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Der schönste Sommer unseres Lebens - Roman

von: Maeve Haran

Blanvalet, 2019

ISBN: 9783641223205 , 528 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 6,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Der schönste Sommer unseres Lebens - Roman


 

Eins

»Du meine Güte, Claire!«

Wie Martin so auf einem Fuß herumhüpfte, erinnerte er Claire an einen Reiher in der Mauser. »Musst du die Kisten dort herumstehen lassen, wo man über sie stolpert? Fast hätte ich mir das Bein gebrochen, verdammt!«

»In fünf Minuten muss ich nach Mayfair fahren und das Essen für den Lunch ausliefern.« Es kostete Claire alle Beherrschung, ihm nicht die Kiste mit den Thunfisch-Ceviche, die sie als Vorspeise eingeplant hatte, über den Schädel zu ziehen. Sie hatte sich heute Morgen schon mit einem gekränkten männlichen Ego herumschlagen müssen, denn sie hatte Harry, den Fischhändler, zu fragen gewagt, ob der Thunfisch auch frisch sei, worauf dieser einen Tobsuchtsanfall bekommen hatte. Da ihr Harry beruflich gesehen ziemlich nützlich war, hatte sie sein zerzaustes Gefieder gestreichelt und sich entschuldigt. Mit ihrem Ehemann war es hingegen eine andere Sache. Immerhin verdiente sie bereits seit Jahren die Brötchen. Aber ging er ihr dafür zur Hand? Erbot er sich etwa, die Kisten mit den Speisen zum Auto zu tragen? Fehlanzeige. Claire kam zu dem Schluss, dass sie sich entweder zur Menschenfeindin entwickelt hatte oder einfach eine eingefleischte Feministin war. Erschrocken hielt sie damit inne, Plastikkisten im Kofferraum ihres altersschwachen Panda zu verstauen. Eigentlich hatte sie sich nie als Frauenrechtlerin betrachtet. Wenn man sie vor dreißig Jahren gefragt hätte, hätte sie sich eher einen hausfraulichen Typ genannt – vergesst das Verbrennen von BHs, mir ist der heimische Herd lieber. Vielleicht war es ja das Leben, das eine Frau in eine Feministin verwandelte. Oder die Ehe.

Denn wenn man die Angelegenheit richtig tranchierte – und als Inhaberin eines Partyservice konnte Claire im Tranchieren niemand etwas vormachen –, hatte sie zuweilen den Eindruck, dass Männer nichts weiter als verzichtbarer Luxus waren. Eine ihrer Lieblingskarikaturen fiel ihr ein. Die Frau sagt zu ihrem Mann: »Wenn einer von uns stirbt, ziehe ich nach Südfrankreich.« Recht hatte sie.

»Mach dich nicht lächerlich, Claire«, erwiderte ihre Freundin Jan stets, wenn sie derartige subversive Gedanken äußerte. »Du könntest ohne einen Kerl nicht überleben!«

Vermutlich war Martin derselben Ansicht.

Allerdings wollte sie sich im Moment weder mit Martin noch mit ihrem Sohn Evan und ihrer Schwiegertochter Belinda befassen. Die beiden wohnten nun schon seit einem halben Jahr »vorübergehend« bei ihnen, weil es mit ihrer Wohnung nicht geklappt hatte. Sie erschwerten Claire zusätzlich das Leben, weil sie nun ihre Aufträge vorbereiten musste, während ihr zwei weitere Menschen im Weg herumstanden. Ganz zu schweigen davon, dass der Kühlschrank von merkwürdigen Gemüsen und widerlichen Grünkohlsmoothies überquoll. Evan und Belinda ernährten sich aus Prinzip von Rohkost. Ergebnis war, dass in Claires kostbarem Entsafter ständig irgendwelches grüne Zeug klebte.

