dummies
 
 

Suchen und Finden

Titel

Autor/Verlag

Inhaltsverzeichnis

Nur ebooks mit Firmenlizenz anzeigen:

 

Die Rote Armee Fraktion - Eine Geschichte terroristischer Gewalt

von: Petra Terhoeven

Verlag C.H.Beck, 2017

ISBN: 9783406712364 , 128 Seiten

Format: PDF, ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 7,99 EUR

Exemplaranzahl:  Preisstaffel

Für Firmen: Nutzung über Internet freigegeben

Derzeit können über den Shop maximal 500 Exemplare bestellt werden. Benötigen Sie mehr Exemplare, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf.


Mehr zum Inhalt

Die Rote Armee Fraktion - Eine Geschichte terroristischer Gewalt


 

Prolog: Zum historischen Ort des deutschen Linksterrorismus


«Selten ist so viel über so wenige geschrieben worden» – so hat der Terrorismusexperte Walter Laqueur schon 1987 die Geschichte der ‹Roten Armee Fraktion› (RAF) bilanziert. Die Flut der Beiträge ist seitdem nicht abgeebbt. Vor allem die runden Jahrestage des so genannten Deutschen Herbstes erweisen sich als zuverlässig wiederkehrende Höhepunkte des Interesses an einem durchaus sperrigen Gegenstand. Die (Wieder)Aufnahme staatsanwaltlicher Ermittlungen gegen mutmaßliche RAF-Mitglieder, das Auslaufen gesetzlicher Sperrfristen in den Archiven, aber auch die Aktualität der terroristischen Bedrohung machen die Beschäftigung mit der RAF bis heute sinnvoll. Andererseits kommt bei nicht wenigen der auf dem Buch-, Kunst- oder Medienmarkt lancierten Erzeugnisse der Verdacht auf, ihre Schöpfer könnten lediglich «mit dem Einkaufswagen durch den Geschichtssupermarkt» gefahren sein, wie es der Regisseur Andres Veiel formuliert hat. RAF sells, und zwar nicht selten ohne Rücksichtnahme auf die Würde der 34 Todesopfer und ihrer Angehörigen.

Dieses Buch geht davon aus, dass eine Antwort auf die von Jan Philipp Reemtsma aufgeworfene Frage, «was [es] heißt, die Geschichte der RAF [zu] verstehen», die Gründe miteinschließen muss, warum «so viel über so wenige geschrieben worden» ist. Wie und weshalb konnten die Stadtguerilla-Experimente einer kleinen Minderheit radikalisierter ‹68er› zu einer so großen Herausforderung werden, dass sie nicht nur Generationen von Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen beschäftigten, sondern auch eine morbide Faszination entfalteten, die lange über ihr politisches Scheitern hinaus wirksam blieb? Eine erste Erklärung ergibt sich aus dem Befund, dass die RAF im Kontext von mindestens drei Themenkomplexen zu sehen ist, um deren Deutung bis heute intensiv gerungen wird: 1. der Nachgeschichte des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik, 2. der Geschichte der internationalen 68er-Bewegung und 3. der Geschichte des modernen Terrorismus.

1. Die RAF als Teil der Nachgeschichte des Nationalsozialismus. Die Auseinandersetzung der RAF mit dem Staat, die 1977 kulminierte, wühlte von Anfang an «einen ganzen Bodensatz deutscher Erinnerungen» auf (Gerd Koenen). Trotz des internationalen Hintergrundes sind weder der Verlauf der 68er-Proteste in der Bundesrepublik noch die schrittweise Eskalation der Gewalt seit 1969/70 ohne die NS-Vergangenheit zu erklären. Die zahlreichen personellen Kontinuitäten in den Institutionen wirkten sich dabei allerdings weniger unmittelbar aus, als manchmal vermutet wird. Entscheidend war vielmehr, wie der Nationalsozialismus in der damaligen Öffentlichkeit verhandelt wurde. Im Laufe der 60er Jahre war das Opfernarrativ, das es den Deutschen nach Kriegsende erlaubt hatte, den Zivilisationsbruch des ‹Dritten Reiches› über den Verweis auf eigene Erfahrungen von Leid und Ungerechtigkeit von sich abzuspalten, in wachsendem Maße unglaubwürdig geworden. Vor allem auf viele Nachgeborene wirkte die Erkenntnis von der Dimension der deutschen Verbrechen und der Zahl der daran Beteiligten als ein Schock, der sich wie ein Wahrnehmungsfilter vor die Wirklichkeit schob. Durch diesen Filter wurde nicht nur die Autorität der akademischen Lehrer fragwürdig. Der ‹Muff von tausend Jahren› schien die Legitimität der politischen Ordnung insgesamt zu vergiften. Für viele Jüngere stellte sich zudem mit ungeahnter Dringlichkeit die Frage nach der eigenen Mitverantwortung für das politische Geschehen der Gegenwart. Innenpolitisch erregten die Notstandsgesetze Besorgnis, mit denen die seit 1966 amtierende Große Koalition für den Ausnahmezustand vorsorgen wollte; ein Vorhaben, das vielen wie eine Neuauflage des ‹Ermächtigungsgesetzes› erschien. Außenpolitisch verstörte die Brutalität des Krieges, den die USA als Führungsmacht des Westens im Namen des Antikommunismus gegen das kleine Nordvietnam führten. Jenseits von Angst und Abscheu entwickelte sich bei den Vordenkern der Studentenbewegung im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) aber auch ein feines Gespür für das Potential, das dem NS-Thema als politischer Waffe und Instrument der Selbstdarstellung innewohnte. Dazu trug nicht zuletzt die Empfindlichkeit bei, mit der manche Vertreter des ‹Establishments› auf die Provokationen der Außerparlamentarischen Opposition (APO) reagierten. Die Älteren beriefen sich ebenfalls auf vermeintliche Lehren der Vergangenheit, wenn sie forderten, ‹den Anfängen zu wehren› und gegen den studentischen ‹Terror› hart durchzugreifen. Zusätzlich befeuert wurden diese Konflikte durch gezielte vergangenheitspolitische Kampagnen der DDR. In West-Berlin führte ein übersteigerter, sich drastisch von der Nachsicht gegenüber ehemaligen NS-Tätern abhebender Antikommunismus sogar dazu, dass der Verfassungsschutz die radikalsten Elemente der linken Szene gezielt zu kriminalisieren versuchte. Auch staatliche Regelverletzungen haben mithin dazu beigetragen, dass sich die in Teilen der Bewegung angelegte Gewalteskalation am Ende nicht mehr vollständig einhegen ließ.

