dummies
 
 

Suchen und Finden

Titel

Autor/Verlag

Inhaltsverzeichnis

Nur ebooks mit Firmenlizenz anzeigen:

 

Dai-oo-ika - Ein Punktown-Roman

von: Jeffrey Thomas

Festa Verlag, 2017

ISBN: 9783865525857 , 100 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 4,99 EUR

Exemplaranzahl:


Mehr zum Inhalt

Dai-oo-ika - Ein Punktown-Roman


 

PROLOG – ABFALL

In Paxton gab es Viertel, die die Polizei nur ungerne aufsuchte – wenn überhaupt. Tin Town zum Beispiel, oder Warehouse Way. Ersteres war zum Großteil den Mutanten überlassen worden, Letzteres den Hausbesetzern in den stillgelegten Lagerhallen, die ihm seinen Namen gaben. Brände überließ man in solchen Gegenden manchmal sogar sich selbst, ungeachtet der Tatsache, dass die städtischen Brandbekämpfungseinheiten weitestgehend automatisiert waren.

Beaumonde Square gehörte jedoch nicht zu den gemiedenen Bereichen von Punktown, wie die Riesenmetropole im Laufe der Jahre inoffiziell genannt wurde. Seit Erdkolonisten sie auf den bescheidenen Fundamenten der hiesigen, ihr vorausgegangenen Choom-Stadt errichtet hatten. Wie eine große Kathedrale auf einem altertümlichen Heidenaltar.

Nein, Beaumonde Square war eines der wohlhabenderen Stadtviertel. In seinem Umkreis befanden sich die Universität von Paxton sowie das Beaumonde-Frauen-College. Hier gab es Plätze und enge Straßen, die entweder noch das Kopfsteinpflaster der ursprünglichen Choom-Straßen aufwiesen oder deren pittoreskes Aussehen imitierten. Vor den vornehmen Ladenzeilen standen penibel angeordnete Bäume sowie Steinbänke, auf denen man seinen Cappuccino genießen konnte. Es gab Quidd’s Market, an dessen unzähligen Ständen Lebensmittel eines Querschnitts von Punktowns zahlreichen intelligenten Lebensformen – ob menschlicher oder anderer Erscheinung – feilgeboten wurden. Der Rundbau im Zentrum der Anlage, die einem Einkaufszentrum ähnelte, sollte den hiesigen Planeten Oasis repräsentieren. Er war als Einladung an die ersten Kolonisten erbaut worden und hatte sie auf den Markt locken sollen, damit sie dort Handel betrieben. Geld hatte die Straßen von Beaumonde Square von Beginn an genauso gepflastert wie ihre Pflastersteine.

Dennoch war es selbst den ärmsten Bewohnern von Punktown, die auf eigenen Beinen gingen, möglich, das Kopfsteinpflaster zu betreten. Gesetzeshüter – oder Forcer, wie sie schlicht genannt wurden – ließen sich von diesem Straßenwirrwarr nicht abschrecken und verscheuchten so viele Störenfriede wie möglich. Doch Punktowns Verbrechensrate war legendär. Die Einwohner der Krisengebiete flohen oft in weniger anarchistisch geprägte Viertel, so wie die Überbauung auf der Erde einst Kojoten, Hirsche und Bären in die Vorstädte gelockt hatte (damals, als solche Tiere noch außerhalb von Zoos existierten). Oftmals flohen diese gescheiterten Existenzen jedoch gar nicht deshalb, weil ihr Viertel so heruntergekommen war, dass es kaum noch bewohnt werden konnte. Manche von ihnen waren einfach nur neugierig. Wagemutige Entdecker wie die ersten Erdkolonisten. Doch sogar sie waren schon von einigen Leuten mit Krebsgeschwüren im Anfangsstadium verglichen worden.

Brat Gentile hatte die rote Linie bis zur blauen Station genommen, dann die blaue Linie bis zum Oval Square. Von hier aus war er wieder an die Oberfläche gegangen und befand sich schon bald auf der Beaumonde Street.

