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Drei Monate im August

Drei Monate im August

von: Max Claro

Heller Verlag, 2018

ISBN: 9783929403602 , 415 Seiten

2. Auflage

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

Mac OSX,Windows PC geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 14,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Drei Monate im August


 

Kapitel 1

Auf Abruf

Samstag, 1. August, 11:15 Uhr

Die beiden routinierten Fallschirmspringer konzentrierten sich auf den Absprung: Der drahtige, kleine Peter Pfeifer, genannt Pfiff, öffnete langsam die Schiebetüre und stellte sich auf das Trittbrett. Sein hoch gewachsener, schlanker Teamkamerad Thomas Baumann, den alle nur Tom nannten, hockte im Innenraum. Tom umfasste mit seiner rechten Hand Pfiffs linkes Handgelenk und Pfiff mit seiner Rechten das linke Handgelenk von Tom. Pfiff blickte an den Fußspitzen seines rechten Schuhs vorbei senkrecht nach unten.

Nun schien der richtige Moment gekommen zu sein. Pfiff nickte einmal kräftig und schaute seinem Partner tief in die Augen. Beide brüllten laut: »Ready – Set – Go!« und wippten dabei mit den Oberkörpern mit, bevor sie absprangen. Timing ist beim Formationsspringen alles und ein gelinkter Exit, bei dem sich beide Springer schon beim Absprung festhalten, bildet eine solide Basis für weitere, in die Formation einfliegende Springer. Die beiden waren Mitglieder des Blind-Aerospasticus-Teams, einer 4er-Formation, die bei deutschen Meisterschaften seit einigen Jahren immerhin unter den ersten fünf Rängen mitmischte.

Heute waren Tom und Pfiff jedoch nur zu zweit. Und sie sprangen nicht, wie an den meisten Wochenenden, aus 4000 m Höhe. Ihre Absprunghöhe lag heute gerade mal bei zwölf Zentimetern. So hoch liegt der Antritt des Rettungswagens der Berger Ambulanz über dem Bürgersteig. Hier, am Abrufplatz Freiheit im Herzen Schwabings, standen sie nun schon viereinhalb Stunden, warteten vergeblich auf einen Einsatz und trainierten aus lauter Langeweile ein paar Dirt Dives – simulierte Fallschirmabsprünge am Boden. Nebenbei konnten sie ein wenig davon träumen, was sie bestimmt gerade lieber gemacht hätten, als warten, warten und nochmals warten.

»Was machen die Männer da?«, fragte ein Erdbeereis leckender, sommersprossiger Rotschopf seinen Papa.

»Die üben, wie sie am schnellsten aus dem Auto kommen, wenn das mal brennt!«

»Aber die sind doch selber Feuerwehr!«, entgegnete der Kleine.

»Eben deswegen«, fiel dem Vater spontan, aber nicht gerade lehrreich ein, bevor er das Kind am Arm packte und forschen Schrittes weiterzog.

Es war ein schöner, sonniger Samstagmorgen. Die Tische am Café Münchner Freiheit füllten sich. Ein Ehrenplatz ganz hinten, nahe dem Eingang zum Kinderspielplatz, war immer besetzt: Dort saß Helmut Fischer, der als Monaco Franze aus der gleichnamigen Fernsehserie bekannte Münchner Volksschauspieler mit dem treuen Dackelblick, an seinem Stammtisch: in Bronze verewigt. Die Mittagssonne näherte sich ihrem Zenit. Die heiße Luft flirrte über dem Asphalt.

»Noch zwanzig Minuten, dann ist es so weit!«, raunte Tom.

»Was ist so weit?«, fragte Pfiff.

»Sag bloß, du weißt nicht mehr, was wir gewettet hatten, wenn wir mal fünf Stunden keinen Einsatz bekommen?«

»Ach, du heilige Scheiße! Das hatte ich tatsächlich völlig vergessen!«

»Jetzt tun wir erst mal was Gutes und dann treffen wir die Auswahl.«

›Was Gutes tun‹ war für die beiden ein Code, um sich auf altbewährte Weise die Zeit zu vertreiben: Pfiff griff zum Hörer, schaltete auf Außenlautsprecher und verkündete mit dem Unterton eines Staubsaugervertreters:

»Achtung, Achtung! Bis zum nächsten Einsatz kostenloses Blutdruckmessen hier im Rettungswagen. Achtzigjährige in Begleitung ihrer Eltern bekommen auch noch Sauerstoffsättigung und Blutzuckermessung obendrauf!«

Keine drei Minuten waren vergangen, bis ein leicht untersetzter Mann mit dunkelrotem Kopf vor dem Rettungswagen erschien.

Er atmete schwer.

»I hob scho owei an Blutdruck, aber etzat wui i’s genau wissen!«1

»Jeder hat einen Blutdruck, aber auf die Höhe kommt’s halt an«, belehrte ihn Pfiff und unterdrückte ein Lächeln.

»Des woas i scho – des moan i ja«2, entgegnete der Mann, während er im Patientenraum Platz nahm und seinen linken Ärmel hochkrempelte.

Pfiff legte die Manschette an und startete die Messung. »Hundertsiebzig zu hundert«, raunte er mit kritischem Blick dem Mann zu.

»Das ist eindeutig zu viel, aber nicht akut lebensgefährlich. Sie sollten die Sonne meiden und am Montag mal zu ihrem Hausarzt gehen«, riet Pfiff.

»Ha! Hundertsiebzge! Des is ja goa nix! Sonst hob i oiwei üba zwohundert! Dankschee und Servus!«3

Sichtbar glücklich und erleichtert entschwand der Mann so schnell, wie er gekommen war.

