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Mit Freundlichkeit, Geduld und Vertrauen (S. 35-36)
Auf unserer buddhistischen Entdeckungsreise sind wir nicht nur Forscher, sondern wir sind gleichzeitig auch der Kontinent, den es zu entdecken gilt. Als verantwortungsvolle und aufgeschlossene Forscher wollen wir das, was sich uns da an Neuem auftut, erst einmal mit freundlicher Neugier und mit Interesse betrachten. Wir stülpen der uns fremden Kultur nicht sofort unsere Wertund Moralvorstellungen über. Wir achten und respektieren das, was wir vorfinden, auch wenn es uns zuerst seltsam, unsinnig, ärgerlich oder vielleicht sogar grausam vorkommt. Wie eine ideale, tolerante Forscherin sollten Sie auch mit sich selbst umgehen. Wir alle stecken voller Gewohnheiten, Verhaltensmustern, starren Meinungen und Anschauungen, Vorurteilen, Launen und Vermeidungsstrategien. In jedem von uns wirkt das, was man in der Physik die Trägheit der Masse nennt. Wir folgen gern ausgetretenen Pfaden und ändern uns nicht gern. Je länger wir aber schon an bestimmten Gewohnheiten festhalten, desto schwieriger wird es für uns sein, diese loszulassen.
Die Aufmerksamkeit kann hier wie eine Lupe funktionieren: Riesig und klar kommen unsere Gewohnheiten zum Vorschein. Manches von dem, was Sie da zu Gesicht bekommen, wird Ihnen nicht gefallen. Vielleicht sind Sie dann versucht, die Lupe in die wollen. Oder Sie sind so schockiert und wollen die Missstände auf der Stelle beheben, was nicht gelingen kann. Veränderungen, wenn sie denn notwendig und möglich sind, können erst in einem zweiten Schritt geschehen. Im Augenblick geht es nur darum, dass Sie genau hinsehen und hinspüren, um das, was Sie dann wahrnehmen, ohne Wertungen zuzulassen. Wir werden nicht darum herum kommen, unsere Unzulänglichkeiten und Fehler oder das, was wir dafür halten, genau zu betrachten. Dabei werden wir aber auch anderes in uns entdecken: Mut, Mitgefühl, Liebe und Freude.
Es wird nicht darum gehen, dass wir in Zukunft einem Ideal entsprechen. Wenn in der Lehre des Buddha davon die Rede ist, dass die eigenen Erfahrungen im Mittelpunkt stehen sollen, so heißt das, dort zu beginnen, wo wir uns im Moment gerade befinden – ganz egal, ob wir uns für gute oder schlechte Menschen halten. Wir schauen genau hin, was da in uns vor sich geht, und dies so, dass wir uns nicht bewerten und schon gar nicht verurteilen. Diese Haltung des unvoreingenommenen Sehens zu üben ist nicht nur am Anfang des buddhistischen Weges wichtig. Sie wird in Zukunft unsere ständige Begleiterin sein sowohl in der Meditation als auch im Alltag. Ein zentrales Anliegen des Buddhismus ist es, die Wirklichkeit so, wie sie ist, ohne alle Wertungen, zu erfahren und zu erkennen. Dafür brauchen wir aber die Fähigkeit und den Mut, sie direkt anzuschauen. Daher ist es sehr wichtig, dass wir zuerst lernen, unsere Entdeckungen weder zu beschönigen noch zu verdrängen oder gar zu ignorieren.
Lang gehegte Gewohnheiten sind wie Himbeer- oder Brombeerranken: Sie treiben lange Triebe, schlagen ständig neue Wurzeln, sind extrem widerstandsfähig und haben obendrein noch Stacheln. Wir müssen also Langmut und enorme Geduld aufbringen, um die Sträucher zu bändigen. Dann kann die darunter schlummernde Blütenpracht zum Vorschein kommen.
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