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Glaube und Lernen 2/2016 – Themenheft: Religion und Literatur

von: M. Basse, W. Maaser, E. Maurer, P. Müller, M. Rothgangel, H. Rupp, K. Schmid, M. Wolter (Hrsg.)

Edition Ruprecht, 2017

ISBN: 9783846999929 , 105 Seiten

Format: PDF

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 25,90 EUR

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Glaube und Lernen 2/2016 – Themenheft: Religion und Literatur


 

»Im Jahr des Reformationsjubiläums, in dem dieses Heft erscheint, muss man sozusagen an die frühen Bestseller der Reformation erinnern: Von Martin Luthers Schrift ›An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung‹ wurden im August 1520 viertausend Exemplare gedruckt und innerhalb einer Woche verkauft, eine für damalige Verhältnisse außerordentlich hohe Zahl. In kürzester Zeit erschienen vierzehn weitere Auflagen der Schrift. Von der im gleichen Jahr entstandenen Schrift ›Von der Freiheit eines Christenmenschen‹ hat es in kurzer Zeit achtzehn Auflagen gegeben. Und der Bibelübersetzung Luthers war ein bis dahin nie gekannter Erfolg beschieden. In den Jahren 1522 bis 1534 erschien das Neue Testament in 85 Ausgaben (1) und war damit nicht nur der Bestseller seiner Zeit, sondern auch der Steadyseller (d.h. guter Umsatz bei langer Umsatzzeit). Hochachtung vor diesem (auch merkantilen) Bucherfolg ist allerdings nicht der Grund für das vorliegende Heft. Der Grund lässt sich an einem Zitat von Ernst Jandl festmachen: »Dass ich überhaupt immer wieder auf dieses Wort, auf diesen Begriff Gott, wenn man will, zurückgeworfen werde, könnte als ein Kleben an diesem Begriff bezeichnet werden, wobei zwischen ›ich klebe an Gott‹ und ›ich glaube an Gott‹ ein ganz enormer Unterschied ist, aber ich glaube, kein totaler. Denn auch ein Glauben an Gott bedeutet ein Kleben an Gott, ein Nicht-Loskommen.‹(2) Zweierlei kommt hier zum Ausdruck: Ein Dichter (und zwar keiner, der der explizit religiösen Literatur zuzurechnen ist) sagt hier von sich, dass er an Gott ›klebe‹, und er betont im gleichen Atemzug, dass das nicht mit ›glauben an Gott‹ gleichzusetzen sei. Wie unter einer Lupe kommt hier eine Entwicklung zum Vorschein, die das Verhältnis von Literatur und Theologie seit geraumer Zeit prägt. Die große Distanz, die dieses Verhältnis (oder eher Nicht-Verhältnis) lange bestimmte, ist einem beiderseitigen Interesse gewichen. In der (vor allem systematischen und praktischen) Theologie wird die Literatur zunehmend zur Kenntnis genommen, umgekehrt beschäftigt sich die Literatur in zunehmendem Maß mit religiösen Stoffen, wobei sie durchaus den Unterschied zwischen ›kleben‹ und ›glauben‹ wahrt. Und die Bestseller der letzten Jahrzehnte wie die ›Harry Potter‹-Bände, um nur diese exemplarisch zu nennen, haben mit ihren vielfältigen religiösen Anspielungen das Interesse der Religionspädagogik, aber auch der Theologie insgesamt und der Kulturwissenschaft geweckt. So legt sich das Thema ›Religion in Bestsellern‹ gerade für die Zeitschrift ›Glaube und Lernen‹ nahe. Im ›Kennwort‹ geht Ernstpeter Maurer von der idealistischen Religionsphilosophie (Schleiermacher, Hegel) aus und gewinnt daraus Maßstäbe für die religiöse und die literarische Rede. Inkommensurable Erfahrungen kommen in beiden Bereichen zur Sprache, wobei festgehalten wird: Ohne Inkommensurabilität kann nicht von Gott geredet werden, aber nicht jede Inkommensurabilität ist schon Reden von Gott. Die grundlegende Angewiesenheit des Menschen auf Narrativität und deren Fähigkeit eine eigene Wahrheit mit sich zu führen, kann Literatur und Religion verbinden. Narrativität ist auch in Markus Mühlings Beitrag ein zentrales Stichwort. In Geschichten erster Ordnung (der primären Narrativität) ereignet sich die Welt. Dieses ereignishafte Geschehen ist aber nicht als solches wahrnehmbar, sondern immer nur vermittelt