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Im Visier - Ein Jack-Reacher-Roman

von: Lee Child

Blanvalet, 2018

ISBN: 9783641221065 , 416 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 9,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Im Visier - Ein Jack-Reacher-Roman


 

1

Bis vor einer Woche hatten Höhen und Tiefen mein Leben geprägt. Teils war es gut. Teils nicht so gut. Größtenteils war es gleichförmig. Lange träge Perioden, in denen nicht viel passierte, und zwischendurch kurzzeitig hektische Aktivität. Eigentlich wie beim Militär. Und auf diese Weise fanden sie mich. Man kann die Army verlassen, aber sie verlässt einen nie. Nicht endgültig. Nicht vollständig.

Die Fahndung der Army nach mir begann zwei Tage nachdem irgendein Kerl auf den französischen Präsidenten geschossen hatte. Davon hatte ich in der Zeitung gelesen. Ein Attentat aus großer Entfernung mit einem Scharfschützengewehr. Damit hatte ich nichts zu tun. Ich war fast sechstausend Meilen weit entfernt in Kalifornien mit einer jungen Frau zusammen, die ich in einem Bus kennengelernt hatte. Sie wollte zum Film. Ich nicht. Deshalb ging sie nach achtundvierzig Stunden in L. A. ihres Weges, und ich fuhr mit dem Bus weiter. Erst für ein paar Tage nach San Francisco, anschließend nach Portland, Oregon, wo ich drei Tage blieb, und dann weiter nach Seattle. Auf dieser Strecke hielt der Bus an der Abzweigung nach Fort Lewis, wo zwei Frauen in Uniform ausstiegen. Dabei ließen sie auf dem Sitz jenseits des Mittelgangs ein Exemplar der Army Times vom Vortag liegen.

Die Army Times ist eine seltsame alte Zeitung. Sie wurde vor dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen, erscheint weiterhin wöchentlich, ist voller Nachrichten von gestern und bringt alle möglichen praktischen Tipps und Informationen, wie die Schlagzeilen dieser Ausgabe verkündeten: Neue Bestimmungen! Änderungen bei Abzeichen und Aufnähern! Vier weitere Uniformänderungen geplant! Gerüchten nach sind die Nachrichten von gestern, weil sie aus alten AP-Zusammenfassungen abgeschrieben werden, aber wer die Texte genauer analysiert, entdeckt manchmal wirklichen Sarkasmus zwischen den Zeilen. Die Leitartikel sind gelegentlich mutig, die Nachrufe manchmal interessant.

Was der einzige Grund dafür war, dass ich nach der Zeitung griff. Manchmal sterben Leute, deren Tod einen freut. Oder auch nicht. In beiden Fällen muss man davon erfahren. Aber so weit kam ich nie, denn auf der Suche nach den Nachrufen blieb ich bei den Kleinanzeigen hängen. Wie immer suchten dort Veteranen andere Veteranen. In Dutzenden von Anzeigen, alle mit ähnlichem Text.

Darunter eine mit meinem Namen.

Genau mitten auf der Seite standen eingerahmt fünf Wörter in Fettdruck: Jack Reacher Rick Shoemaker anrufen.

Das musste Tom O’Days Werk sein. Allein deshalb kam ich mir später ein bisschen lahm vor. Nicht dass O’Day kein cleverer Typ gewesen wäre. Das musste er sein, denn er hatte lange überlebt. Sogar sehr lange. Ihn gab es seit ewigen Zeiten. Wie ein Hundertjähriger hatte er schon vor zwanzig Jahren ausgesehen. Dieser große, dürre, hagere, ausgezehrte Mann bewegte sich, als könnte er jeden Augenblick wie eine defekte Stehleiter zusammenklappen. Er entsprach niemandes Vorstellung von einem Infanteriegeneral, sondern sah eher wie ein Professor aus. O’Day hätte ein Anthropologe sein können. Seine Überlegung war jedenfalls schlüssig gewesen: Reacher bleibt unter dem Radar, was Busse und Züge, Wartesäle und Schnellrestaurants betrifft, die – zufällig oder nicht – der wirtschaftlich vernünftige Lebensraum von Mannschaftsdienstgraden sind, die im PX eher die Army Times als irgendeine andere Zeitung kaufen und sie um sich herum verbreiten, wie Vögel Beerensamen verbreiten.

Und er konnte damit rechnen, dass mir ein Exemplar in die Hände fallen würde. Irgendwie. Früher oder später. Irgendwann. Weil ich mich informieren wollte. Man kann die Army verlassen, aber sie verlässt einen nie. Nicht vollständig. Betrachtete man die Army Times als Kommunikationsmittel, durch das man mit jemandem Kontakt aufnehmen konnte, musste er sich ausgerechnet haben, dass zehn bis zwölf nacheinander erscheinende Anzeigen eine kleine, aber realistische Chance auf Erfolg hatten.

Aber schon der erste Versuch hatte Erfolg. Einen Tag nach dem Erscheinen der Zeitung. Deshalb kam ich mir später lahm vor.

Ich war berechenbar.

Rick Shoemaker war Tom O’Days rechte Hand. Inzwischen vermutlich sein Stellvertreter. An sich leicht zu ignorieren. Aber ich war Shoemaker einen Gefallen schuldig, was O’Day offenbar wusste. Deshalb hatte er seinen Namen in die Anzeige gesetzt.

Und deshalb würde ich mich melden müssen.

Berechenbar.

