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Die Welt ist so, wie man sie sieht

von: Friedrich Dönhoff

Diogenes, 2018

ISBN: 9783257609028 , 224 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 9,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Die Welt ist so, wie man sie sieht


 

{8}Geschichte einer Freundschaft


Meine erste Erinnerung geht auf den Sommer des Jahres 1980 zurück: Marion hatte beruflich in Bonn zu tun und besuchte uns bei der Gelegenheit zu Hause. Ich war zwölf Jahre alt, saß auf unserem weißen Cordsofa und las im Spiegel, den ich gerade für mich entdeckte.

»Findest du das interessant?«, kam es plötzlich von der Seite. Marion war aus dem Kreis der Erwachsenen herübergekommen. Ihre Augen sehr blau, das Gesicht mit der hohen Stirn familiär vertraut, das silbergraue, gewellte Haar aus dem Gesicht frisiert. Ihre tiefe Stimme warm und klar.

Sie setzte sich neben mich. Zwischen uns entwickelt sich eine Unterhaltung über Politik. Ich war schwer beeindruckt: was meine Großtante alles wusste, wie spannend sie erzählte, wie genau sie zuhörte.

 

Von diesem Tag an blieben wir in Kontakt. Sie schickte mir hin und wieder etwas zu lesen, einen {9}ihrer Leitartikel aus der Zeit oder andere Texte, von denen sie meinte, dass sie einen jungen Menschen interessieren könnten – oder interessieren sollten. Ich schrieb ihr ein paar Gedanken dazu, sie schrieb wieder zurück. Manchmal sprachen wir am Telefon, aber das geschah eher selten, weil Marion ungern telefonierte: zu teuer. Am Ende der kurzen Gespräche sagt sie nur »Addio«, manchmal legte sie sogar ohne Abschiedsgruß auf.

Einige Jahre später erzählte ich ihr von einem Praktikum in einem Studio für Grafik und Design in Hamburg, das ich für die Sommerferien plante.

»Wo wirst du denn wohnen?«, fragte sie.

»Das weiß ich noch nicht, aber es wird sich bestimmt was ergeben.« Meine Eltern haben lange in Hamburg gelebt, ich bin dort geboren.

»Wenn du nichts Vernünftiges findest, kannst du gerne bei mir einziehen«, sagte Marion. »Ich würde mich sogar darüber freuen.«

Marion wohnte im Stadtteil Blankenese. Kurz hinter dem Bahnhof zweigt von der Hauptstraße ein schmaler Weg aus Kopfsteinpflaster ab: der Pumpenkamp. Die Straße führt leicht bergauf, und dann taucht hinter hohen Ahornbäumen und Rhododendronbüschen das kleine Haus auf, in dem Marion seit den sechziger Jahren lebte.

Sechs Wochen lang wohnten wir so {10}selbstverständlich zusammen, als wäre es nie anders gewesen. Jeden Morgen nach dem Frühstück fuhren wir gemeinsam über die Elbchaussee Richtung Innenstadt. Meine Großtante saß am Steuer ihres blauen Porsches. Sie fuhr schnell, die eine Hand auf dem Lenkrad, die andere auf der Gangschaltung. Währenddessen plauderte sie über Politik. Wenn ein Auto vor ihr zu langsam fuhr, fluchte sie: »Blöde Kuh« oder »dummer Kerl«, besonders, wenn der Fahrer bei Gelb bremst. Sie selbst trat bei Gelb noch extra aufs Gas: »Ich finde es sehr befriedigend, bei Orange durchzufahren«, meinte sie. Nach einer bestimmten Ampel verengte sich die Elbchaussee auf eine Spur. Wenn die Ampel auf Grün schaltete, legte Marion hier allergrößten Wert darauf, die Schnellste zu sein. »Ist wohl so ’n gewisser Ehrgeiz dabei«, sagte sie.

 

So schnell, wie Marion über die Elbchaussee brauste, blieb es natürlich nicht aus, dass sie hin und wieder geblitzt wurde. Sie erzählte von einem Strafmandat, das sie bekommen hatte: Statt der erlaubten fünfzig sei sie sechsundfünfzig gefahren. »Ich hab denen gesagt, ich fände es unverschämt zu behaupten, ich sei sechsundfünfzig gefahren. Ich fahre doch immer achtzig. Mindestens.«

Eines Nachts auf dem Heimweg nach der {11}Spätvorstellung eines Kinofilms – Marion saß am Steuer – blitzte es wieder.

»Was war denn das?«

»Na ja, du bist wohl zu schnell gefahren.«

»Meinst du? Um diese Zeit kontrollieren die doch nicht mehr.«

Aber in der Dunkelheit leuchtete schon eine Kelle auf. Wir wurden in eine Seitenstraße gelotst, wo eine Gruppe junger Männer herumstanden, die die Polizei ebenfalls herausgefischt hatte. Wir mussten in einen Bus einsteigen, um die Personalien aufnehmen zu lassen. Marion und ich saßen vor einer Polizistin, die sich automatisch an mich wandte und nach dem Führerschein fragte.

»Wieso brauchen Sie denn von ihm den Führerschein?«, fragte Marion.

Die Polizistin prüfte also Marions Ausweis. Sie schaute mehrere Male ungläubig auf das Geburtsdatum, bevor sie endlich notierte: 1909.

Als der Porsche Jahre später schrottreif war, scheute sich der Verleger Gerd Bucerius, der inzwischen über Achtzigjährigen noch einmal einen neuen Porsche als Dienstwagen zur Verfügung zu stellen. Er fragte, ob nicht ein langsameres Auto ausreiche, ein Audi quattro zum Beispiel, der im Fuhrpark des Verlags zufällig frei war. Marion stimmte überraschend schnell zu – aber erst, {12}nachdem sie recherchiert hatte, dass der Audi sogar einige PS mehr aufbrachte als ihr Porsche.

