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Historisierung und Aktualisierung im Drama
Wird eine solche Interpretation dem Stück noch gerecht? Wenden wir uns der Analyse des Dramas selbst zu und übertragen wir die an seinen Voraussetzungen wie der zeitgenössischen Rezeption abgelesene Dichotomie von historischer und aktueller Dimension auf den Text, so kann das Ergebnis kaum ein eindeutig-pauschales sein; sorgfältige Differenzierung ist unumgänglich. Einerseits ist gerade in letzter Zeit der quasi dokumentarisch getreue Umgang Hauptmanns mit dem überlieferten Wissen über die Situation der Weber in den vierziger Jahren und den Verlauf des Aufstands betont worden. Andererseits ist unverkennbar, dass es Hauptmann trotz – ja vielleicht dank – dieser historischen Treue gelingt, Strukturen von grundsätzlicher (und daher auch seinerzeit oder heute aktueller) Bedeutung herauszuarbeiten.
Das gilt vor allem für die Verallgemeinerung des Arbeit-Ware-Problems im 1. Akt. Indem Hauptmann die Ablieferung des fertigen Gewebes und seine Abnahme durch den Expedienten zur Grundsituation des Eröffnungsakts nimmt, gewinnt er nicht nur eine höchst praktikable Möglichkeit zur Vorstellung mehrerer Vertreter beider Seiten: Er benennt zugleich die Arbeit-Geld-Beziehung, die Entfremdung menschlicher Tätigkeit zur mit Geld bewerteten, abgewiesenen oder abqualifizierten Ware als Grundlage des hier thematisierten Ausbeutungsverhältnisses. Wie das oben erwähnte Bild Carl Wilhelm Hübners zeigt, ist die Wahl dieses Sujets nicht absolut originell; seine Bedeutung hängt ab von der Art der Behandlung.
Hierin aber unterscheidet sich Hauptmann vom Maler des Vormärz: Während dieser die quasi monarchische Haltung des Fabrikanten herausstellt, überwiegen im Drama – soweit ist Zolling zuzustimmen – die pragmatischen Züge oder Winkelzüge und ideologischen Manöver des Kapitalisten. Dreißigers Auftritt kann geradezu als Modellstudie einer Rhetorik der Macht gelten. In diesem Sinn stellt der Kritiker Peter Iden die Rolleninterpretation Manfred Karges in Alfred Kirchners Bochumer Inszenierung von 1983 heraus: Dank der an Brechts Verfremdungstechnik geschulten Vorführung der Rolle erblicke der Zuschauer »hinter und neben diesem Dreißiger die mancherlei Attitüden von Unternehmer-Figuren, Politikern und anderen Funktionären, wie sie uns heute etwa im Fernsehen erscheinen«.
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