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Lessings Äußerungen über Drama und Tragödie machen ihn unzweifelhaft zum Vertreter der Theorie des untragischen Tragödienmodells der Aufklärung. Es liegt darum nahe, eine Lösung der Interpretationsprobleme der Emilia Galotti im Kontext dieses Modells zumindest zu versuchen. Ein solcher gattungsspezifischer Interpretationsansatz würde verlangen, dass Emilias Tod, obwohl Ergebnis der innerdramatischen Kausalität, nicht ausschließlich als unausweichliche Notwendigkeit, sondern ebenso nachdrücklich im Zusammenhang mit Schuld, Sühne, menschlichem Versagen und Fehlverhalten gedeutet werden müsste.
Ein solcher Ansatz verlangt darüber hinaus, dass das Handeln der Dramengestalten in wesentlichen Elementen korrigierbar sein müsste, dass es in Fehlschlüssen, falschen oder unvollständigen Entscheidungen, in Unterlassungen oder Versehen fundiert wäre. Die konsequente Kausalität des Geschehens erschiene dann als eine überwiegend negative, als eine Kette sich gegenseitig bedingender, einander erzeugender negativer Ursachen und Wirkungen.
Nun lässt sich der Handlungsablauf des Dramas ohne große Mühe als eine einzige große Aufeinanderfolge von Missverständnissen, Fehlentscheidungen und -handlungen analysieren. Sie gehen miteinander Verbindungen ein, in denen die eine Misskalkulation die folgende auslöst und alle zusammen ein sich potenzierendes Handlungsgefälle formen, an dessen Endpunkt die Katastrophe steht. Sieht man genau hin, kennt fast jede Szene ihre Fehlentscheidung, handeln fast alle Personen fortwährend unter falschen Annahmen und Konklusionen.
Im ersten Akt ist es vor allem der Prinz, der Fehlkalkulationen entwirft. Als verhängnisvoll wird sich sein Entschluss erweisen, Emilia in der Kirche aufzusuchen; denn dies durchkreuzt nicht nur Marinellis Pläne, sondern wirkt noch im 5. Akt nach; falsch ist es, Orsinas Brief nicht zu beantworten, sie wird deswegen später im entscheidenden Augenblick im Lustschloss erscheinen; falsch ist es, Marinelli freie Hand zu gewähren, um ihn dafür sorgen zu lassen, dass Emilias Hochzeit verschoben wird; falsch ist seine Zustimmung zu Marinellis Vorschlag, Appiani als Hochzeitsgesandten nach Massa zu schicken. – Im zweiten Akt werden die Fehlentscheidungen der höfischen Partei durch die der bürgerlichen Seite ergänzt; beide verästeln sich in den folgenden Akten zu einem mitreißenden Strom, dessen Sog niemand entrinnen kann. Am gravierendsten ist natürlich Emilias Entschluss, Appiani die Begegnung mit dem Prinzen zu verschweigen, darin unterstützt von der Mutter, die auf diese Weise den in ihren Augen unnötigen Unwillen ihres Mannes vermeiden will, zugleich aber auch die Begegnung selbst bagatellisiert. Auch Appianis entschiedene Ablehnung des fürstlichen Auftrags sowie sein brüskes und schroffes Verhalten Marinelli gegenüber – so berechtigt in jedem Sinne – sind mitverantwortlich für den späteren Verlauf des Geschehens.
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