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Das Feld

von: Robert Seethaler

Hanser Berlin, 2018

ISBN: 9783446260665 , 256 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 16,99 EUR

Exemplaranzahl:  Preisstaffel

Für Firmen: Nutzung über Internet und Intranet (ab 2 Exemplaren) freigegeben

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Das Feld


 

Gerd Ingerland


»Es gibt auf dieser Welt Schafe und Wölfe, aber es gibt keine Wahl. Du kannst es dir nicht aussuchen, verstehst du? Es ist keine Entscheidung, es ist Schicksal. Aber du hast Glück: Du bist ein Wolf. Du bist stark und ausdauernd. Du wirst nicht gefressen. Du frisst. Niemand weiß, wie Wolfsfleisch schmeckt. Das Schicksal ist auf deiner Seite. Du bist einer von uns.«

Ich war zehn, als Papa das zu mir sagte. Er arbeitete in der Bank, und in seinem Schrank hingen etwa zwanzig Krawatten und eine Reihe gebügelter und gebürsteter Anzüge. »Es ist gut, wie es ist, und es wird immer noch besser«, sagte er, wenn er auf der Couch saß und im Zimmer umherblickte. Mama, die neben ihm saß, legte ihre Hand auf seine und nickte. Ihre Finger spielten mit den langen schwarzen Haaren auf seinem Handrücken. Ich habe nie begriffen, ob sie die Haare mochte oder hasste. So wie sie an ihnen zog und zupfte, sah es aus, als wollte sie sie ausreißen.

Auch meine erste Erinnerung hat mit Haaren zu tun. Ich bin winzig klein und sitze auf dem Boden hinter einem Vorhang. Irgendwo steht ein Fenster offen, der Vorhang bewegt sich, durch den Stoff flimmert Sonnenlicht. Dann wird er weggezogen und meine Mutter steht da und weint. Vielleicht lacht sie auch, in meiner Erinnerung macht das keinen Unterschied. Sie hebt mich hoch. Ihre Haare riechen nach Küche und Sonntagmorgen. Sie sind lang und blond und ich habe das Gefühl, als könnten sie meinen ganzen Körper bedecken, als könnte ich in Mamas Haaren verschwinden.

Später zogen wir in eine Dachwohnung hinter der Marktstraße. Die Wohnung war eng und niedrig, aber ich konnte die Tauben auf den umliegenden Dächern beobachten. Manchmal ließ sich ein Turmfalke blicken, und in der Abenddämmerung torkelten Fledermäuse über den Schornsteinen wie kleine, betrunkene Schatten.

Ich sammelte Käfer, Fliegen und andere Insekten. Ich versuchte sie lebendig zu fangen und steckte sie in eine kleine Metalldose. Wenn man die Dose ans Ohr hielt, konnte man ihnen beim Sterben zuhören. Dann trockneten sie langsam aus und wurden hart wie Kieselsteine.

Papa ging zur Bank, ich ging zur Schule und Mama legte jeden Morgen vor dem Frühstück unsere Sachen über die Stuhllehnen: einen frischen Anzug für ihn und Hemd und Hose für mich. Sie tat das mit einem merkwürdig verschobenen Lächeln. Fast alles tat sie mit diesem schiefen Lächeln im Gesicht. Ich konnte nicht genau sagen, was es bedeutete, aber ich hatte die Vorstellung, sie sei vielleicht stolz auf uns.

Ich wurde größer, hatte Freunde, interessierte mich für Mädchen, und die Schule machte mir keinerlei Probleme. Alles war, wie es sein sollte. Ich glaubte verstanden zu haben, dass das Leben eine lohnenswerte Angelegenheit war. Ohne zu wissen, wohin er mich führen würde, war ich sicher, den richtigen Weg gefunden zu haben.

Dann geschah etwas. Es war Spätsommer, ich war gerade siebzehn geworden. Wir waren zu dritt und überquerten den Schulhof, eine weite, schattenlose Betonfläche. Vor uns erhob sich das gusseiserne Tor zur Straße. Es war hoch wie ein Einfamilienhaus, schwarz mit goldenen Spitzen, die in der Nachmittagssonne leuchteten. Über den Himmel zog ein Schwarm Seidenschwänze und warf einen flirrenden Schatten auf den Hof. Einige Augenblicke bewegte sich der Schwarm hoch und nieder wie ein Schleier im Wind, ehe er plötzlich hinter dem Schulgebäude absank und verschwand. Es war heiß. Auf dem Beton waren die Kaugummis von Generationen von Schülern weich geworden und klebten bei jedem Schritt unter den Sohlen.

Auf der Straße stand Johannes Storm, ein Junge aus der Nachbarklasse. Er war nicht besonders groß, aber seine Schultern waren breit und kräftig, sein Brustkorb ausladend wie ein Fass. Er hatte einen großen, kindlichen Kopf und kurzes, blondes Haar. Seine Augen standen eng beisammen, und wenn er mit jemandem sprach, konnte er ihm kaum ins Gesicht sehen. Außerhalb der Schule hatte niemand mit ihm zu tun. Doch jeder wusste, dass er bei seiner Mutter lebte, einer derben Frau, die vor den Läden an der Marktstraße den Gehsteig schrubbte und die Auslagenscheiben putzte.

