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Satire und Realität
Es hat lange gedauert, bis Der Untertan als wichtiger Roman in der deutschen Romangeschichte akzeptiert und der satirische Grundzug als eine besondere Art der Wirklichkeitserfassung gewürdigt worden ist. Eine an konservativen ästhetischen Maximen ausgerichtete Literaturkritik hat in diesem angeblich aus »bitterm Haß und ohnmächtiger Wut« geschriebenen Roman nur »ein Zerrbild ohne Wirklichkeitsgrund«, wie Thomas Mann »die Gefahren der Satire« generell beschrieben hat, sehen wollen.
Während diese Kritiker eine ›poetische‹ Gestaltung und eine versöhnend-humorvolle Grundstimmung vermissten, erkannten andere durchaus schon das ›Moderne‹ am Untertan, wenn sie ihn als »Bürgerspiegel« und »Heinrich Manns Musterknabe(n) Diederich« »als ein rechtes Kind seiner Zeit« zu sehen vermochten und damit den Akzent auf die realistische Darstellung setzten. Ein Heinrich Mann verwandter Geist wie Kurt Tucholsky hat behauptet, die Satire »bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird«. Den Untertan kann er deshalb als »bescheidene Fotographie« bewerten: »Es ist in Wahrheit schlimmer, es ist viel schlimmer.« Anerkannt wird mit solchen Aussagen der Satiriker als Moralist und Aufklärer, der seiner Zeit den Spiegel vorhalte, aber auch an ihr leide und auf Änderung hoffe.
»Gute Satiren schrieb nie jemand, er hätte denn irgendeine Zugehörigkeit gehabt zu dem, was er dem Gelächter preisgab«. Was Heinrich Mann für Flaubert formuliert hat, lässt sich auch auf ihn selbst beziehen. Er will die gesellschaftliche Realität keineswegs bis zur Unkenntlichkeit verzeichnen, sondern gerade – ähnlich dem zeichnerischen Karikaturisten – die sie bestimmenden Züge hervorheben. H. Mann hat deshalb auch von einem »überrealistisch(en)« Lebenssinn gesprochen und wohl damit etwas Ähnliches gemeint wie Hermann Broch, der für einen ›erweiterten Naturalismus‹ eintrat, den er als »Sphäre der traumhaft erhöhten Realität« bestimmte.
Dass »Karikatur und Excentricität« »aus der beobachteten Wirklichkeit« entstehen müssen, war Heinrich Manns Überzeugung. Für ihn gab es »nichts Sensationelleres als das Leben«, aber er verweigerte sich einer harmonisierenden, idealisierenden Zusammenschau: »Wer dagegen immer nur beschönigt, abschwächt, vergemütlicht, kommt nie zu der Ehre, bessern zu wollen. Je hübscher die Welt in den Büchern ist, um so häßlicher pflegt sie sich wirklich aufzuführen.« Seine Satire will zwar auch unterhalten, aber vor allem provozieren. Beziehungsvoll hat er das Hässliche schon im Namen seines Helden verankert.
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