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Der Lärm der Fische beim Fliegen - Roman

von: Lars Lenth

Limes, 2018

ISBN: 9783641201913 , 288 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 13,99 EUR

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Der Lärm der Fische beim Fliegen - Roman


 

2

Ungefähr gleichzeitig und achthundert Kilometer weiter südlich, auf der Insel Gåsøya in der Gemeinde Bærum, saß der Rechtsreferendar Leo Vangen barfuß im Liegestuhl auf seiner Terrasse. Er schüttelte ein Bein und starrte auf einen Punkt auf der anderen Seite des Oslofjords.

Das Krankenhaus Sunnaas auf der Halbinsel Nesodden.

Leo genoss es, zu dem großen Gebäude hinüberzuschauen, in das vornehmlich »Patienten mit komplexen Funktionsverlusten nach Krankheit oder Unfall« eingewiesen wurden. Allein die Tatsache, dass er sich nicht dort befand, sondern hier, sicher in einem gestreiften Liegestuhl in Norwegens reichster Kommune, erfüllte ihn mit innerer Ruhe und Dankbarkeit. Normalerweise. Heute jedoch half selbst intensives Hinüberstarren zu dem schicksalsträchtigen Gebäude wenig. Leo kribbelte es am ganzen Körper.

Zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren hatte er seinen alten Freundeskreis zum Abendessen eingeladen.

Leo stand auf, schlurfte über die Terrasse ins Haus, zog die Daunenjacke aus und ging ins Bad. Er nahm die Pillendose aus dem Spiegelschrank, warf zwei Valiumtabletten ein und spülte sie mit Leitungswasser herunter. Kein Grund, sich zu schämen, dachte er und starrte in den Abfluss.

Man lebt sich auseinander, das ist völlig normal, hatte er sich all die Jahre eingeredet und wie ein Mantra wiederholt, doch allmählich sah er ein, dass es an ihm lag. Manche der alten Freunde hatte er seit zwanzig Jahren nicht gesehen, und der wahre Grund dafür war, dass er sich schämte. Sein Leben war nicht ganz so spektakulär verlaufen, wie er es sich gedacht hatte.

Noch immer kein Volljurist, ein Hungerlohn und ein lausiges Büro im hässlichsten Gebäude von Lilleaker.

Noch immer einsamer Hausmeister in einem baufälligen Haus auf Gåsøya, umgeben von Palästen.

Leo hatte es gemeinsam mit seinen Geschwistern geerbt. Er durfte im Sommer dort wohnen, wenn er dafür die Bruchbude vor dem Einsturz bewahrte. Kurz vor Ostern war er wieder eingezogen, hatte ein paar Planken und Scheiben erneuert und sich ein Büro für die Heimarbeit eingerichtet. Theoretisch freute er sich über den Platz, doch er nutzte nur ein Drittel des Hauses.

Als junger Mann hatte er sich geschworen, auf keinen Fall in Bærum zu versauern. Nun lag sein fünfzigster Geburtstag näher als sein vierzigster, und er hatte sich nicht vom Fleck gerührt.

Das Älterwerden hatte einen Vorteil: Niemand kümmerte sich darum, was er tat. Die Leute fragten ihn längst nicht mehr nach seinen Zielen, keiner erwartete etwas von ihm. Umgekehrt konnte er auf alles pfeifen, und darin war er sehr gut geworden.

Leo ging in die Küche, schälte zwei Bananen und eine Kiwi, nahm ein Päckchen gefrorene Erdbeeren aus dem Kühlfach und gab Obst und Beeren mit etwas Vanillezucker und Apfelsaft in den Mixer. Ein gesunder Start in den Tag, der alles Ungesunde kompensieren sollte, das heute bevorstand.

Er hatte mehrere Lebenspartnerinnen gehabt, war sogar verheiratet gewesen. Nun war er Single. Er hatte eingesehen, dass es wohl das Beste für alle war.

Leo schlurfte zum Bücher- und Musikregal, das eine ganze Wand einnahm, legte das Massive-Attack-Album Mezzanine auf und schleppte sich wieder hinaus. Unter den nackten Füßen fühlte er die glatten, frisch lackierten Eichendielen. Der modrige Geruch war verschwunden, und der Duft des frischen Lackes erinnerte ihn unwillkürlich an ein Ereignis aus der Schulzeit. Weihnachten 1977 hatte sein Klassenkamerad Axel Platou einen Eimer Holzlack in der Garage gefunden. Der Duft der zähen Flüssigkeit hatte dem neugierigen Zwölfjährigen so gefallen, dass er wissen wollte, was geschehen würde, wenn er eine Socke hineintunkte und unter die Nase hielt. Leo sah die zwei ernst dreinblickenden Väter noch lebhaft vor sich, wie sie den bewusstlosen Jungen aus der Toilette trugen. Wer hätte damals gedacht, dass Axel Platou einer der reichsten Männer Norwegens werden sollte? Lächerlich.

Während Leo im Liegestuhl saß, über den Fjord starrte und wartete, dass die Pillen wirkten, trottete sein Mieter Kjartan Smeby mit nacktem Oberkörper durch den Garten und ließ sich in den gelben Liegestuhl bei der Rosenhecke fallen. Der hagere Bildhauer aus Rjukan mit dem sanften Blick und den langen dunklen Locken war gerade aus Indien zurückgekehrt, wo er an irgendeinem Strand drei Monate experimentelles Yoga inklusive Darmspülungen und anschließendem Bandscheibenvorfall betrieben hatte. Er hatte nicht ein Gramm Fett am Körper.

»Wie geht’s deinem Rücken?«, fragte Leo, ohne eine Antwort zu erwarten.

