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Marlène

von: Philippe Djian

Diogenes, 2018

ISBN: 9783257609080 , 288 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 18,99 EUR

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Marlène


 

{61}Vorzeichen


Einige Tage vor seiner Entlassung nutzte Richard das erste Frühlingserwachen mit diesem blauen Himmel, der schon für sich allein alles änderte, besonders die Laune der Frauen – ohne dass er sagen konnte, warum –, um Nath beizubringen, dass er einen neuen Wagen gekauft hatte. Trotzdem versteif‌te sie sich etwas, obwohl er ihr gegenüber nur ein Drittel des Preises für den Alfa erwähnte. Ihre Gedanken rasten, sie wog das Für und Wider in weniger als einer Viertelsekunde ab.

Ob das der richtige Moment ist, fragte sie scheinbar sorgenvoll.

Und dann seufzte sie leicht, als würde sie einem lebhaften Kind nachgeben, bei dem man nicht hart bleiben kann.

Siehst du mich zu Fuß durch die Stadt latschen, erwiderte er und zeigte mit dem Daumen auf sich. Ich nicht.

Sie schüttelte den Kopf, setzte ein ausdrucksloses Lächeln auf und schaute in Richtung {62}Gitterfenster, er sollte sich nicht einbilden, dass der Punkt so schnell an ihn ginge.

Trotzdem ganz schön viel, verteidigte sie sich sacht. Das ist trotzdem Wahnsinn, weißt du.

Er nahm ihre Hände und beugte sich zu ihr. Sie merkte, dass er wohl seit Minuten innerlich kochte, er brannte, aber das war nicht verwunderlich, sie hatte mit Bedacht ein Outf‌it ausgewählt, das ihn, nach drei Monaten der Abstinenz oder was das gewesen war, nicht kaltlassen konnte. Sie hatte nichts unversucht lassen wollen, angesichts von Richards Rückkehr feilte sie an ihrer Verteidigungsstrategie. Und wenn sie es geschickt machte, würde ihnen nichts um die Ohren fliegen und nicht die Hütte abbrennen. Sie zupf‌te an ihrem Rock.

Ihre Ehe bot schon lange keinen Grund mehr zur Freude. Aber jetzt hatte ihr Mann wieder diesen Glanz in den Augen, und ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Im Grunde war dieser animalische Urinstinkt, der sie antrieb, zum Lachen. Richard standen die Schweißperlen auf der Stirn, er knetete ihre Hände, ohne recht zu wissen, was er tat, seine Unterlippe hing verträumt herunter, sein Schwanz zeichnete sich deutlich in der Stoffhose ab.

Sie dachte an diesen Typen, den sie manchmal traf und der schon beim Nachtisch anfing zu {63}stottern, so scharf war er darauf. Es war fast komisch. Vielleicht hing das mit dem Einzug des Frühlings zusammen.

Ich weiß, was du denkst, presste Richard zwischen den Zähnen hervor. Kümmer dich nicht drum.

Ich wollte eigentlich einen großen Fernseher kaufen, sagte sie schulterzuckend. Aber das macht nichts, ich kann warten.

Super. Ich will endlich nach Hause, weißt du.

Sobald sie sich umgedreht hatte, um zu gehen, zündete er sich eine Zigarette an und sah ihr nach. Er hätte es schlimmer treffen können. Von allen Mädchen, die er gekannt hatte, passte Nath ihm am besten. Davon war er auch nach zwanzig Jahren noch überzeugt, trotz der Höhen und Tiefen, die sie durchgemacht hatten. Die Einzige, die allen Krisen und seiner wiederholten Abwesenheit standgehalten, die Einzige, die ihm Paroli geboten hatte, letztlich mit Verstand und Weitblick, aber es kam auf das Jetzt an, er sah keinen Sinn darin, zu Kreuze zu kriechen.

Sie waren sich über den Alfa einig geworden, ohne Diskussionen, wovon Richard noch ganz beglückt war, dazu kam die große Lust auf seine Frau, verstärkt durch die aktuellen Umstände.

Er nutzte seinen Freigang, um die anderen auf {64}dem Hof wissen zu lassen, dass er auf der Suche nach einem großen Fernseher war, gute Qualität, zu einem guten Preis. Und just der Typ, der ihm den Alfa verkaufen wollte, hatte einen Cousin mit guten Kontakten.

Draußen wurde es dunkel, er lag auf seiner Liege und fragte sich, ob Nath ebenso ungeduldig war wie er, ob die Lust sie zerfraß, ob sie es sich gerade selbst machte. Mit der Zeit hatten sie sich ein wenig vernachlässigt, vor allem seit seiner Rückkehr aus dem Irak, der ihn mehr fertiggemacht hatte, als er zugab. Er dachte an die Zeit, die sie verloren hatten. Dann an den Spaß, den er haben würde, sobald sein Alfa bereit war. Er hatte auf Amazon Magazine bestellt, um sich mit ihm vertraut zu machen. Seine Wand verschönerte nicht das Foto einer nackten Frau.

Seine bevorstehende Entlassung und Monas Rückkehr beschleunigten die Dinge, und Marlène bezog ein möbliertes Studio in der Nähe, nur fünf Gehminuten entfernt. Es war nicht eben freundlich, aber sie schlief dort ja nur. Ihre Tage waren lang und anstrengend, wer hätte gedacht, dass in dieser Stadt so viele Hunde lebten, sanfte, zitternde, hinterlistige, und wenn sie den Salon endlich schließen konnten und einen Sack Haare aller Arten, Längen, Farben zu den Mülleimern schleppten, {65}dämmerte es bereits. Marlène hatte von der Schere Schwielen an den Fingern. Sie gingen spät nach Hause, und ihnen fehlte die Energie, um sich ernsthaft über die diversen Schwierigkeiten auszutauschen, die ihnen bevorstanden.

