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Interpretation. Heinrich von Kleist: Die Marquise von O...

Interpretation. Heinrich von Kleist: Die Marquise von O...

von: Jochen Schmidt

Reclam, 2001

ISBN: 9783159500225, 22 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 2,60 EUR

  • Elfenkind
    Herbst - Läuterung
    Den Himmel gibt´s echt
    Herbst - Zerfall
    Der Bankräuber
    Bleib cool, Papa
    Du gibst das Leben
    Mein Herz kennt die Antwort
  • Kopfschuss
    Die Zehn Gebote
    Das Feenorakel
    Zeit der Vergebung
    Alphavampir
    Der Geschmack des Wassers
    Succubus Shadows
    Hurentaten
 

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Interpretation. Heinrich von Kleist: Die Marquise von O...


 

So wenig Kleist die Vergewaltigung darstellt, so wenig kommentiert er aus auktorialer Erzählerperspektive die innere Verfassung und den Charakter des Täters. Mit einer meisterhaften Verhaltensstudie aber ermöglicht er es dem Leser, selbst Rückschlüsse zu ziehen. Ja, der Verzicht auf auktoriales Eingreifen fordert den Leser geradezu heraus, das Zeichensystem der Erzählung selbständig zu entschlüsseln und zu deuten, da er sonst die Zusammenhänge gar nicht verstehen könnte. Manchmal muss er eine kriminalistisch genaue Beobachtungsgabe entwickeln, und wenn er dies tut, erfährt er die Lust, die alles selbständige Erkennen mit sich bringt.

Das bevorzugte Zeichensystem, das der Leser zu beobachten und zu deuten hat, ist, wie in Kleists Erzählungen insgesamt, so auch in der Szene, in welcher er den Täter nach seinem Vergehen darstellt, dasjenige der Mimik und Gestik. Die Verhaltensstudie erhält ihren Reiz dadurch, dass sie alle begründenden Aussagen über die Ursache des dargestellten sonderbaren Verhaltens ausspart. Die gesamte Aufführung des russischen Grafen, auch wo sie nicht Mimik und Gestik im engeren Sinn ist, gerät zum physiognomisch entlarvenden Ausdruck. Der Graf stürzt sich, so heißt es, »mit einiger Eilfertigkeit« (5,30 f.) in den Kampf, dämmt in dem brennenden Schloss der Marquise die Feuersbrunst ein – man ahnt, dass es seine eigene ist und spürt zugleich den unbeholfenen Drang zum Wiedergutmachen – und leistet »hierbei Wunder der Anstrengung [. . .].

Bald kletterte er, den Schlauch in der Hand, mitten unter brennenden Giebeln umher, und regierte den Wasserstrahl; bald steckte er, die Naturen der Asiaten mit Schaudern erfüllend, in den Arsenälen, und wälzte Pulverfässer und gefüllte Bomben heraus« (5,36 f.–6,6). In dramatisch ausgearbeiteter Eskalation heißt es dann, dass er »über das ganze Gesicht rot« wird (7,12), als man ihn nach den Namen von Marodeuren fragt, die der Marquise Gewalt antun wollten, und dass er »in einer verwirrten Rede« (7,16) sie nicht erkannt zu haben behauptet. Schließlich werden die verräterischen Worte berichtet, die er spricht, als er sich im Kampf tödlich verwundet glaubt: »Julietta! Diese Kugel rächt dich!« (8,22)

Diese Darstellung bringt nicht nur die Tat des russischen Grafen ans Licht, ohne sie zu nennen. Sie charakterisiert zugleich auch den Täter: als Draufgänger, der sich zwar schuldig gemacht hat, aber darunter leidet, sich schämt, wiedergutzumachen sucht und in all diesen Reaktionen dasselbe leidenschaftliche, bis zur völligen Selbstvergessenheit gehende Wesen an den Tag legt. Damit steht die grundsätzliche Unterscheidung vom gemeinen Verbrecher von Anfang an fest, und in der Erwartung des Lesers öffnet sich der Horizont der Versöhnung. Kleist bündelt also zwei Funktionen: die indirekte Offenlegung der Tat und die ebenso indirekte Charakterisierung des Täters.