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Ich bin die Rache - Thriller

von: Ethan Cross

Bastei Lübbe AG, 2019

ISBN: 9783732560882 , 496 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 8,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Ich bin die Rache - Thriller


 

Kapitel 6


Ackerman fand, dass seine körperlichen Entstellungen im breiten Spektrum möglicher Verunstaltungen irgendwo zwischen den Brandnarben Freddy Kruegers und den Kriegsverletzungen Rambos anzusiedeln waren. Zum Glück hatte sein Vater die Misshandlungen strategisch platziert, damit sie nicht sofort ins Auge stachen. Die Narben ließen sich allesamt unter einem T-Shirt mit langen Ärmeln verbergen, doch im Moment legte Ackerman es darauf an, dass jeder die Spuren der Feuerprobe, die sein Leben war, sehen konnte.

Er bemerkte, dass die junge Navajo den Blick nicht von seinem Oberkörper lösen konnte, doch ihm war klar, dass es nicht seine beneidenswerte Physis war, die Lianas Aufmerksamkeit fesselte. Er sah, wie sie die Narben analysierte und versuchte, auf eine Methode hinter dem Wahnsinn zu kommen. Ackerman nahm sich vor, sie später zu fragen, zu welchen Ergebnissen sie gelangt sei.

»Frankenstein«, sagte Captain Yazzie. »Frank. Wie niedlich. Ich sehe an der Kartenskizze Ihres Leidensweges, die Sie vermutlich Haut nennen, dass Folter bei Ihnen nicht viel ausrichten wird. Wie wär’s, wenn ich rede und Sie mich wissen lassen, ob ich auf der richtigen Fährte bin?«

In diesem Moment geschah es.

Ackerman spürte die Veränderung, gab sich aber alle Mühe, die Konzentration weiter auf den Polizeicaptain und die aktuelle Situation zu richten. Doch er spürte bereits den Atem im Nacken, den Schatten in seinem Rücken. Dann hörte er, wie sein Vater ihm über seine Schulter hinweg zuraunte: »Ich finde, du solltest diese Trottel töten, damit das Gelaber aufhört. Die Leute langweilen mich zu Tode.«

Und dann erschien er in Ackermans Blickfeld. Sein Vater, der als Serienmörder unter dem Namen Thomas White sein Unwesen getrieben hatte, kam zur Vorderseite der Zelle und baute sich vor Yazzie auf.

Ackerman verzog keine Miene, obwohl er innerlich aufschrie. In letzter Zeit hatte er immer wieder die Stimme seines Vaters gehört, ein Raunen und Flüstern in seinem Kopf, aber die Stimme hatte nur Sätze von sich gegeben, die Ackermans eigener Erinnerung entstammten. Vor ein paar Wochen jedoch, während der tödlichen Auseinandersetzung mit einem Serienmörder, der sich »Gladiator« nannte, hatte die Stimme sich verändert und Dinge gesagt, die auf ein eigenes Bewusstsein schließen ließen, eigene Erinnerungen. Und das war erst der Anfang gewesen. Als Ackerman nach dem Sieg über den Gladiator längere Zeit im Krankenhaus verbringen musste, war ihm Thomas White in Fleisch und Blut erschienen – zumindest hatte Ackerman es so wahrgenommen. Die Halluzination war derart lebhaft gewesen, dass er nach der Schwester geklingelt und sich erkundigt hatte, ob auch sie den durchgeknallten Arzt im Dreiteiler sah. Statt zu antworten, hatte die Schwester ihn fassungslos angestarrt, als wäre seine Zunge wie ein großer, rosaroter Blutegel aus seinem Mund gekrochen.

»Ist es nicht wundervoll, dass wir wieder vereint sind, Junior?«, sagte White.

In diesem Moment fragte Yazzie: »Was ist? Sind Sie noch da, Frank? Wie sieht es mit meinem Vorschlag aus? Wenn ich die Geschichte richtig erzähle, füllen Sie dann die Lücken?«

»Ich kann Sie nicht am Reden hindern«, entgegnete Ackerman. »Genauso wenig, wie Sie mich davon abhalten können, Sie zu ignorieren.«

Thomas White lachte auf. »Das ist die richtige Einstellung, Junior. Mach ein Spiel daraus, wie du es damals getan hast, um den Schmerz und die Angst zu überstehen, bis ich dich gelehrt habe, auf andere Weise damit fertigzuwerden.«

»Sie hatten recht«, sagte in diesem Moment Captain Yazzie. »Mr. Canyon hatte mich angerufen, nachdem ein Verrückter seine Ranch überfallen hatte.«

»Ich habe niemanden überfallen«, widersprach Ackerman. »Ich habe nur die Lage ausgekundschaftet und an den Stellen Druck ausgeübt, wo es angebracht war.«

»Mr. Canyon behauptet, Sie hätten einen seiner Trucks in Brand gesetzt und ihn dann in sein Treibstoffdepot rollen lassen.«

»Da hat er recht.« Ackerman nickte. »Es war das erforderliche Maß an Druck in der gegebenen Situation.«

»Und welche Situation war das? Wieso hatten Sie überhaupt das Bedürfnis, John zu schaden?«

»Ich musste seine Aufmerksamkeit erregen.«

Thomas White lehnte sich mit verschränkten Armen an die Gitterstäbe und schaute gelangweilt drein. »Du hättest seine ganze Familie aus dem Haus zerren und diese Kreaturen nacheinander töten sollen. Einer von ihnen hätte dir früher oder später verraten, was dieser Canyon der Konkubine deines Bruders Marcus angetan hat.«

Ackerman biss die Zähne zusammen und widersetzte sich dem heftigen Impuls, Maggies Ehre zu verteidigen.

