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Muttertag

von: Nele Neuhaus

Ullstein, 2018

ISBN: 9783843718806 , 560 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 8,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Muttertag


 

Prolog


Sonntag, 10. Mai 1981


Er lehnte mit dem Rücken am narbigen Stamm der mächtigen Trauerweide, deren Äste ins Wasser des Sees hingen, und genoss das seltene Glück, völlig allein zu sein. Dies war sein Lieblingsort. Hier konnte er ungestört seine Gedanken schweifen lassen. Hinter dem Vorhang aus Laub fühlte er sich geborgen und sicher, weil er wusste, dass ihm niemand hierherfolgte. Die Jüngeren entfernten sich nie so weit vom Haus, aus Angst vor den Strafen, die es unweigerlich geben würde, wenn man erwischt wurde. Die Älteren waren zu faul, so weit zu laufen, erst recht an einem so warmen Tag wie heute. Sie hingen am liebsten herum, rauchten heimlich, hörten Musik, drangsalierten die Kleinen und machten sich gegenseitig fertig, bis zum Schluss irgendwer heulte, meistens eins der Mädchen. Er hasste sie. Alle. Aber am meisten hasste er IHN. Wenn er nicht rechtzeitig zurück war, würde ER ihn bestrafen. Manchmal, wenn ER gut gelaunt war, gab es nur eine Tracht Prügel. War ER schlecht gelaunt, wurde es schlimmer. Viel schlimmer. Er spürte, wie sein Mund trocken wurde vor Angst, nur beim Gedanken daran, und er zwang sich, an andere Dinge zu denken. Am liebsten dachte er an Mama, seine schöne Mama, die so weit weg war. Sie roch so gut. Und wenn sie ihn umarmte, ihn »mein kleiner Prinz« nannte und mit ihm in den Zoo ging oder in ein vornehmes Café in Frankfurt, dann war er glücklich. Früher hatte er geglaubt, was sie ihm versprach, wenn sie ihn besuchen kam. Nämlich, dass sie ihn bald, ganz bald, zu sich holen würde und sie dann eine richtige Familie wären. Immer wenn es besonders schlimm war, hatte er sich ausgemalt, wie es wäre, bei Mama zu wohnen. Er hatte nicht verstanden, warum er hier sein musste, aber der Gedanke, dass es nur vorübergehend war und sie ihn bald holen würde, hatte ihn getröstet und alles ertragen lassen. Manchmal hatte er befürchtet, sie würde ihn vergessen, aber dann kam sie wieder und alles war gut. Wenigstens für ein paar Stunden. Als er noch kleiner war, hatte er beim Abschied geweint und sich an sie geklammert, weil er nicht wollte, dass sie wieder wegfuhr und ihn zurückließ. Das machte er jetzt nicht mehr, schließlich war er schon dreizehn, da heulte man nicht mehr wie ein Baby.

Noch immer hoffte er insgeheim, dass sie ihr Versprechen irgendwann wahr machen würde. Immerhin hatte er eine Mama. Die anderen nicht. Ach, wenn er das doch bloß für sich behalten hätte! Wie dumm von ihm, das ausgerechnet zu IHM zu sagen! Seitdem verspottete ER ihn und sagte gemeine Sachen über Mama. »Du bist nur ein hässlicher, kleiner Bastard«, hatte er einmal gesagt. »Wie blöd bist du eigentlich? Die hat dich abgeschoben, weil sie dich nicht will. Die holt dich niemals, kapiert? Wann schnallst du das endlich, du Trottel?«

Er presste die Augen zusammen, um nicht zu heulen. Es tat so schrecklich weh. Beim letzten Mal, als Mama ihn besucht hatte, hatte er all seinen Mut zusammengenommen und sie gefragt. Ob sie ihn nicht haben wollte, weil er ein hässlicher, kleiner Bastard sei. Da hatte sie aufgehört zu lächeln und ihn ganz komisch angeguckt. »Das darfst du nie, nie, niemals glauben, mein kleiner Prinz«, hatte sie geflüstert und ihn ganz fest in die Arme genommen. Das war am Muttertag vor zwei Jahren gewesen. Letztes Jahr war sie nicht gekommen. Und heute würde sie wohl auch nicht mehr kommen, um ihn abzuholen.

Er schluckte die Tränen herunter, atmete tief den erdigen Duft ein, den der Waldboden verströmte. Weit über ihm am wolkenlosen blauen Himmel zog ein Bussard träge seine Kreise. Ab und zu ließ er einen Schrei erklingen, der ein bisschen wie das Miauen einer Katze klang. Insekten summten geschäftig um ihn herum. Im Unterholz in der Nähe raschelte irgendein kleines Tier, eine Maus vielleicht. Er stellte sich vor, wie ihr kleines Mäuseherz vor Angst panisch pochte, weil sie den Bussard hörte und nicht wusste, ob und wann er herabstoßen würde, pfeilschnell und lautlos, und wenn sein Schatten über sie fiel, dann war es zu spät, um zu fliehen … Genau wie ich, dachte er. Wie wir alle, wenn wir SEINE Stimme hören und nicht wissen, was als Nächstes passiert.