Als Nächstes war eine bildhübsche Dame an der Reihe: blondes, schulterlanges, leicht gelocktes Haar, große grüne Augen, erdbeerrote Lippen, aristokratische Gesichtszüge, blütenweiße Rüschenbluse, filigranes Goldkettchen mit einem pfeilförmigen Anhänger, dessen Spitze den Blick unweigerlich zwischen ihre wohlgeformten Brüste wandern ließ. Ein hellbeiger, enger Rock um die leicht ausladenden Hüften beflügelten die Fantasien eines jeden Mannes, insbesondere die von Tom.

»Jetzt bin ich mal dran«, flüsterte er kaum hörbar zu Pfiff und im gleichen Atemzug laut und deutlich:

»Hereinspaziert, schöne Frau! Was kann ich für Sie tun?«

»Nachdem ich ja noch keine achtzig bin und meine Eltern zu Hause gelassen habe, bleibt mir nur noch das Blutdruckmessen«, lächelte die Blondine und zwinkerte verführerisch. Tom war sich seiner Wirkung auf Frauen durchaus bewusst. Seine stattliche Körpergröße, das kräftige dunkle Haar, die ebenmäßigen Gesichtszüge, die makellosen schneeweißen Zähne, die vollen Lippen, die rehbraunen Augen und vor allem seine offene Ausstrahlung kamen gut an bei den Doppel-X-Chromosomen aller Altersklassen.

»Wer mir so ein tolles Lächeln schenkt, der hat auch eine Zugabe verdient«, begann Tom zu flirten und überlegte für den Bruchteil einer Sekunde, ob sie eine einfache Kaufhaus-Strumpfhose oder vielleicht sogar echte Nylons mit Strapsen unter ihrem engen Rock trug. Während er die Blutdruckmanschette anlegte, musterte er den hautengen Rock auf eventuelle Abdrücke von Höschen und Strapsen. Eine feine Duftwolke strömte in Toms olfaktorisch gut geschulte Nase. »Gaultier Classique!« konnte er gerade noch ausrufen, da dröhnte es plötzlich aus dem sehr laut gestellten Funkgerät:

»An alle verfügbaren Einsatzkräfte! Ich wiederhole: An alle verfügbaren Einsatzkräfte! Fahren Sie mit Sondersignal Richtung Flughafen! Näheres kommt!« Ein Einsatzbefehl, der auch den Adrenalinspiegel hart gesottener Rettungsdienstler in die Höhe schnellen ließ!

In Toms Denkdärmen herrschte wildes Chaos. Sollte er den Moment verfluchen, der seinen Flirt so jäh beendete? Sollte er sich freuen, weil endlich Action geboten war? Oder sollte er sich seelisch schon mal auf die schlimmste Katastrophe vorbereiten, die er je in seinem Leben gesehen hatte?

»Wir müssen leider los!« Tom komplimentierte die Lady aus dem Rettungswagen, schloss die seitliche Schiebetüre zum Patientenraum, hechtete auf den Fahrersitz, startete den Motor und schaltete die Blaulichter ein. Pfiff saß schon auf dem Beifahrersitz und versuchte ebenfalls, seine Gedanken zu ordnen.

»Berger Rettung 49/71/1 unterwegs zum Flughafen«, bestätigte er den Funkauftrag.

Das Presslufthorn sorgte für die nötige Aufmerksamkeit und für ein paar verschüttete Kaffeetassen im Café. Die Zieleingabe ins Navi erübrigte sich. Der Weg über Leopold- und Ungererstraße auf die A 9 Richtung Flughafen war den beiden bekannt.

»Betriebsausflug zum Flughafen, auf geht’s!«, rief Pfiff. In seiner Stimme schwang bei allem Enthusiasmus ein kleiner Magenkrampf mit.

Als Tom bereits von der nahen Leopold- in die Ungererstraße eingebogen war, meldete sich wieder diese unwiderstehliche Dame in seinen grauen Zellen. Ihre naturgeile Ausstrahlung und ihr Zwinkern hätte man als Aufforderung verstehen können, sie an Ort und Stelle zu vernaschen, am besten gleich auf der Krankentrage. Eine derartige Anmache von weiblicher Seite hatte er schon lange nicht mehr erlebt.

Tom riss das Steuer herum und bog über eine kleine Stichstraße wieder auf die Fußgängerzone an der Münchner Freiheit ein, von der sie gerade gestartet waren.

»Wo ist die Frau, der ich gerade noch den Blutdruck messen wollte?«, schrie er Pfiff fragend an.

»Die läuft da vorne an den Kaskaden gerade die breiten Treppen zum Untergeschoss runter«, entgegnete Pfiff etwas verdutzt.

Tom gab Gas, fuhr bis zur ersten Treppe, bremste scharf, schnappte sich den Funkhörer und stellte auf Außenlautsprecher:

»Die Dame mit der weißen Bluse – Sie haben etwas vergessen!« Drei Damen drehten sich erschrocken um, aber nur die, die gemeint war, lief flugs die Treppen hinauf zu Tom, der ihr aus dem Fenster ein Handy reichte.

»Mein Zweithandy! Meine Nummer ist eingespeichert. Zum Blutdruckmessen und für Zugaben!«

Tom hatte meist ein zusätzliches Prepaidhandy dabei, das er billig in einem Second-Handy-Shop erstanden hatte und auf dem nur die Nummer seines eigenen Smartphones eingespeichert war. Mit diesem Überraschungsangriff hatte er schon so manche Eroberung gemacht.

Wortlos nahm die Dame das Handy entgegen, ließ es in ihre Handtasche gleiten, küsste ihre linke Handfläche, blies den Kuss zu Tom und lächelte nachdenklich und anzüglich zugleich.

Tom grinste charmant zurück, winkte päpstlich und rief Richtung Pfiff:

»Das holen wir wieder...