in erzählten Geschichten (die die sekundäre Narrativität bilden). Zwischen beiden besteht ein Wechselverhältnis: Die ›Erzählung der Welt‹ ruft die menschliche Erzählpraxis hervor, diese Erzählpraxis gestaltet umgekehrt aber auch die Welt mit. Die sekundäre Narrativität bringt viele verschiedene Formen hervor, Kunst, Film, Literatur. Auch die biblische Erzählpraxis ist hier anzusiedeln, und aus diesen und anderen Geschichten speist sich der Glaube, der deshalb nicht als Lehre zu verstehen ist, sondern als Weise der Wahrnehmung, als Perspektive auf die ›Erzählungen der Welt‹, als ›Weglinienperspektive‹, an deren Konturierung literarische Produkte Anteil haben und auch selbst Prägekraft entwickeln können. Georg Langenhorst stellt den Wandel im Verhältnis von Literatur und Religion kenntnisreich dar, warnt aber zugleich vor einem unkritischen Gebrauch des Schlagworts ›religious turn‹. Denn zwar werden religiöse Motive und Themen in der Literatur zunehmend aufgegriffen, sie dienen aber überwiegend dem literarischen Spiel, nicht der Stiftung grundlegender Lebensorientierung. Religion stellt damit einen thematischen Strang unter vielen anderen aktuellen Strömungen dar. Faktisch bestätigt dieser Befund den enormen Traditionsabbruch der kirchlich vermittelten Religion in der gegenwärtigen Gesellschaft. Deshalb lässt sich die aktuelle Belletristik zwar nicht für die Theologie oder die Religionspädagogik verzwecken; weil aber Bestseller aktuelle Themen und gesellschaftliche Strömungen aufgreifen, lohnt es sich von ihrem Umgang mit der Religion zu lernen. Der Theologe und Kulturwissenschaftler Gernot Meier geht davon aus, dass die Festlegung auf ein bestimmtes religiöses Symbolsystem ohne personale Variationsmöglichkeiten in der Postmoderne zu einem Ende gekommen sei. Deshalb fordert er die Theologie auf, das herkömmliche christliche Religionssystem (aber auch Religionssysteme überhaupt) nicht lediglich zu reinterpretieren, sondern religionsgenerierende Phänomene wahrzunehmen und entsprechende Kompositionsprozesse zu begleiten. Dabei wird der Blick auf publikumswirksame Bücher, Filme oder Spiele wichtig, da ihre neuen Mythen dazu beitragen können, grundlegende Fragen des Menschseins gleichsam ›von außerhalb‹ zu betrachten. Ulrich Schmidt beschäftigt sich in seinem Beitrag mit religiösen Motiven im deutschen TV-Krimi und hier besonders mit dem Film ›Und vergib uns unsere Schuld‹ aus der Reihe ›Polizeiruf 110‹. Die Art religiöser Bezüge ist in Krimis breit gefächert. Im Beispielkrimi wird ein religiöses Thema, und zwar der Umgang mit (eigener) Schuld, sogar ausdrücklich und mit bemerkenswerter Gründlichkeit thematisiert. Dabei stellt dieser Film die üblichen Erwartungen an einen Krimi auf den Kopf: Der Polizist, dessen Aufgabe es ist, Schuldige zu überführen, wird selbst schuldig, während der Täter seine Bestrafung fordert und sie nicht bekommt. Die Vielschichtigkeit dieses Krimis überrascht und macht zugleich aufmerksam für religiöse Themen und Motive in Kriminalfilmen überhaupt. Eva Jenny Korneck zeigt anhand von (Bilder-) Büchern zur Schöpfung, wie sich ein komplementäres Verhältnis von Schöpfungsglaube und naturwissenschaftlicher Weltbetrachtung kindgerecht anbahnen lässt. Sie macht deutlich, wie die für die biblischen Schöpfungserzählungen wichtigen Aspekte der Beziehung zwischen Menschen und Gott sowie der Bedrohung und der Bewahrung der Schöpfung konkret aufgegriffen und im Verstehenshorizont von Kindern zur Sprache gebracht werden können.« (Aus dem Vorwort von Peter Müller) (1) Karl Schottenloher, Bücher bewegten die Welt. Eine Kulturgeschichte des Buches 1968 (2), 1.200f.203. Vor der Reformationszeit war „Das Narrenschiff“ von Sebastian Brant aus dem Jahr 1494 das meistverkaufte Buch. (2)Ernst Jandl im Gespräch mit Cornelius Heil (1998), www.www.literatur-religion.net/diskurs/d5hell.pdf (Zugriff am 1.3.2017).