Obwohl er seine weiße Lederjacke erst vor einem Monat gekauft hatte, betrachtete er sehnsüchtig die robotischen Schaufensterpuppen hinter den Scheiben, die in einer Abfolge einprogrammierter Posen modernere Variationen dieser beliebten Modeerscheinung präsentierten. Während er die Kleidungsstücke bewunderte, musste Brat jedoch mit empörter Belustigung prusten. Die Jugendlichen aus Beaumonde Square versuchten also, wie Bandenmitglieder auszusehen, hm? Indem sie Klonlederjacken wie diese hier trugen und modische Gummibademützen wie die rosa Kappe, die Brat gerade aufhatte, und dabei den bandentypischen Jargon benutzten. Sie erinnerten ihn an eine einheimische Motte, die er in einer VT-Sendung gesehen und die Punkte und Muster auf dem Leib hatte, mit denen sie das Gesicht einer Schlange imitierte.

Allerdings war seine Abneigung den begünstigteren Bewohnern von Punktown gegenüber, die ihm anscheinend bereits in die Wiege gelegt worden war, durch seine Beziehung mit Smirk abgeschwächt worden. Smirk, den Spitznamen hatte er ihr gegeben, lebte nicht mitten in Beaumonde Square, aber wenn ihre Familie das gewollt hätte, dann hätte sie das durchaus gekonnt. Sein Erstaunen darüber, dass sie in sein Leben getreten war und sich in ihn verliebt hatte … in ihn …, reichte noch immer bis an die Grenze zur Irritation.

Doch ihr plötzliches Verschwinden irritierte ihn sogar noch mehr.

So streifte er mehr oder weniger ziellos umher und ließ dabei den letzten Rest seiner Wut von sich abfallen. Eigentlich hatte er seine beiden besten Kumpel von den Folger Street Snarlers gebeten, ihn heute Nachmittag auf seiner Erkundungstour zu begleiten, doch sie hatten fadenscheinige Ausreden vorgebracht. Sie mochten Smirk nicht besonders und misstrauten ihr wegen ihres Geldes. Sie hatten angedeutet, dass sie nur so tat, als wäre sie verwegen. Dass sie sich nur mit ihm schmückte, so wie sich die Jugendlichen aus den Nobelvierteln mit ihren bandenartigen Outfits schmückten. Brat nahm allerdings an, dass seine Freunde insgeheim auch ein wenig neidisch auf seine Prachtschnitte waren. Zu guter Letzt hatte er sogar seine Ex-Freundin Clara gebeten, ihn bei seinem Ausflug zu begleiten, doch sie hatte behauptet, heute auf die Kinder ihrer Schwester aufzupassen. Natürlich zweifelte er an dieser Ausrede. Warum sollte sie ihm auch bei der Suche nach seiner aktuellen Freundin helfen? Brat fand aber, dass sie ihn an erster Stelle als Bandenkameraden betrachten sollte, und erst an zweiter als ihren Ex-Freund. So viel zum Thema Loyalität unter Freunden. Scheiß auf sie! Von seiner Bandenmitgliedschaft abgesehen hatte Brat kein Problem damit, sich notfalls auch alleine durchzuschlagen. Manchmal war ihm das sogar lieber. Ja, genau. Wie ein Hai in einer dieser Natursendungen, die er und sein Bruder Theo sich in ihrer Kindheit gerne angesehen hatten und die sie sich in der Wohnung, in der sie zusammen mit Theos Frau lebten, noch immer gerne gemeinsam ansahen. Er hatte keinen Zweifel, dass Theo ihn heute begleitet hätte, doch er und seine Frau waren für eine Weile in Miniosis bei ihrer Familie. Am Telefon hatte er seinem Bruder das mit Smirk erzählt, und da Theo besorgt reagiert hatte, wusste Brat, dass er ihn nicht wie seine Freunde im Stich gelassen hätte.

