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Tödlicher Nachlass - Ein Fall für Engel und Sander 3

von: Angela Lautenschläger

dotbooks GmbH, 2018

ISBN: 9783958247918 , 430 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 5,99 EUR

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Tödlicher Nachlass - Ein Fall für Engel und Sander 3


 

Kapitel 2


Friedelinde war zweimal an der Adresse vorbeigefahren, bis sie feststellte, dass sich hinter der riesigen Hecke die Hausnummer 19 befand, die sie suchte. Henry Janssen hatte in einer Seitenstraße der Elbchaussee in einer guten Wohngegend gelebt, aber von Gärtnern hatte er offenbar nicht viel gehalten. Die Pforte vor der Auffahrt, auf der das Gras kniehoch stand, war von Brennnesseln und Gräsern eingewachsen.

Sie würde gar nicht erst den Versuch unternehmen, die Pforte zu öffnen. Stattdessen stellte sie ihren Wagen auf dem sandigen Streifen vor dem Grundstück ab. Zwischen Hecke und Pforte fand sie eine Lücke, durch die sie sich hindurchzwängte.

Der gesamte Vorgarten war dicht bestanden von riesigen Rhododendren, deren Blüten wegen des Wassermangels vorzeitig verdorrt waren. Sie hätte eine Machete gebrauchen können. Bisher war nur von dem Innern des Hauses die Rede gewesen. Dass sie erst einen Dschungel durchqueren musste, um überhaupt dorthin zu gelangen, hatte keiner gesagt. Na schön, aber Brigitte Janssen brauchte nicht zu glauben, dass sie sich von ein bisschen Flora und Fauna abhalten ließ.

Auf dem unebenen Untergrund knickte sie ein paarmal um, doch schließlich erreichte sie die Stufen zum Hauseingang, der unterhalb eines kleinen Turmes an der rechten Hausecke lag. Das Haustürschloss war ein Witz. Der große Schlüssel würde nicht einmal als Zimmerschlüssel taugen. Sollte sie den Auftrag tatsächlich übernehmen, würde sie als Erstes ein Sicherheitsschloss einbauen lassen.

Sie fummelte eine Weile mit dem Schlüssel im Schloss herum, bis es knackte. Nachdem sie sich zweimal gegen die Tür geworfen hatte, schwang sie endlich auf.

Friedelinde war schon in unzähligen unbewohnten Häusern und Wohnungen gewesen, in denen bis kurz vor ihrem Eintreffen noch jemand gelebt hatte. Aber das hier war anders. Das war unheimlich. Nicht nur der große Schlüssel und der verwilderte Garten vermittelten den Eindruck eines Märchenschlosses. Hier drinnen war es nach der Wärme draußen kühl, und die dicken Mauern schirmten alles ab. Es waren nur die Geräusche zu hören, die das Haus selbst verursachte.

Sie machte ein paar Schritte über die Schachbrettfliesen und fand sich in einer Art Halle wieder. Genau genommen befand sich über ihr ein Schacht im Innern der Treppe, die über die Galerien in jedem Stockwerk nach oben führte. Friedelinde legte den Kopf in den Nacken. Das Haus bestand aus dem Erdgeschoss, zwei Zwischengeschossen und einem Dachgeschoss. Es war riesig. Im Erdgeschoss gab es eine ziemlich große Küche, einen großen Wohnraum, drei kleinere Räume, ein Bad und eine Art Waschküche, durch die man in den Garten hinter dem Haus gelangte. Friedelinde warf nur einen kurzen Blick durch das Glasfenster in der Tür. Dort hinten sah es auch nicht besser aus als im Vorgarten, aber das war nicht ihr Problem. Jedenfalls nicht im Augenblick.

Merkwürdigerweise gaben die Behausungen der Toten, die Dinge, mit denen sie sich umgeben hatten, ihr Zustand, der Grad der Sauberkeit und jedes Detail ihr ein Gefühl dafür, was für eine Art Mensch derjenige gewesen war. Ob ihr Gefühl sie trog, wusste sie natürlich nicht, aber meist wurde ihre Einschätzung durch Menschen bestätigt, die den Verstorbenen gekannt hatten.