Die historisch bedingte symbolische Überfrachtung des Geschehens potenzierte sich, sobald Gewalt im Spiel war. Am 2. Juni 1967 sahen sich die Teilnehmer einer West-Berliner Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien mit massiver Brutalität der Ordnungskräfte konfrontiert, die in der Tötung des Studenten Benno Ohnesorg gipfelte. Erst Jahrzehnte später wurde der verantwortliche Polizeibeamte als Mitarbeiter der Ostberliner Staatssicherheit enttarnt. Zeitgenössisch schien sich für weite Teile der Protestbewegung eine Re-Faschisierung der Bundesrepublik anzukündigen, deren erstes Opfer die APO sein würde. Ein Teil der antiautoritären Fraktion innerhalb des SDS, allen voran Rudi Dutschke, sah in einer solchen Zuspitzung allerdings mehr Chancen als Gefahren. In martialischen, wenn auch stets stark verklausulierten Worten warb Dutschke intern für eine Forcierung der gezielten Regelverletzungen, die nun auch ‹Gewalt gegen Sachen› einschließen sollten. Damit sollten Reaktionen des ‹Systems› provoziert werden, die der Bevölkerung über dessen ‹wahren›, sprich ‹faschistischen› Charakter die Augen öffnen würden. Es waren Randfiguren der West-Berliner Szene, die sich mit einer Brandstiftung in zwei Frankfurter Kaufhäusern unversehens an die Spitze der radikalen Strömungen setzten, unter ihnen Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Obwohl ihre Richter mit einem Strafmaß von drei Jahren Haft am unteren Rand des für menschengefährdende Brandstiftung gesetzlich Vorgesehenen blieben, bestärkte ihr «Terror-Urteil» (Bernward Vesper) auf der radikalen Linken die Fama von den Tätern als mutigen Herausforderern eines Staates, der aus der Vergangenheit nichts gelernt zu haben schien. Das schien auch Ulrike Meinhof so zu sehen, eine der wenigen profilierten Frauen im damaligen Journalismus. Die moralische Glaubwürdigkeit, die sich Meinhof als Kritikerin ‹deutscher Verhältnisse› erworben hatte, erwies sich als das wertvollste Startkapital der späteren RAF. Dass mit Willy Brandt kurz vor der Formierung der Gruppe ein ehemaliger Gegner des NS-Regimes das Amt des Bundeskanzlers übernommen hatte, vermochte ihre Überzeugung von der Legitimität des gewaltsamen ‹Widerstands› gegen die BRD und ihre amerikanische Schutzmacht nicht mehr zu erschüttern. Wie zuvor bereits die ‹Tupamaros West-Berlin› (TW), eine verwandte Gruppe um das Kommune 1-Mitglied Dieter Kunzelmann, hatte die RAF bei den palästinensischen Todfeinden Israels ihre militärische Ausbildung absolviert. Gegen historisch bedingte Skrupel hatte man sich ideologisch selbst imprägniert, indem die Juden nicht mehr als Opfer betrachtet, sondern zu Komplizen des US-Imperialismus erklärt wurden.

In den folgenden Jahren musste allerdings immer weniger die internationale Politik als vielmehr die Verfolgung der RAF selbst als Beweis für den verbrecherischen Charakter des westlichen Systems herhalten. So wurden Polizei und Justiz vorzugsweise mit einem Vokabular und in einer Bildsprache beschrieben, die man direkt aus dem Fundus des ‹Dritten Reichs› bezog. Es handelte sich um eine Strategie der gezielten Selbstviktimisierung, die vor allem nach der Inhaftierung der Gründungsmitglieder erstaunlich gut verfing. Paradoxerweise liegt deshalb in der frühen polizeilichen Zerschlagung der Gruppe auch ihre Langlebigkeit begründet. Durch den Filter der deutschen Vergangenheit entwickelten die von den Anwälten verbreiteten Berichte über ‹Vernichtungshaft› und ‹Isolationsfolter› einen höchst ...