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Venezianische Intrigen - Luca Brassonis fünfter Fall

von: Daniela Gesing

Midnight, 2018

ISBN: 9783958191549 , 245 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 4,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Venezianische Intrigen - Luca Brassonis fünfter Fall


 

Kapitel 3


Luca Brassoni befand sich mitten in einem Schlagabtausch mit dem Vice Questore Roberto Morandi.

»Commissario, Sie wissen genau, dass Sie mich zuallererst hätten informieren müssen, bevor Sie eine weitreichende Untersuchung dieses Todesfalles in die Wege leiten durften! Das wird Konsequenzen haben!«

Morandi klatschte die Akte wütend auf seinen Schreibtisch. Brassoni presste die Zähne aufeinander und versuchte ruhig zu bleiben. Der Vice Questore befand sich in einem privaten Ausnahmezustand, das war in der Questura allgemein bekannt. Seine Frau hegte Trennungsabsichten, deshalb lief er seit einer guten Woche wie ein Tiger im Käfig umher, gereizt und schlecht gelaunt.

»Dottor Morandi, Sie befanden sich zwei Tage auf einer Konferenz, und die Angelegenheit eilte. Die Familie wollte die Tote ursprünglich einäschern lassen. Der Staatsanwalt hat mir grünes Licht gegeben, weil es neue Erkenntnisse gibt, die an einer natürlichen Todesursache zweifeln lassen. Da ist zum einen die Aussage des Kollegen, eines gewissen Marco Fornaro, mit dem Loredana Bermani kurz vor ihrem Ableben zusammen war. Er behauptet, sie habe in dem Lokal nichts gegessen, dann die Aussage der Familie, dass ihr Freund …«

Der Vice Questore unterbrach ihn mit einer harschen Geste.

»Sparen Sie sich Ihre Erklärungen. Ich habe mir sagen lassen, dass ein Bekannter Sie um diesen Gefallen gebeten hat. Solche Kungelei akzeptiere ich hier nicht!«

Morandi war ein paar Schritte zum Fenster gegangen und drehte Brassoni bewusst den Rücken zu.

»Das allein hätte mir nicht als Grund gereicht, um der Sache nachzugehen«, sagte der Commissario empört. »Sie sollten mich besser kennen. Es ist nicht geklärt, wann und wo die Tote die Allergieauslöser zu sich genommen hat. Wenn ihr die Erdnüsse ohne ihr Wissen verabreicht wurden, ist das ein Mordversuch. Der letztendlich erfolgreich war«, fügte er mit bitterem Unterton hinzu.

Weil Morandi nicht reagierte, sondern weiterhin angespannt aus dem Fenster starrte, machte Brassoni Anstalten, das Büro zu verlassen. Worauf sollte er noch warten?

Doch plötzlich wandte der Vice Questore sich dem Commissario wieder zu. Er wirkte fahrig, auf seiner Stirn hatten sich kleine Schweißtropfen gebildet, seine Haut wirkte grau, übersät von roten Flecken. Überraschenderweise wirkte er jetzt eher verlegen als erbost.

»Commissario, ich glaube, ich war eben etwas zu harsch mit Ihnen. Entschuldigen Sie. Wenn Sie wirklich glauben, an dem Fall ist etwas dran, dann kümmern Sie sich darum. Ihre Zweifel sind berechtigt. Mir geht es zurzeit nicht besonders, da fährt man schon mal aus der Haut. Meine Frau …«

Seine Stimme war heiser und leise geworden. Man merkte, dass es dem Vice Questore eine Qual war, über dieses Thema zu sprechen. Er zögerte einen Moment, entschied sich dann aber schließlich dafür, nicht weiter über seine privaten Probleme zu berichten. Brassoni sprang ihm bei.

»Natürlich, Dottor Morandi, jeder von uns macht mal schwierige Zeiten durch. Ich verstehe das. Ich muss dann auch mal zur Gerichtsmedizin!«

Er lächelte dem Chef aufmunternd zu und verschwand mit einem erleichterten Seufzen aus dessen Büro. Draußen stieß er mit Maria Grazia Malafante zusammen, der hübschen Chefsekretärin, mit der er vor längerer Zeit heimlich liiert gewesen war.

»Luca, come stai? Wie geht es dir? Hattest du Stress mit dem Vice Questore? Er ist unausstehlich die letzte Zeit. Der Arme!«

Brassoni winkte müde ab.

»Alles im grünen Bereich. Er ist manchmal nicht mehr er selbst, doch zum Glück merkt er das zuweilen noch rechtzeitig. Auf Dauer wäre es aber sicher besser, wenn er Urlaub nimmt und erst mal seine privaten Probleme löst, bevor er hier alles durcheinander bringt. Ich bin jetzt auf dem Weg in die Gerichtsmedizin. Sag bitte Maurizio Bescheid und such mir die Adresse von Loredana Bermanis Arbeitgeber raus. Sie war Sozialarbeiterin und soll an einigen heiklen Fällen gearbeitet haben. Ich würde das gerne überprüfen um herauszufinden, wer ein Motiv hatte, ihr etwas anzutun, falls es nicht ihr Freund war.«

Maria Grazia, die seit der Geburt ihrer kleinen Tochter halbtags wieder in der Questura arbeitete und sich die Stelle nun mit einer Kollegin teilte, nickte. »Wird gemacht, Luca!«

Dann sah sie Luca Brassoni hinterher, der eilig die Questura verließ. Wer weiß, wie es mit ihnen beiden ausgegangen wäre, wenn sie nicht verheiratet gewesen wäre, dachte sie wehmütig. Damals war sie wirklich sehr verliebt in den Commissario gewesen. Doch jetzt hatte Luca eine Frau und ein Kind, und sie hatte ebenfalls ihre kleine Familie. Eine Zeit lang war es nett gewesen, aber letztendlich hatten sie nicht zueinandergepasst. Eigentlich hatte sich doch alles zum Guten gefügt und alle waren glücklich, ging es ihr durch den Kopf.