»Das hat der Buc übersehen«, kommentierte sie zufrieden.

 

Während meiner Praktikantenzeit im Sommer 1985 fuhr ich jeden Abend mit der S-Bahn nach Blankenese und kam meist gerade rechtzeitig, um mit Marion die Sieben-Uhr-Nachrichten im ZDF zu sehen. Beim Abendessen diskutierten wir die Themen des Tages, dabei lernte ich viel über Politik und Menschen; Dinge ernst zu nehmen und Dinge nicht ernst zu nehmen. Marion interessierte sich aber auch für den Alltag im Designbüro, Beobachtungen aus der S-Bahn oder für das Innenleben eines Teenagers. Für sie war in allem etwas zu entdecken.

Mich beeindruckte ihre Einstellung zum Leben sehr. Sie machte sich keine Sorgen um die Zukunft und trauerte nicht um die Vergangenheit, sie lebte konzentriert in der Gegenwart. Sie hat die Kaiserzeit noch erlebt und die Goldenen Zwanziger. Sie war das erste Mädchen in der langen, traditionsbewussten Familiengeschichte der Dönhoffs, die das Abitur ablegte und studierte. Die Weimarer Republik erlebte Marion zeitweise in Berlin, wo sie den noch wenig bekannten Adolf Hitler bei einer Veranstaltung beobachtete. »Ich saß nur zehn Meter {13}von ihm entfernt, durchlitt seine geifernde Rede und fand seine Argumente absolut abwegig«, erzählte sie einmal. »Mit dem wollte ich nichts zu tun haben.« Jahre später, während des Krieges, übernahm sie in Ostpreußen die Leitung des Familienbesitzes Friedrichstein und Quittainen. Im Januar 1945 floh sie auf ihrem Pferd Alarich Richtung Westen, die Heimat war für immer verloren.

Anfang 1946 zog sie – inzwischen sechsunddreißig Jahre alt – nach Hamburg, wo sie sich am Aufbau einer neuen Zeitung beteiligte: Die Zeit. Ihr »zweites Leben«, wie sie es manchmal nannte, begann. Sie hatte immer schreiben wollen, und nun war sie Journalistin geworden. Marion prägte die Zeit über Jahre und Jahrzehnte als Leiterin des Politikressorts, als Chefredakteurin und schließlich als Herausgeberin. Sie wurde zu einer moralischen Instanz der Bundesrepublik Deutschland.

Ihr Zuhause waren die Arbeit, die Familie, die Geschwister. Während einer Familienfeier kamen wir auf das Thema Heiraten zu sprechen. Marion erzählte: »Einer hat über lange Zeit immer wieder gesagt, ich müsse ihn heiraten. Irgendwann hat es mir gereicht, da habe ich zu ihm gesagt: ›Gut, wir ziehen Streichhölzer.‹ Und ich habe das richtige gezogen.« Sie lachte. »Als verheiratete Frau hätte ich mein Leben so nicht führen können.«

 

{14}Ende der achtziger Jahre zog ich nach Hamburg, um meinen Zivildienst zu leisten. Zunächst wohnte ich wieder in Marions Häuschen, und schnell hatten wir unseren Alltag als Hausgenossen wiederaufgenommen. Aber es war nur eine Übergangsstation. Ich war doch froh, als ich eine eigene Wohnung fand. Denn so interessant, vertraut und auch lustig die gemeinsam verbrachte Zeit war, so erlebte ich meine Großtante andererseits auch als einengend, manchmal auf eine kindliche Weise besitzergreifend, was sich in den folgenden Jahren noch verstärken sollte.

Nun trafen wir uns manchmal in ihrem Büro zu einer Tasse Kaffee, in der Stadt, um eine Ausstellung anzusehen, häufig gingen wir ins Kino. Regelmäßig sahen wir uns an den Sonntagen zum Mittagessen in ihrem Haus. Auf dem Weg dorthin hörte ich im Autoradio den Nachrichtenkanal, um mich auf den Nachmittag mit ihr einzustimmen. Das war umso wichtiger, wenn ich Samstagnacht im Club gewesen war, am Morgen lange geschlafen und noch nichts vom Weltgeschehen mitbekommen hatte. Marion fragte zielsicher: »Wohin geht man denn heutzutage zum Tanzen?«

Ich zählte ihr die verschiedenen Discos auf.

»Tanzt man da zu zweit?«, fragte sie, »wie früher?«

»Nein, das ist heute ganz anders.«

{15}Dann ermunterte sie mich, wie so oft, zum Lesen: »Ich mache dir einen Vorschlag: Ich suche dir jede Woche ein Buch aus, und wir sprechen darüber, wenn du das nächste Mal hier bist. Okay?«

Es waren hauptsächlich politische Bücher, aber auch Hesse, Tolstoi, Dostojewski … Die eigentlich gutgemeinte Idee artete allerdings zu einer Prüfungssituation aus. Kurz vor unserem sonntäglichen Treffen überflog ich das Buch, suchte eine Stelle aus, die mir interessant erschien, und noch bevor Marion beim Mittagessen nachfragen konnte, begann ich einen kleinen Vortrag über die ausgesuchte Stelle. Marion hörte genau zu. »Ja, das ist wahr, das kann man so sehen«, meinte sie. Nach einem Moment fügt sie dann noch vorsichtig hinzu: »Ich finde an dem Buch auch interessant, dass …«

Im Laufe der Jahre entstand eine inniger werdende Freundschaft. Zu den regelmäßigen Treffen in Hamburg kamen nun auch Reisen in nahe und ferne Länder hinzu: Russland, Polen, die Schweiz, Italien, Südafrika,...