Claire, schalt sie sich, du klingst ja fast wie deine Mutter. Diese Erkenntnis war derart beängstigend, dass sie sich gedanklich sofort dem bevorstehenden Vormittag zuwandte. Sie hatte noch nie für diese Kunden gekocht. Doch die Inhaberin eines anderen Partyservice, die sie kannte, hatte festgestellt, dass sie überbucht war, und Claire gebeten, den Auftrag zu übernehmen. Die Kunden waren offenbar erfolgreiche Investoren und residierten in einem großen Haus in der Brook Street in Mayfair. Claire wusste eigentlich nicht so genau, was Investoren so trieben, und fragte sich, ob sie sich von den Bankern unterschieden, für die sie in der guten alten Zeit Arbeitsessen ausgerichtet hatte. Bei den meisten hatte es sich um aufgeblasene alte Wichtigtuer gehandelt. Allerdings war hin und wieder auch ein Gefährlicher dabei gewesen, der geglaubt hatte, die Köchin gehöre zum Menü wie die Crème brûlée. Erstaunlich, wie hartnäckig dieser Männertyp sein konnte. Die Generation ihrer Mutter hatte solche Kerle als GIT – Grapscher im Taxi – bezeichnet.

Claire gab die Adresse der Firma in ihr altes, an der Windschutzscheibe befestigtes TomTom ein und winkte ihrer lästigen Familie zum Abschied zu. Das war ihr liebster Moment des Tages. Sie fuhr stets früh genug los, damit sie genug Spielraum für Autopannen, Staus, Parkplatzprobleme oder andere vorhersehbare Katastrophen hatte. Ein Desaster, das sie nicht hatte einplanen können, war der Autofahrer gewesen, der das Heck des alten Transporters gerammt hatte, den sie sich für größere Veranstaltungen lieh. Dabei hatte er die vier ordentlich verpackten Lachse, die für eine Hochzeit bestimmt waren, heruntergestoßen. Zwei der Fische hatte sie durch geschickt platzierte Gurkenscheiben retten können, auch wenn sie entfernt an Nudisten erinnert hatten, die ihren Intimbereich mit Wasserbällen tarnten. Die anderen beiden hatte sie mithilfe eines praktischen Gefrierschranks und der stets mitgeführten Lachsform in eine Mousse verwandelt. Gott sei Dank hatten die Gäste gedacht, sie sei absichtlich so retro. Und zum Glück hatten Braut und Bräutigam zum Zeitpunkt des Servierens schon so viel Champagner intus gehabt, dass ihnen die geänderte Menüfolge nicht aufgefallen war.

Als sie anderthalb Stunden später an der georgianischen Prunkvilla in der Brook Street eintraf, war direkt vor dem Haus ein Parkplatz frei. Claire dachte an den Film Der Schläfer von Woody Allen, in dem der Protagonist gewusst hatte, dass etwas Schlimmes passieren würde, wenn er einen Parkplatz vor einem Krankenhaus bekam. Deshalb war sie zwar erleichtert, aber auch argwöhnisch.

Sie bezahlte die Parkgebühr mit ihrem Handy und trug die Kisten vorsichtig ins Haus. Margie, die sonst hier kochte, hatte ihr den Tipp gegeben, die Kunden seien die übliche Hausmannskost leid und bevorzugten etwas schärfer Gewürztes. Deshalb die Thunfisch-Ceviche, gefolgt von Hühnchen Piri Piri und dem allseits beliebten süßen Brotauflauf, gemacht aus italienischer Panettone und nicht aus abgepacktem Toastbrot.

Sie war gerade damit beschäftigt, in der winzigen Teeküche die Ceviche auf Teller zu verteilen und dabei über Kopfhörer Radio Four zu hören, als die Büroleiterin den Kopf zur Tür hereinsteckte.

