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10. KAPITEL (S. 122-123)
Der Witzbold
Mr. Anthony Newton hatte sich über manche Erfahrung gefreut, aber manche hatte er auch stillschweigend ertragen müssen. Seine Wahl in das Parlament hatte ihm großes Vergnügen bereitet, denn die Wählerschaft war erstaunt, als sie plötzlich im Unterhaus durch einen Mann vertreten war, von dessen Existenz sie bisher noch nichts gewußt hatte. Aber er hatte auch die Petition über sich ergehen lassen müssen, daß ihm sein Sitz genommen werden sollte, und nach einer aufregenden und nicht ganz angenehmen Woche in dem bedeutendsten Parlament der Welt hatte er seinen Platz aufgegeben. »Es ist immer besser, freiwillig zu gehen, mein alter Freund«, sagte sein Rechtsanwalt, »als hinausgeworfen zu werden. Und obendrein drohte Ihnen auch noch eine Klage wegen Komplotts.« Aber Anthony Newtons Wahl ins Parlament hatte wenigstens ein glänzendes Resultat - sein Name wurde dadurch äußerst bekannt.
Die Folgen dieses Abenteuers waren in mancher Beziehung belustigend und auch vorteilhaft, denn Lammer-Green wurde hierdurch auf ihn aufmerksam. Anthony saß in der Halle seines Hotels und rauchte nach Tisch eine Zigarre, als die nähere Bekanntschaft begann. Ein paar große Hände legten sich plötzlich auf seine Schultern, er wurde buchstäblich von seinem Stuhl in die Höhe gehoben, und eine rauhe Stimme sagte zu ihm: »Geben Sie mir meinen Schilling wieder!« Dann wurde er heftig gerüttelt, und man hörte eine Münze auf den Boden fallen. »Ich danke Ihnen auch«, sagte die Stimme wieder, und Mr. Lammer- Green bückte sich, um ein Schillingstück aufzunehmen, das aus Anthonys Hosen gefallen war. Vorher hatte er es ihm nämlich zwischen Hals und Kragen gesteckt und ihn dann so lange geschüttelt, bis es wieder auf den Flur fiel. Anthony schaute wütend in das grinsende Gesicht Mr. Lammer- Greens. Er hätte ihn am liebsten umgebracht.
»Ach, Sie sind es!« rief er dann, denn er kannte den Witzbold und Spaßmacher von früher her oberflächlich. Der ehrenwerte Mr. Lammer-Green war ein langer, knochiger, junger Mann, der keinen anderen Lebenszweck kannte, als Witze und Posen zu machen und seinen Spaß mit einer harmlosen Welt zu treiben. Früher war er einmal an Bord des französischen Kreuzers »Arlot« in der Verkleidung eines Sultans von Muskwash erschienen. Der Admiral war auch darauf hereingefallen und hatte zu seinen Ehren einen königlichen Salut abfeuern lassen. Ein andermal war er mit einer großen Menge von Arbeitern erschienen und hatte die Fahrstraße von Piccadilly Circus aufgerissen, kurz vor Schluß der letzten Theatervorstellungen. Dadurch hatte er den Verkehr im Herzen Londons auf zwölf Stunden lahmgelegt. Auch hatte er schon drei Bürgermeister von drei Provinzstädten verhaftet und sie in einem extra für diese Zwecke gebauten schwarzen Gefangenenwagen nach London gebracht. Er war der Sohn eines Lords und sollte später einmal den Titel erben. Außerdem war er sehr reich und Junggeselle. »Man hat Leute schon für Geringeres als das totgeschlagen«, sagte Anthony etwas böse.
»Na, nehmen Sie Platz, Sie lange, nutzlose Latte!« Sie hatten sich, seit sie im Krieg zusammengekommen waren, nicht mehr getroffen. Anthony erzählte es dem anderen. »Mit Krieg mag ich nicht gern etwas zu tun haben«, erwiderte Mr. Green entschieden. »Die Sache macht eigentlich keinen Spaß. Ich muß Frieden haben. Wissen Sie schon, welche großartige Sache ich in Greenwich angestellt habe?
Beinahe hätte ich drei Monate Gefängnis dafür bekommen! Donnerwetter, das war einmal ein Vergnügen! Ich habe einen Kerl gemietet und ihm den Auftrag gegeben, auf das große Fernrohr des Observatoriums hinaufzuklettern und kleine, schwarze Flecke auf die Linse zu machen. Verstehen Sie, alter Freund, das waren dann Sonnenflecke!« Er lachte laut auf und schlug sich vor Begeisterung auf die Knie. Anthony sah ihn verwundert an. »Ich kann gar nicht verstehen, wie ein großer, verständiger Mensch mit soviel Geld seine Zeit damit zubringen kann, nur dummes Zeug zu machen. Warum, zum Teufel, heiraten Sie denn nicht und lassen sich irgendwo auf dem Lande nieder?
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