Er stand da und rauchte. Dabei starrte er auf den Boden, als gäbe es dort etwas ungemein Interessantes zu entdecken. Wir stellten uns vor ihm auf und ich sagte, er solle mir eine Zigarette geben. Er schüttelte nicht einmal den Kopf. An seiner Schläfe glänzte eine Kette winziger Schweißperlen. In der linken Hand hielt er die Zigarette, die rechte steckte in seiner Hosentasche. Ich sagte, ich wolle keinen Ärger, nur eine Zigarette. Er antwortete nicht. Auf der Straße schepperte ein mit Schutt und Metallteilen beladener Laster vorüber. Die Hand des Fahrers hing aus dem Seitenfenster, seine Finger klopften auf dem Blech den Takt zu einer unhörbaren Musik. Der Laster bog ab, das Scheppern verhallte. Aus dem Schulgebäude drang das Geschrei einiger Mädchen, dann knallte ein Fenster zu und es war still.

»Wolltest du nicht eine Zigarette, Gerd?« Meine Freunde standen einen halben Meter hinter mir. Damals galten wir als unzertrennlich. Nur wenige Jahre später konnte ich mich nicht einmal mehr an ihre Gesichter erinnern.

Ich trat einen Schritt an Storm heran. »Du möchtest doch bestimmt keinen Ärger«, sagte ich. »Oder? Möchtest du Ärger, Storm?«

Er antwortete nicht. Er stand bloß da, sah auf den Boden und blies den Zigarettenrauch vor sich hin. Dann ließ er den Zigarettenstummel fallen und blickte hoch. Er sah an uns vorbei in Richtung Schulhof, über den jetzt ein paar kleine Kinder rannten. Ich spürte, wie der Schweiß an meinem Nacken hinunterlief. Es fühlte sich an, als würde die Hitze durch jede Pore dringen und mein Inneres komplett ausfüllen. Ich sah ihm ins Gesicht und sagte: »Jetzt fresse ich dich!«

Es ist verrückt, aber ich wollte es wirklich tun. Ich versuchte ihn zu packen und an mich zu reißen, doch ehe ich ihn am Kragen erwischen konnte, zog er blitzschnell seine Faust aus der Hosentasche und versetzte mir einen Schlag in den Magen. Ich kippte mit dem Oberkörper nach vorne, doch ehe ich wegsacken konnte, rammte er mir sein Knie vor die Stirn, und ich taumelte gegen die eisernen Stangen, an denen ich langsam aufs Pflaster sank. Hoch oben sah ich, wie die Goldspitzen sich wiegten wie Schilf im Wind. Storms Kopf tauchte über mir auf. Ich wollte davonkriechen, aber ich wusste nicht wohin, und da schloss ich die Augen und legte die Hände vors Gesicht. Ich spürte mein Ohr, das auf dem Boden pochte, lauter und immer lauter, und für einen Moment war es, als könnte ich durch die Pflastersteine hindurch den Puls der Erde fühlen.

Ich brachte die Schulzeit zu Ende, im Großen und Ganzen erfüllte ich die Erwartungen. Als ich zum letzten Mal durchs Tor trat, drehte ich mich nicht mehr um, sondern hielt den Blick starr nach vorne gerichtet. Ich wollte daran glauben, dass ich mich immer noch auf dem Weg befand.

Mit neunzehn verließ ich Paulstadt, um zu studieren. Als der Bus an einem milden Morgen die Stadt verließ, lachte ich, aber es war ein mattes Lachen, ich traute ihm nicht mehr.

Ich hatte vor, das Studium so schnell wie möglich hinter mich zu bringen und dann Karriere zu machen. Ich besuchte Vorlesungen, schrieb mich in Seminare ein und versuchte mich am Studentenleben zu beteiligen. Wir trafen uns täglich in einer der Kneipen, die um die Universität verstreut lagen. Es wurde viel geredet. Meistens ging es um Politik, und da immer Alkohol im Spiel war, wurden die Gespräche leidenschaftlich. Ich hielt mich mit dem Trinken zurück. Eine unbestimmte Angst saß mir im Herzen, und manchmal, wenn es zu laut wurde oder jemand mit vor Streitlust verzerrtem Gesicht aufsprang, fühlte ich das kalte Entsetzen in mir aufsteigen. »Hört auf«, rief ich dann. »Bitte hört auf!« Aber die anderen lachten bloß, und ich beschränkte mich darauf, stumm am Rande zu sitzen; wenn mich jemand ansah, versuchte ich zu lächeln.

Im zweiten Jahr verliebte ich mich in ein Mädchen. Sie war wunderschön, zumindest dachte ich das. Ihre Haut hatte die Farbe von Blütenhonig und war von keiner einzigen Unreinheit entstellt, kein Fleckchen, nichts. Sie war glatter und weicher als alles, was ich bis dahin gesehen oder berührt hatte. Ich war krank vor Sehnsucht, wenn ich nicht in ihrer Nähe war, doch als ich eines Tages an der Schwelle ihrer Wohnung stand und von der Weichheit ihrer Haut sprach, lachte sie so schallend, dass ich den Widerhall im Treppenhaus noch zu hören glaubte, als ich längst vor Scham und Wut zitternd auf der Straße stand.

Es fühlte sich an, als wäre mein brüchig gewordenes Herz endgültig zerfallen. Ich gab die Studententreffen auf und verbrachte meine Abende alleine auf...