Schnell schob Maria Grazia die privaten Gedanken wieder beiseite und konzentrierte sich auf die Unterlagen, die sie noch bearbeiten musste.

Maurizio Goldini, Brassonis jüngerer Kollege, fuhr sich durch seine dichten schwarzen Locken. Er versuchte jetzt schon seit einer Dreiviertelstunde, Massimo Giovanelli zu erreichen, den Freund der verstorbenen Sozialarbeiterin. Seit die Angelegenheit nicht mehr als Unfall, sondern als mutmaßliches Kapitalverbrechen behandelt wurde, liefen die Ermittlungen auf Hochtouren.

Giovanelli war bei der Polizei kein Unbekannter, allerdings konnte man die Delikte, wegen derer er angeklagt gewesen war, eher unter der Kategorie Jugendsünden verbuchen. Ruhestörung, Cannabiskonsum, ein paar Handgreiflichkeiten, die auf sein cholerisches Temperament zurückzuführen waren und ein versuchter Einbruch. Die letzten Jahre hatte es keine Tätlichkeiten mehr gegeben, oder er war nicht mehr aufgefallen.

Goldini schloss Giovanellis alte Akte und beschloss, der Einfachheit halber zu dessen Wohnung ins Sestiere San Polo zu gehen. Giovanelli arbeitete als Geschäftsführer in einer Diskothek, wo er laut den Unterlagen auch Teilhaber war und sich fast jede Nacht vor Ort befand, also sollte er doch tagsüber vermutlich im Bett liegen oder zumindest zu Hause sein. Einen Versuch war es wert, bevor der junge Mann vom Radar verschwand, wenn er von den neuen Untersuchungen zum Tod seiner Freundin erfuhr. Zumal, falls er tatsächlich etwas damit zu tun hatte.

Eine halbe Stunde später stand Goldini vor Giovanellis Wohnhaus, das sich ganz in der Nähe des Campo delle Beccarie, einst der Niederlassung zahlreicher Fleischer in Venedig, befand. Das westlich der Rialtobrücke gelegene Stadtviertel war zwar das kleinste von Venedig, doch aus kulinarischer Sicht eines der attraktivsten mit seinem großen Angebot an Restaurants und Trattorien mit heimischer Küche, dem Fisch-, Obst und Gemüsemarkt. Dazu gab es für Kunstinteressierte zahlreiche Paläste, Kirchen und Museen zu bestaunen. Giovanelli zog es anscheinend vor, mitten im Zentrum des Geschehens zu wohnen, zu dem es auch tagtäglich die zahlreichen Touristen zog. Commissario Goldini drückte auf das goldene Klingelschild an der eher unscheinbaren dunklen Haustür und wartete geduldig auf eine Reaktion.

Zu seiner Überraschung dauerte es gar nicht lange, bis der Türöffner vor sich hin summte. Schnell drückte er gegen die Tür, um in das Haus zu gelangen. Giovanelli wohnte in Hochparterre, so dass der junge Commissario nicht viele Treppen zu steigen brauchte. Durch den Hausflur zog der Schwaden einer Minestrone. Goldini sog begierig den angenehmen Duft der Gemüse und Kräuter in seine Nase, die ihn wohlig an die Mahlzeiten seiner Kindheit erinnerten. Hier kochte sicherlich auch eine Mutter das Essen für ihre Familie vor.

In der Wohnungstür erwartete ihn eine etwa vierzigjährige Frau mit zu einem Zopf gebundenen schwarzen Haaren, die ihn misstrauisch beäugte. Sie hielt einen Wischer in der Hand, hatte eine Schürze um und Gummihandschuhe an.

Goldini zog seinen Dienstausweis aus der Jackentasche und stellte sich vor. »Signora, mein Name ist Commissario Goldini von der venezianischen Polizei. Ich möchte zu Signor Massimo Giovanelli!«

Die Frau wich erschrocken zurück und legte die Hand vor den Mund.

»Santa Maria, ist etwas passiert? Hatte Signor Giovanellis Vater einen Unfall? Er ist sehr schlecht zu Fuß und außerdem dement, erst letzte Woche ist er aus seiner Wohnung weggelaufen. Die Pflegerin war nur kurz einkaufen.«

Sie war ganz blass geworden.

»Nein, nein, es geht um Signor Giovanellis Freundin, Signorina Bermani.«

»Dio mio, sie ist doch verstorben, an einem allergischen Schock. Das war doch ein Unfall. Signor Giovanelli ist zu Tode betrübt. Wieso kommt deshalb die Polizei?«

»Ist Ihr Chef denn nun zu Hause?«, fragte Goldini, dem langsam die Geduld ausging.

»No, mi dispiace, er ist vor etwa einer Stunde zu der Jacht eines Freundes gegangen. Sie liegt am Zattere. Er wollte sich dort ein wenig erholen, der Arme.«

»Wissen Sie, wie das Schiff heißt?«

»Warten Sie, das war so ein kurzer Name …« Die Putzfrau legte einen Finger auf ihre Stirn und dachte nach. »Lina, Lino …, nein, ich glaube Pino heißt die Jacht. Genau, der Name hat mich an meinen Onkel Pino erinnert, jetzt weiß...