»Schön, dass Sie schon so weit sind«, sagte die Frau. »Die letzte Köchin war so schlampig, dass wir sie rausschmeißen mussten.«

»Oh.« Nachdenklich presste Claire die letzte Limette aus. Margie hatte gar nicht erwähnt, dass sie gefeuert worden war. Wie seltsam. Vielleicht war es ihr ja peinlich. In der Welt des Catering sprachen sich Gerüchte schnell herum. Meistens ging es um unerträgliche Kunden, die entweder schlecht bezahlten oder einen behandelten, als wären sie Heinrich der Achte und man selbst ein niederer Dienstbote.

Claire wandte sich wieder der BBC-Sendung You and Yours und dem Thema zu, ob man auch richtig für das Alter vorgesorgt habe. In ihrem Fall überhaupt nicht, denn sie hatte dafür nie genug verdient. Deshalb war es besser, sich darüber nicht den Kopf zu zerbrechen. Sie würde eben einfach weiterarbeiten müssen, bis sie hundert war.

Als sie hörte, dass allmählich die Gäste eintrudelten, überprüfte sie alles noch ein letztes Mal. Mineralwasser, still und mit Kohlensäure, auf Eis. Weißwein, obwohl vermutlich nicht viel davon getrunken werden würde. Die Thunfisch-Ceviche auf Tellern. Wie ein ungezogenes Kind tunkte sie den Finger in das würzige Dressing – genau die richtige Mischung aus Chili und Limette. Dann stellte sie das Hühnchen Piri Piri ins Warmhaltegerät und setzte die Brotaufläufe im Miniaturformat zusammen, sodass sie später nur noch einmal Hand anlegen musste, damit sie flockig und unwiderstehlich wurden.

Die letzte Aktion bestand darin, die Speisekarten mit der Hand zu schreiben. In vierzehn Jahren Privatschule hatte sie zwar keine großen Bildungserfolge errungen, doch zumindest eine makellose Schreibschrift gelernt.

Claire förderte ihren altbewährten Füllhalter zutage und machte sich ans Werk.

Zufrieden blickte Angela sich im Laden um. Die Atmosphäre war genau so, wie es sich vorgestellt hatte, als ihr die Idee gekommen war, eine Boutique zu eröffnen.

Das Ambiente war einladend, fast als träte man in ein Wohnzimmer. Perserteppiche, Bücherregale mit Dekoobjekten, Tische, auf denen Töpfe mit ihren geliebten leuchtend roten Nachtfalterorchideen standen, und vor allem lächelnde Verkäuferinnen, die sich eindeutig über jeden Kunden zu freuen schienen.

Wenn Angela eines verabscheute, dann waren es Läden mit Schwellenangst auslösenden weißen Flächen und einschüchterndem Verkaufspersonal, das einen herablassend musterte, als müsste es sich erst mal überlegen, ob man es wert sei, die geheiligte Schwelle zu übertreten. Außerdem war die Lage ein Traum. Der St. Christopher’s Place lag nah genug an der Oxford Street, war jedoch ein wenig ausgeflippt und gemütlich. Es wimmelte hier von gut gelaunten Büroangestellten, die mittags die Straßencafés bevölkerten und ihre Pause vom Schreibtisch genossen. Eigentlich war es fast wie in Paris.

Angela lächelte. Sie erinnerte sich noch deutlich an den Tag in Hongkong, als sie in einem kleinen Laden in einer Seitengasse ein Kleid anprobiert hatte und nicht aufhören konnte, es zu streicheln. Ziemlich peinlich, weil der Inhaber dabei zusah …

»Schöner Stoff«, beteuerte der zierliche Mann und streichelte das Kleid ebenfalls. »Gemacht aus Bambus. Sehr weich. Sogar weicher als Seide.«

Das Kleid war geschnitten wie ein sehr langer Pullover mit einem weiten Ausschnitt und engen Ärmeln. Angela wusste, dass sie es nie wieder würde ausziehen wollen.

So lächerlich es auch sein mochte, fühlte sie sich in seine Weichheit eingehüllt, fast als wäre es eine...