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Der Bankräuber - Die wahre Geschichte des Farzad R.

von: Damaris Kofmehl

SCM Hänssler im SCM-Verlag, 2011

ISBN: 9783775170635 , 304 Seiten

Format: PDF, ePUB, OL

Kopierschutz: frei

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones Online-Lesen für: Windows PC,Mac OSX,Linux

Preis: 2,99 EUR

Exemplaranzahl:  Preisstaffel

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Mehr zum Inhalt

Der Bankräuber - Die wahre Geschichte des Farzad R.


 

3 Der Tod meines Bruders


Meine Schwester Nasrin hatte sich damit abgefunden, dass sie nicht studieren konnte, und hatte einen Job als Reporterin bei der berühmtesten Teheraner Tageszeitung gefunden. Meine beiden ältesten Brüder wurden dagegen für den Militärdienst eingezogen. Rashno wurde an die vorderste Front geschickt, und Barzin stationierten sie in einer Wüstenstadt, ca. 700 Kilometer von Teheran entfernt, in einem Kriegsgefangenenlager für irakische Soldaten. Oh, ich wünschte mir, er wäre nie dort gewesen. Denn das war der Ort, an dem er das grausame Handwerk des Foltermeisters erlernte. Um Informationen aus den feindlichen Soldaten herauszubekommen, folterte er sie tagelang, indem er sie zum Beispiel des Schlafes beraubte oder kopfüber an eine Stange hängte, bis sich das Blut im Kopf staute.

Jedes Mal, wenn Barzin auf Heimaturlaub war, bekam ich genau diese Foltermethoden an meinem eigenen Körper zu spüren. Ich war gerade mal sieben Jahre alt, doch mein Bruder kannte keine Gnade. Die Zeit im Kriegsgefangenenlager hatte ihn jeglicher Menschlichkeit beraubt.

An einem schwülen Sommerabend kam ich mit einer schlechten Note nach Hause. Es war keine wirklich schlechte Note, sie lag nur einen halben Punkt unter der Bestnote. Aber in Barzins Augen war jede Note, die von der Bestnote abwich, eine schlechte Note und musste dementsprechend bestraft werden.

»Geh ruhig mit deinen Freunden spielen«, sagte er, als ich ihm das Diktat vorlegte, »ich bestrafe dich dann am Abend.«

Ich schluckte, denn ich wusste genau, was mich erwartete, wenn ich vom Spielen zurückkam. Und ich wusste ebenfalls, dass mir niemand zu Hilfe kommen würde, selbst meine Eltern nicht. Mein Vater und meine Mutter mischten sich schon lange nicht mehr ein, wenn es um meine Erziehung ging. Von klein auf waren es meine beiden ältesten Brüder gewesen, die mir sagten, wo’s langging, und Nasrin hatte sozusagen die Rolle der Mutter übernommen. So sehr ich Nasrin liebte, fürchtete ich mich vor Barzin und Rashno, aber am meisten vor Barzin und seinen brutalen Züchtigungen, die er im Krieg erlernt hatte.

Es kam, wie es kommen musste: Nachdem sich alle schlafen gelegt hatten, riss mich Barzin unsanft aus meinem Bett und befahl mir, mich im Wohnzimmer ihm gegenüber hinzusetzen. Während er seiner Lieblingsbeschäftigung nachging, welche darin bestand, alle Zeitungen nach interessanten Artikeln zu durchforsten und diese auszuschneiden, musste ich still dasitzen und ihm dabei zusehen, und zwar stundenlang. Jedes Mal, wenn ich kurz davor war einzunicken, schickte er mich ins Badezimmer, damit ich mir mit kaltem Wasser das Gesicht waschen konnte. Auf diese Weise hielt er mich bis zum Morgengrauen wach.

Weit schlimmer als Schlafentzug war es, kopfüber an einer Stange zu hängen. Diese Strafe kassierte ich ein, wenn ich eine Note nach Hause brachte, die mehr als einen ganzen Punkt unter der Bestnote lag. Es war grausam. Mein Bruder band mich mit den Füßen an einer Trainingsstange fest und setzte sich dann seelenruhig an den Tisch, um die Zeitung zu lesen.