Seattle war trocken, als ich aus dem Bus stieg. Und warm. Und in dem Sinn auf Zack, dass überall Unmengen von Kaffee getrunken wurden, was es zu meiner Art Stadt machte, und in dem Sinn, dass es überall Wifi-Hotspots und Smartphones gab, die mich nicht interessierten, und altmodische Münztelefone an Straßenecken deshalb schwer zu finden waren. Drunten am Fischmarkt gab es jedoch eines, deshalb stand ich von Meeresgerüchen umgeben in der salzhaltigen Brise und wählte eine gebührenfreie Nummer im Pentagon. Eine Nummer, die ich vor vielen Jahren auswendig lernte. Eine spezielle Nummer nur für Notfälle. Weil man nicht immer einen Quarter in der Tasche hatte.

Eine Telefonistin meldete sich. Ich verlangte Shoemaker und wurde weiterverbunden – innerhalb des Gebäudes oder der USA oder weltweit, und nach mehrmaligem Klicken und Zischen und einer langen Pause, in der man gar nichts hörte, war Shoemaker endlich dran und sagte: »Ja?«

»Hier ist Jack Reacher«, sagte ich.

»Wo sind Sie?«

»Haben Sie nicht alle möglichen Geräte, die das automatisch anzeigen?«

»Ja«, sagte er. »Sie sind in Seattle, an einem Münztelefon drunten am Fischmarkt. Aber uns ist’s lieber, wenn Leute solche Auskünfte freiwillig geben. Wir finden, dass das anschließende Gespräch dann flüssiger wird. Weil sie schon kooperieren. Sie beweisen Interesse.«

»Woran?«

»An dem Gespräch.«

»Führen wir ein Gespräch?«

»Eigentlich nicht. Was sehen Sie direkt vor sich?«

Ich sah hin.

»Eine Straße«, sagte ich.

»Links?«

»Fischläden.«

»Rechts?«

»Einen Coffeeshop schräg gegenüber nach der Ampel.«

»Name?«

Ich gab ihn durch.

Er sagte: »Setzen Sie sich dort rein und warten Sie.«

»Worauf?«

»Dass Sie abgeholt werden. Dauert ungefähr eine halbe Stunde«, antwortete er und legte auf.

Niemand weiß wirklich, weshalb Kaffee in Seattle eine so wichtige Rolle spielt. Seattle ist eine Hafenstadt, deshalb war es vielleicht vernünftig, den Kaffee dort zu rösten, wo er ins Land kam, und ihn anschließend auch dort zu verkaufen, was weitere Kaffeeröster anlockte, genau wie die Autobauer alle in Detroit landeten. Oder vielleicht ist das Wasser genau richtig. Oder es liegt an der Ortshöhe, der Temperatur oder der Luftfeuchtigkeit. Jedenfalls gibt es in jedem Straßenblock einen Coffeeshop, und wer gern Kaffee trinkt, muss dafür einen vierstelligen Betrag pro Jahr ansetzen. Der Coffeeshop schräg gegenüber nach der Ampel war beispielhaft. Er hatte kastanienbraune Farbe und Sichtmauerwerk, naturbelassenes Holz und eine Tafel, auf der mit Kreide Dinge angeschrieben waren, von denen neunzig Prozent nicht in einen Kaffee gehörten: Milchprodukte in verschiedenen Geschmacksrichtungen und Temperaturen, seltsame Aromen auf Nussbasis und weitere Verunreinigungen. Ich bestellte die Hausmarke, schwarz, ohne Zucker, in einem mittelgroßen Becher, keinen Grande-Eimer, wie ihn manche Leute mögen, mit einem großen Stück Zitronenkuchen und saß damit allein auf einem harten Holzstuhl an einem Zweiertisch.

Der Kuchen beschäftigte mich fünf Minuten, der Kaffee weitere fünf, und achtzehn Minuten später kam Shoemakers Mann herein. Was bedeutete, dass er bei der Marine waren, denn achtundzwanzig Minuten war ziemlich schnell, und die Navy befand sich hier in Seattle. Sein Wagen war dunkelblau. Er fuhr eine Limousine in Einfachausstattung, nicht sehr ansprechend, aber auf Hochglanz poliert. Der Kerl selbst war Anfang dreißig, drahtig und durchtrainiert. Er trug Zivil. Einen blauen Blazer über einem blauen Polohemd, dazu khakifarbene Chinos. Der Blazer war abgewetzt, Hemd und Hose waren schon tausendmal gewaschen worden. Vermutlich ein Senior Chief Petty Officer, ein Hauptbootsmann, wahrscheinlich bei den Special Forces, mutmaßlich ein SEAL, ein Kampfschwimmer, bestimmt an irgendeinem zweifelhaften Unternehmen beteiligt, das unter O’Days Aufsicht stand.

Er betrat den Coffeeshop mit einem raschen, ausdruckslosen Rundblick, als hätte er ungefähr eine Fünftelsekunde Zeit, Freund oder Feind auszumachen, bevor er zu schießen begann. Seine knappe Einweisung, sicher aus einer alten Personalakte, musste mündlich erfolgt sein, aber er hatte die Eckpunkte eins fünfundneunzig und hundertzehn Kilo. Alle anderen Gäste waren Asiaten, überwiegend Frauen, die meisten klein und zierlich. Der Kerl kam geradewegs auf mich zu und fragte: »Major Reacher?«

Ich sagte: »Nicht mehr.«

Er fragte: »Dann Mr. Reacher?«

Ich sagte: »Ja.«

»Sir, General Shoemaker möchte, dass Sie mitkommen.«

Ich fragte: »Wohin?«

»Nicht weit.«

»Wie viele Sterne?

»Sir, ich kann Ihnen nicht folgen.«

»Hat General Shoemaker?«

»Einen, Sir. Brigadegeneral Shoemaker, Sir.«

»Wann?«

»Wann was, Sir?«

»Ist er befördert worden?«

»Vor zwei Jahren.«

»Finden...