Er öffnete wieder die Augen und ließ den Blick über den See schweifen, der still dalag, glatt wie eine Glasscheibe. Zwei Libellen brummten über dem Schilf. Ein Wasserläufer krabbelte über das Wasser, in das plötzlich Bewegung kam. Er hob den Kopf und lauschte, hörte in der Ferne Stimmen, dann ein Platschen und das Rauschen von Rudern im Wasser. Das alte Ruderboot, das auf der anderen Seite des Sees im Schilf vertäut lag, war so morsch, dass es streng verboten war, es zu benutzen. Er kroch auf allen vieren näher ans Ufer und linste durch die Schilfhalme. Sein Herzschlag beschleunigte sich und ein Schauer freudigen Triumphs flutete seinen Körper. Die beiden hatten nicht geahnt, dass er ihren kurzen Wortwechsel vorhin nach der Messe belauscht hatte.

»Um zwei am Froschpfuhl?«, hatte ER geraunt, ohne sie anzusehen.

»Lieber um drei«, hatte sie genauso leise geantwortet. »Da sind meine Eltern weg.«

Er hatte gesehen, wie sich ihre Hände berührt hatten, fast wie zufällig in dem Gedränge der Menschen, die sich durch den Mittelgang des Kirchenschiffs Richtung Ausgang schoben. Es hatte definitiv Vorteile, unsichtbar zu sein. Manchmal war es demütigend, aber meistens gefiel es ihm. Jetzt hörte er Noras Stimme, ihr Lachen schwebte glockenhell durch den stillen Nachmittag. Sie lag hinten im Boot, die Ellbogen aufgestützt, ihre sonnengebräunten Beine lässig überkreuzt. Das lange blonde Haar fiel ihr in Wellen über die Schultern, ein Arm hing ins Wasser. Was sie sprachen, konnte er nicht verstehen, aber ER ließ die Ruder auf einmal durchs Wasser schleifen, stellte sich im Boot aufrecht hin, brachte es zum Schaukeln.

»Ey, hör auf mit dem Scheiß!« Nora richtete sich auf.

»Nur, wenn du mir einen Kuss gibst«, erwiderte ER.

»Ich denk nicht dran!«, sagte Nora hochmütig. »Los, ruder weiter! Sonst frag ich das nächste Mal jemand anders, wenn du so blöd bist.«

Es war wundervoll, sie streiten zu hören. Wie Nora ihn kränkte, mit nadelspitzen Gemeinheiten, die sich mit Widerhaken in der Seele festsetzten. Er wusste genau, wie sich das anfühlte.

Nora. Er hasste sie. Und liebte sie. Sie war das schönste Wesen, das er jemals gesehen hatte. Und das böseste zugleich.

ER schaukelte das Boot immer heftiger, bis es schließlich kenterte. Nora kreischte auf, als sie ins Wasser fiel, dann folgte ein Hagel empörter Beschimpfungen, aber ER beachtete sie nicht mehr. ER kraulte ans Ufer und verschwand zwischen den Bäumen.

Nun war er ganz alleine mit Nora. Einen kurzen Moment wurde ihm schwindelig, als ihm die Tragweite dieser Tatsache bewusst wurde. Nora. Sie war noch immer im Wasser, kam nicht vom Fleck. Der gekenterte alte Kahn war halb untergegangen.

»Hilfe!«, schrie sie. »Hilfe! Ich hänge fest!«

Zum ersten Mal klang das, was sie von sich gab, ehrlich. Er streifte die Sandalen von den Füßen, zog T-Shirt und Shorts aus und bahnte sich einen Weg durch das Schilf. Kalt und schleimig fühlte sich der Boden unter seinen nackten Fußsohlen an, und er musste aufpassen, dass er sich an den messerscharfen Schilfhalmen nicht verletzte. Nora schrie noch immer um Hilfe, als er aus dem Schilf trat und auf sie zuschwamm. Sie ruderte hektisch mit den Armen, Panik in den Augen. Noch ein paar Schwimmzüge und er war bei ihr. Nie zuvor war er ihr so nahe gewesen.

»Ich häng mit dem Fuß fest«, keuchte sie und versuchte, seinen Arm zu ergreifen. Er schwamm auf der Stelle. Selbst jetzt, so nass und voller Angst, war sie noch immer wunderschön. Tief in seinem Innern regte sich etwas, das schon lange darauf gewartet hatte, geweckt zu werden. Seine Hände schlossen sich um Noras Hals. Sie wollte wieder schreien, aber er drückte sie unter die Wasseroberfläche. Es war nicht leicht, sie dort zu halten, und wahrscheinlich wäre es ihm nicht gelungen, hätte sich ihr Fuß nicht in den Algen verfangen. Sein Blut begann schneller zu kreisen, als er mit Armen und Beinen ihren Körper umfing. Je verzweifelter sie sich wehrte, desto köstlicher war das Gefühl der Macht. Sie zappelte und kämpfte, aber er war stärker als sie. Mühelos hielt er sie jetzt mit den Knien unter der Wasseroberfläche. Fasziniert beobachtete er Nora beim Sterben, er sah die Todesangst in ihren weit aufgerissenen Augen, die sich in Unglauben verwandelte. Dann brach ihr Blick, wurde stumpf und leer wie der einer Puppe. Er spürte, wie das Leben aus ihr wich. Als ihr Körper erschlaffte, ließ er ihn los. Noras Haare breiteten sich aus und schwebten im Wasser wie ein goldener Fächer. Aus Mund und Nase drangen letzte Luftbläschen. Nora Bartels’ elfengleiche Schönheit war für immer dahin. Weil er es so gewollt hatte. Er sah zu, wie sie versank, kostete das herrliche Gefühl von Macht und Entzücken und Herrschaft noch ein wenig aus, dann schwamm er zurück ans Ufer, zog sich an und rannte los, rannte so schnell, dass seine Lungen brannten. Er erreichte das große Haus, ohne jemandem zu begegnen. Als spätnachmittags die...