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Die Opposition der Titanen Die Umdeutung des Orakels in Goethes Iphigenie ist zwar eine glückliche Lösung des dramatischen Knotens, sie schafft aber auch eine Aporie. Der Kultbildraub war nach der Tradition der Sage die Bedingung der Befreiung Orests von den Furien. Der neuen Exegese des Orakelspruchs entsprechend müsste also die Heimführung Iphigenies die Bedingung seiner Exkulpation sein. Orest ist jedoch schon am Ende des dritten Aufzugs von Schuld und Wahnsinn befreit. Hier liegt eine Motivierungsschwäche des Dramas vor. Die tradierte mythische und die moderne Motivation der Exkulpation Orests kommen sich in die Quere.
Schiller hat es als ungriechisch kritisiert, dass die Furien in Goethes Drama nur noch imaginiert sind. Das aber liegt in der Konsequenz ihrer Verinnerlichung zu Projektionen des Schuldbewusstseins, der Gewissensqual, welche Pylades in die Worte fasst, Orest nehme das »Amt der Furien« auf sich (V. 757). Indem der Muttermörder sein Verbrechen durch Reuequalen und das Verlangen nach dem sühnenden Tod büßt, wird er von der Schuld befreit. (»Dein Laster tilgte deiner Tränen Flut«, erfährt Orest auch am Schluss von Glucks Iphigenie auf Tauris.) Die von Orest in seiner letzten Rede behauptete ›Heilung‹ durch Iphigenie (V. 2119 f.), die in der Versfassung noch stärker betont ist als in der Prosafassung, wird von Goethe freilich nicht widerspruchsfrei durchgeführt – tritt Iphigenie während der kathartischen Hadesvision Orests im dritten Aufzug doch erst im letzten Moment hinzu, begleitet mit ihrem Gebet nur noch die endgültige Genesung des Bruders vom Wahnsinn. Das Verbrechen des Muttermords vermag Orest – wie wäre das auch anders möglich – nur allein zu sühnen. Iphigenie kann allenfalls dessen psychologische Folgen: den Wahnsinn, ›heilen‹. Dass der moralische Aspekt (Sühnung) und der psychische (Heilung) bei Orests ›Gebrechen‹ nicht deutlich unterschieden werden, erklärt die Widersprüche in der Motivation der Befreiung des Muttermörders von seinen Qualen.
Die Hadesvision bildet den höchsten Grad der Selbstpeinigung Orests. Seine Reuequal steigert sich bis zur Verzweiflung, bis zu jener Desperatio salutis, welche die christliche Theologie als die eigentliche Seinsverfassung der Verdammten gedeutet hat. »Verzweifeln heißt in die Hölle hinabsteigen« (Isidor von Sevilla). Und in die Hölle, in den Hades steigt Orest in der Tat hinab. Die radikale Verzweiflung ist hier aber im Gegensatz zur christlichen Theologie nicht die Vorwegnahme der Verdammnis, sondern als höchster Grad der Selbstpeinigung der Moment, in dem das Maß des Leidens voll und das Verbrechen gesühnt ist. Die Furien lassen ab von Orest und verwandeln sich wie am Schluss der aischyleischen Orestie in die »Eumeniden«, die Wohlgesinnten. Bei diesem Namen werden sie von Orest zum ersten und einzigen Male am Ende des dritten Aufzugs genannt (V. 1359). Die Hadesvision signalisiert mit Orests eigener Exkulpation die Entsühnung des Geschlechterfluchs; diese manifestiert sich in der Befriedung der einst im wahrsten Sinne sich selbst zerfleischenden Tantaliden (V. 1235–37).
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