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Wie man die Zeit anhält - Roman

von: Matt Haig

dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, 2018

ISBN: 9783423433846 , 352 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 15,99 EUR

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Wie man die Zeit anhält - Roman


 

Los Angeles
vor zwei Wochen


Hendrich war wieder in Los Angeles. Er hatte zuletzt in den 1920er Jahren dort gelebt und ging davon aus, dass er sich sicher fühlen konnte, weil niemand mehr da war, der sich an ihn erinnert hätte. Er bewohnte ein großes Anwesen in Brentwood, das zugleich der Albatros-Gesellschaft als Hauptquartier diente. Brentwood war genau der richtige Ort für ihn. Eine nach Geranien duftende Idylle mit großen Villen hinter hohen Zäunen, Mauern und Hecken, wo es keine Fußgänger gab und alles, selbst die Bäume, von solcher Perfektion war, dass es fast steril wirkte.

Ich erschrak, als ich Hendrich sah, der auf einer Sonnenliege an einem großen Pool lag, seinen Laptop auf dem Schoß. Seit ich ihn kannte, hatte Hendrich mehr oder weniger gleich ausgesehen, aber diesmal war die Veränderung drastisch. Er wirkte jünger. Immer noch alt und verknöchert, aber irgendwie glatter als seit hundert Jahren.

»Hallo, Hendrich«, begrüßte ich ihn. »Du siehst gut aus.«

Er nickte, als wäre ihm die Information nicht neu. »Botox. Und ein Stirnlifting.«

Er machte keine Witze. In seinem jetzigen Leben war er Schönheitschirurg im Ruhestand, aus Miami nach Los Angeles übergesiedelt, als er sich zur Ruhe gesetzt hatte. Was erklärte, warum er keine früheren Patienten vor Ort hatte. Hier hieß er Harry Silverman. (»Silverman. Guter Name, nicht? Wie ein alternder Superheld. Sehr passend.«)

Ich setzte mich auf die Liege neben seiner. Eine Hausangestellte namens Rosella brachte uns zwei Smoothies in der Farbe des Sonnenuntergangs. Ich musterte seine Hände. Sie wirkten alt. Leberflecken und schlaffe Haut und dunkelblaue Adern. Gesichter konnten besser lügen als Hände.

»Sanddorn. Der letzte Schrei. Schmeckt zum Reihern. Probier mal.«

Das Beeindruckende an Hendrich war, dass er immer vollkommen im Zeitgeist aufging. Ich glaube, das tat er seit jeher. Auf jeden Fall seit den 1890ern. Und wahrscheinlich auch schon vor Jahrhunderten, als er in Tulpenzwiebeln investierte. Es war seltsam. Er war älter als wir alle, und doch hatte er immer den Finger am Puls der jeweiligen Zeit.

»Die Sache ist die«, erklärte er, »um in Kalifornien auszusehen, als würdest du altern, musst du aussehen, als würdest du immer jünger werden. Wenn du jenseits der vierzig noch die Augenbrauen bewegen kannst, werden die Leute misstrauisch.«

Er erzählte, er habe ein paar Jahre in Santa Barbara gewohnt, aber dort sei ihm langweilig geworden. »Santa Barbara ist nett. Das Paradies auf Erden, nur mit mehr Verkehr. Aber im Paradies ist nichts los. Ich hatte ein Haus in den Hügeln. Habe jeden Abend Wein aus der Region getrunken. Und drehte langsam durch. Kriegte Panikattacken. Ich bin seit über siebenhundert Jahren auf der Welt und hatte noch nie eine Panikattacke gehabt. Ich habe Kriege und Revolutionen erlebt. Nie Probleme gekriegt. Aber kaum bin ich in Santa Barbara, wache ich nachts in meiner Luxusvilla mit Herzrasen auf und habe das Gefühl, ich bin in mir selbst gefangen. Los Angeles ist was ganz anderes. Im Ernst, in Los Angeles bin ich sofort zur Ruhe gekommen …«

»Zur Ruhe kommen. Das muss schön sein.«

Er betrachtete mich eine Weile wie ein Kunstwerk, dessen Bedeutung sich ihm nicht gleich erschloss. »Was ist los, Tom? Hast du mich vermisst?«

»So was in der Art.«

»Was ist? War es so schrecklich in Island?«

Vor meinem kurzen Einsatz in Sri Lanka hatte ich acht Jahre in Island gelebt.

»Es war einsam.«

»Ich dachte, nach Toronto wolltest du Einsamkeit. Du hast gesagt, die schlimmste Einsamkeit sei die, bei der man von Menschen umgeben ist. Außerdem ist das unser Los, Tom. Wir sind einsame Wölfe.«

Bevor ich den nächsten Satz sagte, holte ich tief Luft, als müsste ich darunter durchtauchen. »Ich will nicht mehr. Ich will raus.«

Hendrich zeigte keine Reaktion. Er blinzelte nicht einmal. Ich starrte auf seine knotigen Hände, die geschwollenen Knöchel.

»Es gibt kein Raus, Tom. Das weißt du doch. Du bist ein Albatros. Keine Eintagsfliege. Du bist ein Albatros.«

Der Gedanke hinter den Namen war simpel: Der Albatros galt einst als besonders langlebig, obwohl er, wie man heute weiß, kaum älter als sechzig wird; was kein hohes Alter ist im Vergleich zum Grönlandhai zum Beispiel, der vierhundert Jahre alt werden kann, oder die von Biologen »Ming« getaufte Islandmuschel, die seit der Zeit der Ming-Dynastie lebt, also seit über fünfhundert Jahren. Wie auch immer, wir waren die Albatrosse, oder kurz: Albas, und alle anderen Menschen auf der Welt bloß Eintagsfliegen, nach den Insekten, die ihren ganzen Lebenszyklus in einem Tag, oder, im Fall einer Subspezies namens Rheinmücke, in wenigen Minuten hinter sich bringen.