»Bitte lass mich runter!«, flehte ich ihn unter Tränen an, während mir das Blut in den Kopf lief und ich das Gefühl hatte, er müsste gleich explodieren. »Bitte, Barzin! Bitte!«

Aber Barzin war damit beschäftigt, minutiös und hingebungsvoll Zeitungsartikel auszuschneiden, und ignorierte mich einfach. Von Zeit zu Zeit warf er mir einen prüfenden Blick zu, um zu sehen, ob ich noch bei Bewusstsein war, und kurz bevor ich ihm wegkippte und womöglich einen Hirnschaden hätte davontragen können, erlöste er mich für einige Minuten von meinen Qualen, um dann wieder von vorne zu beginnen.

Meine Eltern und Geschwister pfuschten ihm nie ins Handwerk. Oft wünschte ich mir, wenigstens meine Mama hätte den Mut aufgebracht, die Stimme gegen meinen Bruder zu erheben und mich von meiner Tortur zu befreien. Aber sie hatte es nie gelernt, sich durchzusetzen. Ein Leben lang war sie von ihrem eigenen Vater misshandelt und schließlich prügelnd in eine Zwangsehe weitergereicht worden, wo sie ebenfalls nur ausgenutzt und sogar dann noch von meinem Vater geschlagen wurde, wenn sie sechs Stunden lang mit drei kleinen Kindern im Arm in der Küche verbracht hatte, um etwas zu kochen und zum Schluss vergessen hatte, den Salzstreuer aufs Sofreh zu stellen. Bedingungslose Unterwerfung war alles, wozu sie erzogen worden war. Und deswegen konnte ich auch nicht mit ihrer Unterstützung rechnen, wenn es um meine Züchtigung ging.

Nur einmal, nur ein einziges Mal mischte sie sich ein. Und ich weiß ehrlich gesagt nicht, was sonst aus mir geworden wäre. Es begann damit, dass Ali, ein Nachbarsjunge, und ich nur so zum Spaß bei den geparkten Autos in der Nachbarschaft die Luft aus den Reifen ließen. Dabei musste auch das Motorrad meines Bruders Barzin dran glauben. Kichernd ließen wir eine Menge Luft aus dem Hinterrad entweichen. Dann wandten wir uns anderen Spielen zu und dachten nicht mehr weiter über den Streich nach. Dass Barzin ein paar Minuten später das Haus verließ, um ein paar Besorgungen zu machen, bemerkte ich nicht, sehr wohl aber, dass er zwanzig Minuten später, das Motorrad neben sich herschiebend, zurückkam und mich mit finsterer Miene im Garten des Generals aufsuchte, so als wüsste er Bescheid.

»Verabschiede dich von deinem Freund«, sagte er schroff. »Wir beide haben etwas zu bereden.«

Ich wusste sehr wohl, was diese Worte bedeuteten, und folgte meinem Bruder mit hängenden Schultern nach Hause. Barzin stapfte zielstrebig ins Wohnzimmer, bückte sich und klappte ein Stück des Perserteppichs zurück. Ich erschauerte, als mir klar wurde, was Barzin vorhatte. Unter dem Teppich kam eine Falltüre zum Vorschein. Es war der Einstieg in eine geheime unterirdische Kammer, in welcher mein Vater seinen Safe und andere wichtige Dinge aufbewahrte. Ich mied diesen Raum wie der Teufel das Weihwasser, denn Barzin hatte mir erzählt, dass dort unten in der Dunkelheit Geister wohnen würden. Manchmal, so hatte er mir gesagt, höre er nachts ihre furchterregenden Schreie. Natürlich glaubte ich ihm jedes Wort, und als er mich nun aufforderte, in den Kerker hinunterzuklettern, wurde mir angst und bange. Unter Tränen flehte ich ihn an, mich nicht zu den Geistern zu schicken. Aber es half alles nichts.