Fairerweise musste er jedoch zugeben, dass es hilfreich gewesen wäre, hätte er sich ihnen gegenüber in Bezug auf Smirks Verschwinden weniger schwammig geäußert. Andererseits kam es ihm selbst noch immer recht schwammig vor.

Brat betrat Quidd’s Market am einen Ende und kam mit Fettfingern von der Tüte Dickwurzeln, die er verputzt hatte, und einer Eistüte in der Hand am anderen Ende wieder heraus. Seine Mission hatte weder seine Neugier noch seinen Appetit gezügelt. Er hatte die Eistüte noch in der Hand und war gerade dabei, die Waffel anzuknabbern, als ihn seine rastlosen Beine schließlich nach Steward Gardens trugen.

Das war zumindest der Name, der auf der großen Tafel vor dem Gebäudekomplex stand. Die Buchstaben waren tief in ihren schiefergrauen Hintergrund eingraviert wie die Inschrift auf einem Grabstein: STEWARD GARDENS.

»Ha!«, sagte Brat. Obwohl ihn die Suche nach einem Ort ebendieses Namens hierhergeführt hatte, wirkte er überrascht. So als hätte er nicht wirklich damit gerechnet, ihn zu finden. Als wäre dieser Ort – und auch Smirks Stimme am Telefon – nur eine Ausgeburt seiner Träume gewesen.

»Du findest mich in Steward Gardens«, hatte sie ihm gesagt, und ihre Stimme war im tosenden Hintergrundrauschen beinahe untergegangen. »Er bringt mich … Steward Gardens …«

Er hatte in den Hörer geschrien, sie angefleht, mehr zu sagen, doch danach war nur noch das Rauschen zu hören gewesen. Er? Wer war er? Jemand, der sie entführt hatte? Als ihm der Schreck aus den Knochen gewichen war, hatte er den Einfall gehabt, seinen Computer einzuschalten und im Netz nach Steward Gardens zu suchen. Viel gefunden hatte er nicht, aber zumindest hatte er herausgefunden, wo das war. In der Beaumonde Street.

Jetzt, wo er diesen Ort tatsächlich gefunden hatte, wusste er nicht, was er damit anfangen sollte.

Innerhalb der Grenzen von Punktown gab es so viele unterschiedliche Gebäude wie intelligente Arten. Zweifellos gab es in dieser Stadt weitaus ungewöhnlichere und originellere Bauwerke. Er sah sich zum Beispiel sehr gerne die Außenwände der Bibliothek auf der unterirdischen Ebene – oder B-Ebene – der Folger Street an. Dort befanden sich große Aquarien, in denen es vor Quallen vieler verschiedener Planeten nur so wimmelte (ein besonders beeindruckender Anblick, wenn man mit Purpurstrudel vollgedröhnt war). Ein Wolkenkratzer, den man von der oberirdischen Ebene der Folger Street aus sehen konnte, wurde an seiner Spitze von einer grün lodernden Flamme beleuchtet wie eine riesige Kerze. Allerdings wusste er nicht, ob die Flamme mit Gas erzeugt wurde oder nur ein Hologramm war.

Dieses Gebäude hier war weniger auffällig, gar trist. Dennoch bannte es seine Aufmerksamkeit und brachte ihn dazu, seine Blicke über seine Oberfläche und in die schattenhafteren Ecken und Vertiefungen gleiten zu lassen. Langsam trieb er darauf zu, während er unbewusst weiter an seiner Eiswaffel knabberte.

Wie intensiv sollte er jetzt nach ihr suchen? Wie sehr sollte er sich vor möglichen Entführern in Acht nehmen? Sie werde dort sein, hatte sie gesagt. War sie es denn noch nicht?

Er folgte dem Weg zum Eingang, vorbei an dem, was gerade noch als Garten erkennbar war. Diese vordere Außenanlage, die das Gebäude von der Straße trennte, war früher einmal mit Blumenbeeten und Sträuchern...