Henry Janssen hatte zurückgezogen gelebt. Er hatte sich so sehr aus der Welt verabschiedet, dass er nicht einmal mehr in den Garten gegangen war, um dort zu arbeiten. Obwohl er dazu körperlich in der Lage gewesen zu sein schien. Die Räume im Erdgeschoss waren jedenfalls sauber und aufgeräumt, selbst die Küche picobello. Der geflieste Boden gewischt, die Arbeitsfläche aufgeräumt und auf dem Herd gab es keine Spritzer. Neben dem Mülleimer stand eine Plastikkiste mit dem Aufdruck eines Supermarktes, mit der vermutlich Lebensmittel geliefert worden waren. Das sparte den Weg zum Einkaufen.

Hier unten würde sie sich später umsehen. Das hier war keine Nachlasspflegschaft; sie war hier mit einem bestimmten Auftrag, und in der Hinsicht spielte sich hier unten nichts ab, abgesehen von dem Mobiliar, das größtenteils antik war. Die Schränke würde sie später durchsehen, denn niemand wusste, ob Henry Janssen ein Testament gemacht hatte und, wenn ja, wo er es verwahrte. Das Mobiliar sollte ein sachkundiger Mitarbeiter vom Auktionshaus beurteilen.

Als sie wieder in der Halle stand, viele Meter über sich das Dach, spürte sie zum ersten Mal in ihrem Leben Angst. Angst vor dem großen Haus. Völlig irrational, es sei denn, Henry Janssen hatte sein Heim mit Gespenstern geteilt.

Sie setzte einen Fuß auf die erste Stufe. Die Wände am Treppenaufgang waren mit unzähligen gerahmten Stichen und Zeichnungen behängt. Sie schienen nicht von Henry Janssen zu stammen, auch wenn sie die Signaturen nicht entziffern konnte. Ebenfalls ein Fall für das Auktionshaus. Bis jetzt hatte sie noch nicht feststellen können, was genau eigentlich so schlimm sein sollte an dem Nachlass von Henry Janssen.

Als sie die Galerie im ersten Stock betrat, änderte sich das. Das hier war keine Villa, das war das Haus der ungezählten Räume. Linker Hand gingen zwei Räume ab, an der Längsseite der Galerie zählte sie fünf Türen, dann noch eine weitere am Ende des Flurs. Und erst beim zweiten Hinsehen entdeckte sie hinter der geöffneten Tür dieses Raumes eine weitere Tür, die in eine Art Kabinett führte, einen kleinen Raum, in dessen Mitte sich ein Podest erhob, auf dem ein Sekretär mit gedrechselten Beinen stand. Mehr war davon nicht zu sehen, denn darauf türmten sich Papier- und Bücherstapel, die sich auf dem Parkettboden fortsetzten. Aber der Blick aus dem Fenster war schön. Das Kabinett befand sich in dem Turm oberhalb der Eingangstür und bot einen wunderbaren Ausblick über den Vorgarten.

Friedelinde riss sich von dem Anblick los und setzte ihren Rundgang fort. Allmählich wurde ihr bewusst, dass der Teufel im Detail steckte. Hinter jeder Tür befand sich ein Raum mit Schreibtischen und Regalen, die überquollen von Papieren, Heftern, Akten, Büchern, Bildbänden, Chroniken, Registern und Zeichnungen. Das hier war kein Wohnhaus, es war irgendetwas anderes.