»Strafe muss sein!«, sagte Barzin emotionslos. »Los! Runter mit dir!«

»Bitte, Barzin! Ich will nicht!«

Meine kleinen Hände klammerten sich verzweifelt an den Hosenbeinen meines Bruders fest, doch er schüttelte mich ab wie ein lästiges Insekt und stieß mich grob in die Dunkelheit hinunter. Ein lautes Ächzen, und die Falltüre fiel über mir ins Schloss. Ich hörte ein leises Rascheln, als der Teppich über die Tür gezogen wurde. Dann war es still, totenstill. Kühle Finsternis umschlang mich. Ich rechnete mir aus, dass Barzin mir bloß eine Lektion erteilen und mich jeden Moment wieder aus dem unheimlichen Kerkerloch befreien würde. So schlimm war mein Vergehen nun auch wieder nicht gewesen, dass er mich tatsächlich den Geistern überlassen würde. Oder etwa doch?

Mein Herz pochte zum Zerspringen. Ich stand in der Dunkelheit und wartete. Aber nichts geschah. Nur wenige Sekunden waren verstrichen, als ich plötzlich spürte, wie sich etwas im Raum bewegte! Ich war nicht allein hier! Die Geister waren da! Sie waren da, um mich zu holen! Panische Angst erfasste mich. Wie am Spieß begann ich zu schreien und zu weinen. Ich war mir sicher, dass ich meine Eltern und Geschwister nie mehr wiedersehen würde. Das war das Ende. Ich verkroch mich wie ein geprügelter Hund in eine Ecke und wartete darauf, von den Geistern angegriffen und verschleppt zu werden. Und mit jeder Minute, die verstrich, wurden die Qualen meiner zarten Kinderseele größer. Irgendwann verwandelte sich mein Schreien in ein Wimmern, und schließlich drang nur noch ein leiser Schluckauf aus meiner trockenen Kehle. Wie lange ich in dem dunklen Verlies kauerte, hätte ich nicht sagen können. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Irgendwann verlor ich das Bewusstsein und kam erst wieder zu mir, als mir jemand eiskaltes Wasser ins Gesicht leerte. Alles um mich herum war verschwommen. Wie aus weiter Ferne oder durch Watte hindurch hörte ich die Stimme meiner Mutter, die Barzin mit vielen Kraftausdrücken betitelte und ihn aufs Heftigste beschimpfte.

»Du hättest ihn fast umgebracht!«, schrie sie ihn an.

Die Umrisse wurden wieder schärfer, meine Sinne kehrten zu mir zurück, und ich sah, dass ich auf dem Boden unseres Wohnzimmers lag. Meine Mama hatte sich über mich gebeugt wie eine Löwin, die ihr Junges verteidigt, und kühlte mit einem nassen Tuch meine Stirn. Ich war unsagbar froh, sie zu sehen. Nicht auszudenken, was mit mir geschehen wäre, hätten meine Eltern mich nicht rechtzeitig aus meinem Martyrium befreit. Das war meine erste und letzte Erfahrung mit dem Haus der Geister. Von da an verschonte mich mein Bruder mit den Geistern und bestrafte mich wieder mit den herkömmlichen Foltermethoden.

Rashno, mein ältester Bruder, der bereits 25 Jahre alt war, hatte bei seiner Rekrutierung nicht so viel Glück wie Barzin. Er wurde an die vorderste Front geschickt. Hier standen sich die iranischen und irakischen Soldaten auf eine Distanz von 50 Metern gegenüber. Jeden Tag gab es Dutzende von Toten auf beiden Seiten durch Scharfschützen und Mörsergranaten. Rashno teilte sich mit einem Soldaten einen Zweimann-Grabenbunker. Es schneite zu dieser Zeit unbarmherzig viel, und Rashno und sein Kamerad, der in dieser harten Zeit wie ein Bruder für ihn geworden war, fragten sich, was sie wohl zuerst umbringen würde: die feindlichen irakischen Scharfschützen oder die eisigen Temperaturen unter minus 20 Grad.

Zur selben Zeit und...