»Magisch«, antwortete Kjartan und starrte in den Himmel.

»Weißt du, was ich gehört habe?«, fragte Leo.

»Was denn?«

»Dass siebzig Prozent aller Prolapse im Kopf stattfinden.«

»Interessant.«

»Ja, nicht wahr?«

Eine Lachmöwe landete auf der Terrasse, hackte probeweise in den frischen Lack und sah die Männer in ihren Liegestühlen fragend an. Die Männer guckten skeptisch zurück.

»Massive Attack?«, fragte Kjartan.

»Jep«, sagte Leo.

»Auf Vinyl?«

»Richtig.«

»Angeber!«

Leo grinste und trank einen Schluck von seinem Smoothie.

»Warum bist du nicht im Büro?«, fragte Kjartan.

»Homeoffice.«

»Du sitzt doch bloß hier rum.«

»Nicht mehr lange. Man muss die schönen Tage ausnutzen.«

Die Möwe hob ab und schwebte davon. Eine frische Brise blähte die Segel der Boote auf dem Oslofjord. Es waren viel weniger als im Juli.

»Mann, geht’s uns gut!« Kjartan pflückte eine Hagebutte und hielt sie unter die Nase.

»Wieso?«, fragte Leo.

»Dass wir hier, im reichsten Land der Welt, auf unserer eigenen Insel sitzen, noch dazu mit so einer Aussicht.«

Leo sah den Künstler an, runzelte die Stirn und starrte dann wieder über den Fjord. Seine graublauen Augen erweckten den Eindruck, als betrachte er alles und jeden mit Misstrauen. »Ich habe ein paar Leute zum Abendessen eingeladen.«

»Schön«, sagte Kjartan, als sei es das Natürlichste der Welt.

»Ich habe noch nie jemanden hierher eingeladen. Zwanzig Jahre ohne Gäste. Ist das nicht krank?«

»Ist doch gut«, sagte Kjartan.

»Gut, dass jemand kommt, oder gut, dass ich nie Gäste hatte?«

»Gut, dass jemand kommt.«

»Backst du einen Apfelkuchen?« Leo schüttelte ein Bein.

»Na klar«, sagte Kjartan und lächelte breit.

Alle hatten Karriere gemacht, wie die meisten, die in Bærum Ost aufgewachsen waren. Ein promovierter Soziologe, der seine Doktorarbeit über Gewalt in der Familie geschrieben hatte, ein Werbefachmann und Dokumentarfilmer, ein Sozialarbeiter mit eigener Firma, ein Kulturanthropologe und ein Investor. Keine spektakulären Pleiten, Hinterziehungen, Drogen, Totschläge oder Selbstmordversuche. Freilich waren ihre Gesichter vom Leben gezeichnet. Die zahllosen Kompromisse, zu viel Wein und schlaflose Nächte sowie verspielte Chancen hatten ihre Spuren hinterlassen, aber im Großen und Ganzen sahen sie zufrieden aus, zumindest nach ein paar Gläsern chilenischen Rotweins.

Leo hatte seine Gäste mit dem alten Dingi am Anleger des Segelclubs von Snarøya abgeholt, vollgepumpt mit Valium. Die Überfahrt dauerte nur zehn Minuten, aber ihm kam es vor, als würde er die ganze Strecke tauchen.

Die erste Stunde in der Abendsonne auf der Terrasse war komplett surrealistisch. In einem Augenblick war es, als wäre die Zeit stehen geblieben und als säßen dort die vertrauten jungen Männer von vor zwanzig Jahren, verkleidet als angegraute Herren. Im nächsten Augenblick kamen die alten Freunde ihm wie eine Horde Fremder vor, die die Insel okkupiert hatten. Doch während die Sonne langsam unterging und König Alkohol einen versöhnlichen Schleier über das Grüppchen warf, fiel ihm vor allem eins auf:

Wie gewöhnlich sie waren.

Eine völlig normale Clique.

Der Einzige, der hervorstach, war der »Sniffer« Axel Platou. Und er stach gehörig hervor.

Axel war in den Neunzigerjahren steinreich geworden, zuerst durch den An- und Verkauf billiger Zweizimmerwohnungen im Osten von Oslo, dann durch den An- und Verkauf ganzer Firmen und schließlich durch eine Tankschiffsreederei und Lachszucht. Seit der Jahrtausendwende tauchte er regelmäßig in den Medien auf, vor allem in Verbindung mit Kunst im öffentlichen Raum, dem Skimarathon Marcialonga und Streitigkeiten mit anderen Reichen. Die Journalisten liebten ihn. Er trat dynamisch und furchtlos, aber zugleich besonnen auf, im Gegensatz zu den meisten Reichen im Land, die immer etwas zu meckern hatten.

Axel und Leo waren ein Dreamteam gewesen. Sie spielten zusammen bei Stabæk im Mittelfeld, gingen gemeinsam zur Uni, wohnten in einer WG und verliebten sich in dieselbe Frau. Am Ende entschied sich Lene für Axels Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen anstelle von Leos Skepsis und Selbstzweifeln.

»Wisst ihr noch, wie Vibeke Reppe hinter dem Schuppen Børre Bakken für einen Zehner einen geblasen hat?«, fragte Axel Platou und trank einen Schluck Mineralwasser.

Die Jungs sahen einander an und runzelten die Stirn.

»Nein«, sagte Leo, und das stimmte. An so etwas hätte er sich erinnert. Axel Platou erfand Geschichten. Das hatte er immer getan.

Dass Platou nach all den Jahren so dicht neben ihm saß, riss alte Wunden auf. Axel und Lene hatten früh Kinder bekommen. Nur wenige Monate,...