In Erwartung, dass es im zweiten Stockwerk genauso aussehen würde, stieg sie die Treppe weiter hinauf. An den Wänden hingen hier Gemälde, Porträts und Stillleben. Ein weiteres Betätigungsfeld für das Auktionshaus. Immerhin gab es hier oben ein Schlafzimmer, in dem zwar ebenfalls zahlreiche Papiere herumlagen, aber das Bett war gemacht. Hier oben befanden sich ebenso viele Räume wie im Stockwerk darunter, die allerdings eher wie Bibliotheken eingerichtet waren. Auch hier lagen Papiere herum, wenn auch nicht ganz so viele wie unten. Sie stieg die Treppe bis in den zweiten Stock hinauf, wo bereits die Dachschrägen begannen und es zu ihrer Freude weniger Räume gab. Darüber lag nur noch das Dachgeschoss. Zwei Räume waren leer, in dreien gab es Porzellansammlungen und Sammlungen von Zinnsachen.

Abgesehen von der Größe des Hauses war noch etwas anders als üblich. Das ganze Haus war aus der Zeit gefallen. Bis auf einen Toaster hatte die Technik noch keinen Einzug in die Villa von Henry Janssen gehalten. Die Papiere waren in einer ordentlichen Handschrift oder mit Schreibmaschine beschrieben. Henry Janssen hatte abgeschieden von der Welt gelebt und abgeschieden von jeder Neuerung und Entwicklung. Seine schriftlichen Angelegenheiten hätte Henry Janssen sehr viel einfacher mit dem PC bearbeiten können. Vor allem wäre das einfacher für sie gewesen. Aber warum nicht mal in die Vergangenheit blicken?

Hier drinnen war es kühl, und es gab irgendein Geheimnis zu entdecken. Das hier war definitiv etwas für sie.

Friedelinde hatte schon häufig erlebt, dass eine Nachlasssache von unerwarteter Seite torpediert wurde. In einer vermeintlich entspannten Situation brachte derjenige, von dem man es am wenigsten erwartet hatte, unberechtigte Vorwürfe vor. In dieser Sache gab es drei mutmaßliche Erben, und schon eine Erbengemeinschaft aus zwei Erben schaffte es, einen Streit vom Zaun zu brechen, bei dem der aktuelle Erbfall gar nicht die Ursache war. Manchmal wurden Streitereien aus der letzten oder vorletzten Generation von den Nachkommen fortgesetzt oder wieder aufgegriffen. Wenn man einen sehr hohen Turm zum Einsturz bringen wollte, musste man eine Erbengemeinschaft am Fuße des Turms einen Streit ausfechten lassen. Sie würde genug Sprengkraft besitzen, um ihn in Trümmer zu legen.

Victor Janssens Andeutungen hatten dazu ausgereicht, ihr bewusst zu machen, dass auch in dieser Sache etwas schlummerte. Deshalb war es wichtig, auch mit ihren beiden anderen Auftraggebern in Kontakt zu treten. Sie sollten nicht den Eindruck haben, dass Victor Janssen allein ein Süppchen kochte, das er Friedelinde in einem stillen Kämmerlein servierte.

Deshalb war sie auf dem Weg zu Henry Janssen junior, der in einer Altbauwohnung in Eppendorf lebte. Ihre Einschätzung, dass sie für die erste Besichtigung des Hauses an der Elbchaussee eineinhalb bis zwei Stunden brauchen würde, war richtig gewesen. Es war jetzt kurz vor halb elf, und für halb elf hatte sie ihr Erscheinen angekündigt.

Sie parkte ihren Wagen und ging über den von Bäumen gesäumten Weg zu einer alten vierstöckigen Patriziervilla. Die Buchsbaumhecke und der Rasen im Vorgarten waren gut gepflegt, der Gehweg sah aus wie gestaubsaugt.

Nachdem sie geläutet hatte, passierte eine Weile lang nichts. Auch nach einem weiteren Versuch wurde die Tür nicht geöffnet, und sie wollte gerade zu ihrem Wagen zurückkehren, als der Türsummer doch noch erklang. Sie drückte die Tür auf und betrat das kühle, mit alten Kacheln geflieste Treppenhaus. Im Innenschacht des Treppenaufgangs war ein schmaler Lift mit Gittertür eingebaut, dem sie nicht...