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Hautnah und immer näher

von: Anne Marsh

MIRA Taschenbuch, 2018

ISBN: 9783955769512 , 240 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 3,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Hautnah und immer näher


 

2. KAPITEL

Harper

Vik erinnert sich nicht an mich.

Der heißeste Typ, den ich jemals angefasst habe – und Gott sei Dank habe ich ihn angefasst –, stellt sich vor, als wäre ich eine Fremde. Als hätte er mich niemals geküsst, nie seinen Schwanz in mich hineingeschoben, mich nie dazu gebracht, Millionen Sterne zu sehen, weil er sich so verdammt gut in mir anfühlte. Ein Klassentreffen, eine Kiste Bier und eine ausschweifende Party haben offenbar dafür gesorgt, dass er all das vergessen hat.

Selbst durch die Gummihandschuhe, die er trägt, spüre ich seine Stärke und die Hitze, die mich versengt. Seine leichte Berührung hat etwas seltsam Verführerisches. Vielleicht bin ich aber auch einsamer, als ich dachte, wenn ich schon die bloße Berührung seiner Finger auf meiner Haut als etwas Tröstliches empfinde. Ich bezahle ihn für diesen Kontakt, und ich bin viel betrunkener, als man in einem Tattoostudio sein sollte.

Dieser Tag – dieser Abend – ist ein Tag für Premieren.

Das blonde Haar fällt ihm ins Gesicht, während er summend die Nadel über meinen Rücken führt. Die erste Berührung ist ein Stich, heftig und ungeschützt, der sich zu etwas Intensiverem, Dunklerem entwickelt. Ich presse mich tiefer auf die Liege, um diesem schmerzhaften Brennen zu entkommen, aber es gibt keinen Ausweg für mich. Warum bin ich eigentlich hier?

Weil der Mann, den du zu heiraten glaubtest, dich abserviert hat.

Weil du immer wieder dasselbe tust und eigentlich etwas anderes willst.

Weil du dein ganzes Leben auf einmal an die Wand gefahren hast.

Ich stoße einen Laut aus, der ein Zeichen von peinlicher Wehleidigkeit ist. Ich muss das hier nicht tun. Ich kann jederzeit gehen. Jetzt hat er eine neue Hautpartie mit seiner Nadel entdeckt, und ich jammere.

„Atme gleichmäßig.“ Mit einer Hand hält er mich fest wie in einem Schraubstock. Ich sollte aufstehen. Ich sollte ihm sagen, dass ich meine Meinung geändert habe. Ich hatte keine Ahnung, dass es so wehtut. Wenn er mit seiner Nadel über meine Haut kratzt, entstehen dünne, üble Linien, die er so tief in mich hineinschabt, dass ich sie überall spüre. Wie um mich zu beruhigen, reibt er sanft mit seinem Daumen über die unberührten, untätowierten Stellen meiner Haut.

Ich drehe den Kopf, um Brooklyn anzuschauen. „Du bist schuld.“

Sie lacht meckernd und zieht ihr Handy aus der Jackentasche. Statt Mitgefühl zu zeigen, dokumentiert sie den Augenblick für die Ewigkeit auf Facebook. „Du hast gesagt, du willst nach vorn schauen. Und etwas Mutiges und Verrücktes tun, um dich immer an diesen besonderen Moment in deinem Leben zu erinnern.“

„Das habe ich nach zwei Dirty Martinis gesagt“, protestiere ich lahm.

Summend beugt Vik sich tiefer über mich. Er tut mir weh. Einerseits würde ich Brooklyn am liebsten in den Hintern treten, weil sie mich dazu überredet hat; andererseits möchte ich, dass Vik mir immer näher kommt. Dass er mich noch intensiver berührt, um das Stechen zu mildern, das er mit seinen großen Händen verursacht. Vielleicht ist es aber auch die besonnene Kraft, mit der er mich festhält, mit der er mich tröstet und mir wehtut und aus dem Schmerz etwas Wunderschönes hervorzaubert.

Glücklicherweise lenkt Brooklyn mich ab. „Gilt trotzdem.“

„Sie ist Steuerfachfrau“, murmele ich, während Brooklyn mir einen Vogel zeigt. Sie steht kurz davor, wegzudösen. Die Augen hat sie bereits halb geschlossen.

Hinter mir höre ich Viks verächtliches Schnauben. „Echt?“

„Brooklyn sieht nicht wie eine Wirtschaftsprüferin aus, aber glaub mir: Du solltest dir wirklich Sorgen machen, wenn sie jemals auf die Idee kommt, deine Bücher durchzuchecken. Sie spürt jedes Geheimnis auf, das du irgendwo zu verstecken versuchst.“

„Du hättest zu mir auf die dunkle Seite rüberkommen können“, krächzt sie. „Aber nein. Du musstest ja mit den Typen vom Investmentbanking abhängen, die all dieses schöne Geld scheffeln. Für dein Bankkonto hättest du diesen Idioten wirklich nicht gebraucht. Ich hoffe für dich, dass er wenigstens einen gigantischen Schwanz hatte.“

Die Nadel brummt, und der Schmerz wird heißer und intensiver, während Vik mit seiner Arbeit fortfährt. Ich hole tief Luft und beginne, durch die Wellen des Schmerzes zu zählen, um mich abzulenken. Es gelingt mir ziemlich gut.

Vik

„Erzähl mir mehr von diesem gigantischen Schwanz.“ Harper verspannt sich, während ich mit der Nadel über ihre Haut fahre. Trotzdem breitet sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus.

