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Interpretation. Max Frisch: Andorra. Stück in zwölf Bildern

Interpretation. Max Frisch: Andorra. Stück in zwölf Bildern

von: Klaus Müller-Salget

Reclam, 2001

ISBN: 9783159500126, 19 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 2,60 EUR

  • Interpretation. Carl Zuckmayer: Der Hauptmann von Köpenick
    Interpretation. Gerhart Hauptmann: Die Weber
    Karrieren im Zwielicht: Hitlers Eliten nach 1945
    Ich bin gekommen
    Interpretation. Friedrich Dürrenmatt: Die Physiker
    Interpretation. Max Frisch: Homo faber
    Interpretation. Georg Büchner: Woyzeck
    Interpretation. Johann Wolfgang Goethe: Iphigenie auf Tauris
  • Interpretation. Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz
    Interpretation. Heinrich von Kleist: Der zerbrochne Krug
    Interpretation. Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche
    Interpretation. Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise
    Interpretation. Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame
    Interpretation. Friedrich Schiller: Maria Stuart
    Interpretation. Franz Kafka: Der Proceß

     

     

 

Mehr zum Inhalt

Interpretation. Max Frisch: Andorra. Stück in zwölf Bildern


 

Zum einen handelt es sich also von Anfang an um eine Beispielgeschichte, um ein Exempel dafür, wie das Urteil, das ›Bildnis‹ der anderen einen Menschen verformen und sein Leben verderben können. Zum anderen aber steht ›Andorra‹ im Tagebuch 1946–1949 noch ziemlich unverhohlen als Chiffre für die Schweiz, und zwar in satirischer Absicht: Der Kleinstaat in den Alpen wird mit dem Zwergstaat in den Pyrenäen gleichgesetzt, um Provinzialität, Spießigkeit, auch Ängstlichkeit auf den Begriff zu bringen. Ferner stellt der Kontext im Tagebuch (Berichte und Reflexionen über das zerbombte Deutschland und über den richtigen Umgang mit den Überlebenden) auch die Geschichte vom andorranischen Juden in einen konkreten zeitgeschichtlichen Rahmen. Direkt ausgesprochen finden wir Frischs Faschismus- Verdacht gegenüber seinen Landsleuten an späterer Stelle des Tagebuchs: »ich bin restlos überzeugt, daß auch wir, wäre uns der Faschismus nicht verunmöglicht worden durch den glücklichen Umstand, daß er von vornherein unsere Souveränität bedrohte, genau so versagt hätten, wenn nicht schlimmer zumindest in der deutschen Schweiz.«

Bereits die erste Ausformung des Stoffs trägt also ein Doppelgesicht, steht zwischen einer Retrospektive auf das ›Dritte Reich‹ und dessen Entsprechung in der Schweiz einerseits und der modellhaften Verallgemeinerung im Sinne der ›Bildnis‹-Thematik auf der anderen Seite. Von daher wird begreiflich, dass kurzsichtige Interpreten sich immer wieder auf den Vergangenheitsbezug beschränkt haben, der zweifellos den Anstoß zu Erzählung und Stück gegeben hat, in der Endfassung aber nur noch den Erfahrungshintergrund bildet. Darum heißt es im Vorspruch: »Das Andorra dieses Stücks hat nichts zu tun mit dem wirklichen Kleinstaat dieses Namens, gemeint ist auch nicht ein andrer wirklicher Kleinstaat; Andorra ist der Name für ein Modell.« (462)

Mit diesem Namen für das Modell (und für das Stück) ist der Autor ebenfalls nicht ganz zufrieden gewesen. Beibehalten hat er ihn wohl aus zwei Gründen: Er verweist auf den Umstand, dass das vorgestellte Gemeinwesen ein Kleinstaat ist, und außerdem erlaubt der Name eine Assoziation mit dem deutschen Wort ›anders‹. Das Selbstgefühl der ›Andorraner‹ besteht hauptsächlich in der Einbildung, anders, will sagen: besser zu sein als die mächtigeren Nachbarn; tatsächlich aber sind sie »nicht anders, du siehst es, nicht viel« (519), was sich vor allem daran zeigt, dass sie den vermeintlich Andersartigen, der den sprechenden Namen Andri bekommt, ausgrenzen und zugrunde richten.