Er ist bloß ein Trugbild, rief er sich ins Bewusstsein. Ein Geist, ein Hirngespinst, ein Gebilde deiner Fantasie …

Wie durch Watte hörte Ackerman den Captain sagen: »Sie wollten Canyon nur auf sich aufmerksam machen? Warum haben Sie dann nicht einfach sein Büro angerufen und einen Termin vereinbart? Das reicht normalerweise, um sich bemerkbar zu machen.«

Ackerman zuckte mit den Schultern. »Na klar. Ich hätte Sie auch hinaus die Nacht zerren können, um Ihnen mit einer Kettensäge einen Körperteil nach dem anderen abzutrennen, bis Canyon meine Botschaft kapiert. Aber das wäre vielleicht ein wenig übertrieben gewesen. Also lassen Sie die Haarspaltereien. Ich finde, mein Vorgehen war angemessen.«

»Sie hätten zahlreiche Menschen töten können. Auf Canyons Farm stehen die Schlafbaracken seiner Leute.«

»Diese Variablen waren berücksichtigt. Gehen Sie davon aus, dass ich Ihrem matten Verstand stets zehn Schritte voraus bin. Außerdem ist Ihr Vorwurf gegenstandslos, weil bei der Explosion des Trucks niemand getötet wurde. Es war nur eine Ablenkung.«

»Eine Ablenkung wofür? Wozu brauchten Sie überhaupt Canyons Aufmerksamkeit?«

»Sie haben mich noch nicht nach dem Blut gefragt.«

»Ich wollte mich langsam bis dort vorarbeiten. Vorher aber möchte ich Sie etwas anderes fragen.«

Ehe Ackerman antworten konnte, trat Thomas White hinter ihn und legte ihm beide Hände auf die Schultern. Ackerman hätte schwören können, dass er die Berührung spürte.

»Darf ich eine kleine Änderung deines Plans vorschlagen?«, kroch Whites Stimme in Ackermans Kopf.

Zu beiden, zum Captain und seinem Vater, sagte er: »Ich höre.«

Yazzie beugte sich vor, beide Ellbogen auf die Knie gestützt. »Was haben Sie mit Tobias Canyon und seinen Begleitern gemacht? Sind sie tot?«

Ehe Ackerman antworten konnte, meldete sich White erneut zu Wort. »Ich gebe dir einen Rat. Du solltest die drei Cops töten, ihre Leichen wie Marionetten arrangieren, dich dann in der Zelle einschließen und dich selbst fesseln. Damit würdest du die ungeteilte Aufmerksamkeit dieses Mr. Canyon erregen, jede Wette.«

Wieder antwortete Ackerman beiden Männern zugleich: »Niemand muss hier sterben.« Er schaute zu Yazzie. »John Canyon, Ihr Wohltäter, hat mir jemanden weggenommen. Ich habe nur Gleiches mit Gleichem vergolten und mir seinen Sohn geschnappt. Gibt Canyon mir mein Herzblatt wieder, bekommt er seines zurück.«

Er konnte sich vorstellen, wie es hinter Yazzies John-Lennon-Brille arbeitete, wie sich die kleinen Rädchen im Hirn des Captains drehten. »Wer ist Ihr Freund? Wen genau soll John Canyon gekidnappt haben?«

»Eine Bundesagentin. Sie ist verschwunden, als sie hier bei Ihnen ermittelt hat. Ihr Name ist Maggie Carlisle. Sie erinnern sich bestimmt, Captain.«

»Ich fürchte, nein. Wie ich bereits dem FBI-Agenten und den Leuten vom Bureau of Indian Affairs gesagt habe: Diese Frau ist nie hier gewesen.«

Die bleiche Gestalt von Thomas White erschien hinter dem Captain, neigte den Kopf zur Seite und sagte zu Ackerman: »Er lügt dir ins Gesicht. Lässt du dir eine solche Respektlosigkeit gefallen, Junior?«

Ackerman ignorierte ihn. »Wirklich nicht?«, fragt er den Captain. »Wir konnten Maggies Mobiltelefon bis zu dieser Position hier zurückverfolgen. Sie hat einen Anruf getätigt, während sie hier war – eines ihrer letzten Gespräche, bevor sie spurlos verschwunden ist.«

»Dann muss sie hier gewesen sein, als wir alle unterwegs waren. Keiner meiner Officers hat die Frau gesehen. Aber darüber können wir später reden. Ich will Ihnen helfen, Ihre Freundin zu finden, Frank, wirklich. Aber zuerst muss ich wissen, ob es Canyons Sohn Toby und den anderen drei Jungs gut geht. Oder brauchen sie ärztliche Hilfe?«

Ackerman verdrehte die Augen und ließ sich auf die Pritsche an der Rückwand fallen. »Wenn Sie und Ihre Officers doch endlich aufhören würden, mir dämliche Fragen zu stellen! Ich will Ihnen etwas anvertrauen. Ich habe Dinge gesehen, die Sie sich nicht einmal vorstellen können. Ich habe Schmerzen erlitten, die Sie um den Verstand bringen würden. Ich habe jede Verderbtheit kennengelernt. Ich habe die Höhen sadistischer Ekstase erlebt, die Qualen der Hölle erduldet, das Tal des Todes durchschritten. Und jetzt schauen Sie mir in die Augen und beantworten Sie mir eine einzige Frage: Wissen Sie, wo Maggie Carlisle im Augenblick ist?«

Mit einem entschiedenen Kopfschütteln sagte der Captain: »Keine Ahnung.«

»Dann sind Sie nutzlos für mich. Ich habe einen Vorschlag. Wir alle warten hier in friedlicher Eintracht, bis der Mann auftaucht, der meine Frage beantworten kann.«

»Und wenn Mr. Canyon auch keine Antworten auf Ihre Fragen...