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SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL (S. 212-213)
Irgendwo, geneigter Leser, gibt es ein Ölgemälde, ein Porträt auf einer rechteckigen Leinwand (etwa eine Armeslänge breit), das den Titel Mr und Mrs Goodwin trägt. Dieses Bildnis war von der frisch verheirateten Caroline Goodwin bei einem bekannten Künstler in Auftrag gegeben worden, der in der Stadt Falmouth wohnte. Der Maler – ein gewisser Mr Francis Bear – fertigte in seinem offensichtlich kurzen Leben zahlreiche Porträts von jamaikanischen Pflanzern und ihren Familien an; in der Tat war es früher einmal Mode gewesen, einen Bear im Herrenhaus zu haben.
Im Salon auf Amity saßen die Porträtierten dem Maler mehrere Wochen lang Modell, ohne sich zu rühren oder einen Mucks von sich zu geben, ganz wie er es verlangte. Dabei schwitzten sie ihre besten Kleider langsam, aber stetig um mehrere Farbschattierungen dunkler. Was aus dem Porträt geworden ist, weiß ich nicht. Es ging verloren oder wurde gestohlen, vielleicht sogar zu Fetzen zernagt von einigen der vielen gefräßigen Geschöpfe, die auf dieser karibischen Insel leben. Solltest du jedoch zufällig auf dieses Porträt stoßen, Mr und Mrs Goodwin, so lasse es dir bitte angelegen sein, es sorgfältig zu studieren – denn in diesem Kunstwerk liegt das nächste Kapitel meiner Erzählung verborgen.
Im Vordergrund dieses prächtigen Gemäldes siehst du in aufrechter Haltung Robert Goodwin stehen. Seine Pose ist lässig, ein Bein ist vors andere gekreuzt, während sein Ellenbogen auf der Lehne des Stuhles vor ihm ruht. Er trägt ein leichtes Leinenjackett und eine Weste aus cremefarbener Seide, die mit einem filigranen grünen Blumenmuster bestickt ist. Auf dem Kopf sitzt kein Hut, und mögen ihm auch sein lockiges Haar und sein gesträubter Backenbart das distinguierte Aussehen eines Gentlemans verleihen, so lassen sie ihn doch um einiges älter erscheinen, als er ist.
Er ist noch kein Jahr verheiratet, und sein Gesichtsausdruck ist heiter und gelassen. Doch sieh genauer hin, denn der Glanz seiner blauen Augen ist reine Erleichterung, die Stimmung hinter seinem milden Lächeln Genugtuung; denn endlich ist Robert von jenem Zustand erlöst, den er aus Ehrerbietung gegen seinen guten Vater unter großen Schmerzen bis zu seiner Hochzeitsnacht intakt gehalten hatte – den Zustand der Jungfräulichkeit! Allerdings war es nicht Caroline, die sie ihm genommen hatte.
Denn während Robert Goodwins frischgebackene Braut hingestreckt auf ihrem Bett gelegen hatte – die Bänder am Ausschnitt ihres Nachtgewands waren gelöst, das Kleidungsstück selbst so weit herabgestreift, dass sich die üppigen Hügel ihrer geschmückten und parfümierten Brüste zeigten, sie selbst wartete ungeduldig darauf, dass ihr nagelneuer Ehemann seine Angelegenheiten im Negerdorf abschloss –, hielt er sich in einem Kellerraum unter dem Haus auf und riss unserer July fieberhaft die Kleider vom Leib.
Im schwachen Licht einer Talgkerze wendete er July hin und her wie ein lange erwartetes Geburtstagsgeschenk, das endlich ausgewickelt ist. Und als wolle er sich versichern, dass tatsächlich jeder Zoll an ihr so entzückend war, wie das geistige Auge des Besessenen es sich ausgemalt hatte, untersuchte er sie gründlich. Er legte sie hin und streichelte ihren ganzen Körper. Und wo seine Hände hinwanderten, folgten ihnen bald Zunge und Lippen.
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