Wenn Hendrich von gewöhnlichen Menschen sprach, benutzte er nie ein anderes Wort, und die Terminologie kam mir, auch wenn sie mir seit über hundert Jahren eingetrichtert wurde, zunehmend lächerlich vor.

Albatrosse. Eintagsfliegen. Albern.

Trotz seines Alters und seiner Intelligenz war Hendrich im Grunde vollkommen unreif. Er war ein Kind. Ein uraltes Kind.

Das war das Deprimierende, wenn man anderen Albas begegnete. Wir waren nichts Besonderes. Wir waren keine Superhelden. Wir waren einfach nur alt. Und in Fällen wie Hendrichs spielte es keine Rolle, wie viele Jahre oder Jahrzehnte oder Jahrhunderte vergangen waren, denn man lebt immer innerhalb der Parameter des eigenen Charakters. Keine noch so lange Zeit, kein noch so entfernter Ort kann etwas daran ändern. Uns selbst entkommen wir nie.

»Ehrlich gesagt finde ich das respektlos«, erklärte er. »Nach allem, was ich für dich getan habe.«

»Ich weiß zu schätzen, was du für mich getan hast …« Ich zögerte. Was hatte er eigentlich für mich getan? Das Versprechen, das er mir gegeben hatte, hatte er immer noch nicht eingelöst.

»Dir ist doch klar, wie die moderne Welt funktioniert, oder, Tom? Es ist nicht mehr so wie früher. Du kannst nicht einfach woanders hinziehen und dich ins nächste Kirchenbuch eintragen. Weißt du, was es mich kostet, dass du und die anderen Mitglieder in Sicherheit seid?«

»Dann könnte ich dir ja einen Haufen Geld sparen.«

»Ich habe es immer ganz deutlich gesagt: Die Gesellschaft ist eine Einbahnstraße …«

»Eine Einbahnstraße, in die ich nie gehen wollte.«

Er sog an seinem Strohhalm und verzog das Gesicht wegen des Geschmacks. »So ist das Leben, was? Hör zu, mein Junge …«

»Ich bin kein Junge mehr.«

»Du hast eine Entscheidung gefällt. Als du dich entschlossen hast, Dr. Hutchinson zu konsultieren …«

»Das hätte ich nie getan, hätte ich gewusst, welche Folgen es für ihn haben würde.«

Mit einem Seufzer stellte er sein Glas auf das Tischchen neben sich, um sein Glucosamin-Präparat gegen die Arthrose zu nehmen.

»Sonst hätte ich dich töten müssen.« Er lachte krächzend, um anzudeuten, dass es sich um einen Witz handelte. Aber es war kein Witz. Natürlich nicht. »Ich schlage dir einen Deal vor, einen Kompromiss. Ich gebe dir das Leben, das du dir wünschst – egal was –, aber du bekommst weiterhin alle acht Jahre einen Anruf von mir, und bevor du dir deine nächste Identität aussuchst, erledigst du einen Auftrag für mich.«

Ich kannte den Deal natürlich längst. Auch wenn »jedes Leben, das du dir wünschst« nie ganz stimmte. Hendrich machte ein paar Vorschläge, und ich suchte mir einen aus. Aber auch meine Antwort musste mehr als vertraut in seinen Ohren klingen.

»Gibt es Neuigkeiten von ihr?« Ich hatte diese Frage schon hundertmal gestellt, aber nie hatte sie sich so jämmerlich, so hoffnungslos angehört wie heute.

Er starrte sein Glas an. »Nein.«

Ich hatte das Gefühl, die Antwort kam diesmal ein bisschen schneller als sonst.

»Hendrich?«

»Nein. Nein, ich habe nichts gehört. Aber hör zu, wir finden im Moment unglaublich viele Neue. Über siebzig allein im letzten Jahr. Weißt du noch, als wir angefangen haben? In einem guten Jahr waren es fünf. Wenn du sie immer noch finden willst, wärst du verrückt, ausgerechnet jetzt hinzuschmeißen.«

Aus dem Pool kam ein leises Plätschern. Als ich aufstand und nachsah, entdeckte ich eine kleine Maus, die verzweifelt vor dem Wasserfilter paddelte. Ich kniete mich hin und hob das Tierchen heraus. Hastig huschte es über den perfekten Rasen davon.

Hendrich hatte mich am Haken, und das wusste er. Lebend kam ich hier nicht raus. Und selbst wenn, Bleiben war einfacher. Es war auch irgendwie beruhigend – wie eine Versicherung.

»Jedes Leben, das ich will?«

»Jedes Leben, das du willst.«

Wahrscheinlich erwartete Hendrich, weil er Hendrich war, dass ich mir ein teures, extravagantes Leben wünschte. Eine Yacht vor der Amalfi-Küste oder ein Penthouse in Dubai. Aber ich hatte darüber nachgedacht, und ich wusste genau, was ich sagen würde. »Ich möchte wieder nach London.«

»Nach London? Du weißt, dass sie wahrscheinlich nicht dort ist.«

»Ja. Aber ich will zurück. Ich will wieder nach Hause. Und ich wäre gern Lehrer. Für Geschichte.«

Er lachte. »Geschichtslehrer. An der Highschool?«

»In England sagt man Secondary School dazu. Ja, Geschichtslehrer. Ich glaube, das wäre ein guter Beruf.«

Und Hendrich lächelte und sah mich mit milder Verwunderung an, als hätte ich statt des Hummers Fischstäbchen bestellt. »Na schön. Gut. Wir müssen nur ein paar Vorbereitungen treffen, und …«

Während Hendrich weitersprach, sah...