„Er war hübsch“, antwortet sie. „Überall.“

Blondie – Brooklyn – zieht eine Augenbraue hoch. „Hat er denn gewusst, was er mit seinem Joystick machen muss? Andernfalls ist das Ding nämlich nur ein Griff, an dem du ihn herumführen kannst.“

Harper kichert. „Der Mann konnte stundenlang damit spielen. Er hat es immer bis zum Bonuslevel geschafft – und was seine Treffer angeht, ist er Spitzenreiter.“ Erneut kichert sie. „Das meine ich übrigens wörtlich.“

„Das sagst du nur, weil du es noch nicht mit mir zu tun hattest“, bemerke ich.

Vielleicht sollte ich besser die Klappe halten. Ich denke ein paar Sekunden über diese Option nach, bevor ich sie verwerfe. Warum sollte ich mich zurückhalten?

„Du nimmst wohl kein Blatt vor den Mund, wie?“ Harpers Hände zucken auf der Liege, sie verkrampft die Finger und löst sie wieder, während ich ihren Rücken bearbeite. Sie will noch mehr sagen, doch dann stöhnt sie leise, zieht scharf die Luft ein und erstarrt zur Salzsäule. Das ist der Moment, an dem manche Leute aufgeben und von meiner Liege klettern. Andere meckern und fluchen. Man muss die Schmerzen aushalten, ihren Rhythmus erspüren und sich in jede Welle hineinfallen lassen. Dann kommt irgendwann der magische Moment, wenn man wieder auftaucht aus dieser Welle, und auf einmal befindet man sich wie durch ein verdammtes Wunder an einem ganz anderen Ort.

Ich tätowiere eine neue, tiefere Linie in ihre Haut. „Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist“, kontere ich.

„Hast du denn viel mit heißen Eisen zu tun?“ Harpers Stimme klingt ebenso rauchig wie belustigt, aber unter der Oberfläche spüre ich einen Hauch von Unbehagen. Auf eigenartige Weise zieht sie mich unheimlich an. Ich sollte mich besser nicht über sie beugen und jede Linie küssen, die ich in ihren Rücken geritzt habe. Ihre gerade Wirbelsäule, die sich unter ihrer Haut abzeichnet, so lange lecken, bis sie unter mir zerfließt. Sie ist eine Kundin, und egal, was für verfickte Gedanken mir durch den Kopf gehen – sie haben gefälligst da drin zu bleiben.

„Eher mit heißen Öfen“, antworte ich mit rauer Stimme. „Ich fahre Motorrad. Ich bin Mitglied beim Hard Riders MC.“

„MC?“ Sie dreht den Kopf, um mir ins Gesicht sehen zu können.

„Motorradclub.“

„Ist das nicht illegal?“

„Kommt drauf an, wen du fragst, Sweetheart. Und auch darauf, was wir gerade vorhaben. Meistens sind wir brav wie Pfadfinder. An Weihnachten machen wir sogar eine Parade.“
„Und an den anderen Tagen?“

„Kümmern wir uns um unser Geschäft.“

Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, mit dem Daumen über ihre Wirbelsäule zu fahren. Die Frau hat mehr Knoten auf dem Rücken als das Makramé-Zeugs, das mein Bruder Cord im Gefängnis zu knüpfen gelernt hat. Es sollte eine Therapie sein und für Entspannung sorgen. Was für Cord erst dann funktionierte, als er mit seinen neuen Fähigkeiten ein paar Stripperinnen gefesselt und ihnen die hohe Kunst des Bondage beigebracht hat, nachdem er wieder auf freiem Fuß war.

„Mach weiter.“ Blondies Worte sind leise und schleppend. Sie hat vollkommen recht. Wenn Harper diesen Trottel vergessen will, bin ich der richtige Mann, ihr dabei zu helfen.

Harper zuckt zusammen, als ich mit meiner Nadel einen besonders empfindlichen Punkt treffe. „Wann sind wir denn endlich fertig?“

„Sweetie“, sage ich, mein Mund ganz nahe an ihrem Ohr, „wir haben ja noch nicht mal richtig angefangen.“

Ich weiß es aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn die Nadel in die Haut sticht und dass der Schmerz nie wirklich ganz nachlässt. Die Scheiße tut echt weh. Das Leben auch. Aber dieser Schmerz ist selbst gewähltes Schicksal, und er führt zu einem fantastisch schönen Ergebnis, wenn ich meine Arbeit ordentlich mache. Auf Harpers Rücken nimmt mein Feuervogel allmählich Gestalt an – zuerst die Flügel, dann der Kopf. Ich verliere mich in den Linien, der Zeichnung und den Farben, hole etwas aus ihrem Inneren hervor und bringe es nach außen, sodass es für jeden sichtbar wird.

Lange Zeit bleibt Harper ganz still. Ich beuge mich tiefer zu ihr hinunter, um sicherzugehen, dass sie nicht eingeschlafen ist. Nicht, dass sie besonders viel redet, aber hin und wieder ein Lebenszeichen wäre nicht schlecht. Ihre Augen sind geschlossen und ihre Lippen leicht geöffnet, aber ich brauche sie hellwach und ganz bei mir.

„He! Alles in Ordnung?“ Ich fahre mit den Fingerknöcheln über ihre Wange und verfluche den Latex zwischen meiner und ihrer Haut.

Langsam öffnet sie die Lider. Sie hat sehr schöne, sanfte Augen. „Es schmerzt.“

„Ein guter oder ein schlechter Schmerz?“

Sie runzelt die Stirn, als hätte sie meine Frage nicht verstanden. Es sieht niedlich aus. „Ein guter...