch amerikanisches Konzept.

Es ist vom Vertrauen auf die individuelle Kraft des Bürgers (Citoyen) und die Bürgergesellschaft geprägt, die aus eigener Kraft Erneuerung bringt. Der Staat bzw. seine Strukturen und Apparate sind dazu das genaue Gegenteil. Von ihnen wird keine Regeneration, kein Wandel erwartet. Genau das ist aber die besondere Qualität der Sozialunternehmer – die, an den Grenzen des Wohlfahrtsstaates agierend, den Bürgerstaat neu erfinden. Ihre gesellschaftliche Rolle wird deutlicher, bettet man die social entrepreneurs in den im Englischen gebräuchlichen Begriff der agents of change ein – eine Bezeichnung für Akteure, die in den verschiedensten gesellschaftlichen Feldern neue Konzepte des Handelns praktizieren, damit einen Wandel herbeiführen und treibende Kraft einer Gesellschaft, nicht zuletzt des Staates sein können.

In dieser Eigenschaft besteht auch die Verbindung zu den „kulturellen Akteuren", deren Außergewöhnlichkeit erst in der gesellschaftlichen Krisensituation sichtbar wird. Allen Akteuren gemein ist, dass sie die Krise als Herausforderung und ihre ästhetische Praxis als Möglichkeit, darauf zu reagieren, betrachten und dabei sowohl in Bezug auf die eigene künstlerische Praxis als auch in Bezug auf Rezeption und Partizipation ihrer Kunst innovativ handeln.

Dabei geht es nicht darum, Kunst als Sozialarbeit zu betreiben, sondern um die beson deren Möglichkeiten der Kunst und ein neues Verständnis von kultureller Teilhabe: Es geht nicht um „Publikum", sondern darum, dass die, wie auch immer konkret aussehende, Beteiligung am Prozess/der Produktion zu einem Stück eigener Lebenserfahrung wird, zu einem Impuls der Veränderung. Das ist in Zeiten des demografischen Wandels eine nicht zu unterschätzende Chance und ein neuer, radikaler Begriff von Kultur bzw. den Aufgaben der Kulturförderung.

5 Neue Modelle – alte Leitfiguren: Was bedeutet die Demografiedebatte für arrivierte Themen der Kulturpolitik?

Um die Figur des kulturellen Akteurs noch etwas deutlicher heraustreten zu lassen, soll an dieser Stelle ein (sehr kurzer) Rekurs auf kulturpolitische Begriffe und Denkmodelle gewagt werden: Die kulturpolitische Debatte hat sich in den letzten Jahren zentrale Begriffe gesucht, mit denen sie den veränderten Bedingungen von Kultur und ihrer Rezeption begegnen will. Die Kategorie „Publikum" etwa signalisiert einen Paradigmenwechsel von einer Kulturpolitik aus der Sicht auf die künstlerischen und kulturellen Institutionen und deren Erhalt auf eine Sicht der Nutzer.

Das ist ganz sicher wichtig und sinnvoll – die kulturellen Akteure deckt das jedoch nicht ab. Hier geht es nicht um „Rezipienten", deren Alter oder kulturelle Vorlieben sich ändern, sondern es geht um Teilhabe, nicht um Konzepte für die Bevölkerung, sondern mit ihr. Der israelische Schriftsteller Aaron Appelfeld sagte anlässlich der Eröffnung des 7. Internationalen Literaturfestes in Berlin: „Menschen ändern sich nur, wenn sie selbst etwas erleben.