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Merkwürdig ist, wie diese Relativierung des Religiösen auch auf der Gegenseite erscheinen kann: dort, wo die verworfene soziologische Deutung auch nicht durch die Hintertür wieder hereingelassen wird, sondern kategorisch als unerheblich im tragischen Bedeutungsgefüge abgetan wird. Es handle sich statt um ein Zeitstück um eine zeitlose Tragödie der absoluten Liebe, heißt es dort, und Luises ganz natürliche Angst vor dem Sprung ins Ungewisse, ins Abenteuer der Liebe, bediene sich der Frömmigkeit eben nur als eines Vorwands, ja: als einer Rationalisierung. (Wobei zu denken gibt, dass bei den Psychologiefreudigen dasselbe Verhalten, Luises Zurückschrecken vor Ferdinands Liebesphilosophie, auch, ebenso abstrakt »zeitlos«, aus dem »tieferen Instinkt der Frau« erklärt werden kann, die »um die Grenzen des Menschen in dieser irdischen Wirklichkeit weiß« – ganz als spräche Luise nicht klipp und klar aus, dass sie im Ständegegensatz eine gottgewollte »ewige Ordnung« sieht [III,4].)
Weniger radikale Deutungen dieser Richtung (die also den Widerpart zur soziologischen macht) gestehen der sozialen Problematik allenfalls einen Stellenwert zu, münden dann aber, im Gegensatz zu den psychologisierenden, sofort in die Theologie der Tragödie. Das Problem der Säkularisation und der subjektivistischen Autonomie berühren aber auch sie nicht. In diesen Interpretationen liest sich Kabale und Liebe als »Drama der unbedingten Liebe, die an der Welt überhaupt scheitert, wobei der Standesgegensatz nur die zufällige, auswechselbare Form dieser Welt bildet«.
Welt wäre Zeitlichkeit, die »Schranken des Unterschieds« wären nur der spezielle, mehr oder weniger willkürlich, aber doch zeitgeschichtlich naheliegend gewählte »Ausdruck der Zeitlichkeit überhaupt«, der der Mensch seiner Bestimmung gemäß unterworfen sei. Die Tragödie stellt sich, so gesehen, als die »des endlichen Menschen« dar statt als die des Klassenkonflikts. Diese seine Endlichkeit erfährt der Mensch in dem Moment, wo seine religiöse Utopie, das in der Liebe gegenwärtige Paradies, zerstört wird durch die Gebrechlichkeit und Unzulänglichkeit der »Wirklichkeit«, die hier also vergegenwärtigt wird durch die repressive Sozialordnung. »Schließlich gipfelt [. . .] die religiöse Gesellschaftskritik des Dramas in einem Gericht, das die Verschuldung eines Standes in der allgemeinen des verlorenen Paradieses untergehen läßt.« Schillers Drama wird damit als christliche Tragödie vom Sündenfall entschlüsselt, sei es als fromme Tragödie oder aber als Anklage gegen Gott »im Streit um die Theodizee«.
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