Sie aßen irgendetwas, das gerade da war, oder bestellten eine Pizza, Empanadas oder Sushi, das sie in der Küche hinunterschlangen, während Mona sich mit ihrem Teller im Schneidersitz vor den Fernseher verzog – Nath wagte nicht mehr, sie zurechtzuweisen und dieses oder jenes zu kritisieren, solange Richard nicht zurück war und sie die Last, die Mona war, nicht mit ihm teilen konnte. Es gab keinen Zaubertrick. Es bestand nicht die geringste Aussicht darauf, dass sich die Probleme von einem Tag auf den anderen auf‌lösen würden, wenn überhaupt. Aber wenigstens konnte sie verschnaufen. Und sogar doppelt verschnaufen, denn gleichzeitig war sie auch Marlène los, das war nicht nichts. Wenn sie abends die Ladentür abschloss, hätte sie viel darum gegeben, dass ihre Schwester sich noch auf dem Gehweg in Luft auf‌löste und erst am nächsten Morgen wiederauf‌tauchte. Wer hätte diese Fähigkeit nicht gerne gehabt, dann und wann in seinem Leben.

Sie versuchte, nicht daran zu denken, dass Marlène schwanger war. Denn wenn sie daran dachte, {66}fühlte sie sich niedergeschlagen. Sie beobachtete ihre Schwester manchmal verstohlen, sie wunderte sich immer noch über deren Anwesenheit, die nach den vielen Jahren der Trennung so unwirklich war, und all die Erinnerungen, die wieder hochkamen, alles, was sie vergessen zu haben glaubte, machte sie sprachlos, ließ ihr keine Ruhe. Als hätte sie keine eigenen Probleme.

Wenn sie abends ins Bett ging, blieb sie einen Augenblick sitzen, das Kinn auf die Knie gestützt, und starrte auf die leere Fläche neben sich, Richards Seite, und danach hatte sie trotz der Müdigkeit Schwierigkeiten einzuschlafen, und sie spürte, dass sie bald keinen Hund mehr sehen könnte, und wäre er nur gemalt. Auch keinen Militär. Keine Familie. Sie sagte sich das seit Jahren. Da war Mona noch ganz klein gewesen. Dann kam die Zeit, als sie eine Schlaf‌tablette nahm, sogar zwei, und mit geballten Fäusten einschlief.

Sie hatte schon lange begriffen, dass Richard unkontrollierbar, aber auch, dass er der Fels in der Brandung war, wenn auch weniger verlässlich als früher.

Sie beschloss, am nächsten Morgen nicht spät aufzustehen, und verzog das Gesicht, als sie das Wetter draußen sah, den grauen windigen Himmel. Das waren wohl die letzten dunklen und kalten {67}Tage, bevor der Frühling kam. Richard wurde erst in ein paar Stunden entlassen, aber bis dahin würde das Wetter kaum umschlagen, sie würde einen Regenschirm mitnehmen müssen und beten, dass es nicht noch hagelte.

Marlène wollte einen Kuchen backen, jammerte aber wegen der Schwielen an ihren Händen. Bis sich Dan schließlich vom Fenster wegdrehte und tonlos fragte, ob er sich nützlich machen könne.

Im Nu hatte sie ihm eine Schürze um die Taille geknotet. Auf seine Reflexe aus der Zeit der Spezialeinheit war auch kein Verlass mehr. Mona und ihre Mutter sahen sich ungläubig an.

Am Abend zuvor war Marlène beim Bowling schon wieder weggesackt, und wenn Dan nicht da gewesen wäre, um sie aufzufangen, wäre sie zu Boden gesegelt wie ein nasser Waschlappen. Jetzt wache ich schon zum zweiten Mal in Ihren Armen auf, hatte sie lachend gesagt. Es scherte sie nicht, dass Dan das offensichtlich peinlich war, er suchte einen Platz, um sie loszuwerden, und hatte sie inmitten des Bowlinglärms auf die erstbeste Bank gelegt.

Nath begann, sich irritiert und besorgt zu fragen, ob ihre Schwester Dan vielleicht anmachte, ob das denn die Möglichkeit war, ob sie sich bald etwa kneifen müsste. Sie betrachtete Dan, in seiner Schürze und mit dem Nudelholz. Der Himmel {68}klarte auf, als sie ihre Lasagne in den Ofen schob, der Wind wehte die Wolken weg, die Sonne brach noch nicht durch, war aber ganz nah.

Als er den ersten Schritt nach draußen tat, blinzelte Richard. Dann holte er seine Sonnenbrille raus. Etwas weiter wartete Dan. Sie lächelten, klatschten sich ab, drückten sich kurz, dann stieg Richard ein, und sie machten sich auf den Weg.

Die Mädels warteten lächelnd. Nath hatte ein junges Paar eingeladen, wegen der besseren Stimmung und damit es nicht zu sehr nach Familienfeier aussah, mehr nach einem Sonntagsessen mit Freunden, und sie hatten auch schon einiges an Punsch getrunken, als die beiden Kameraden eintrafen. Ralph saß im Rollstuhl, Gisèle war Krankenschwester. Sie hatte bei seiner beidseitigen Amputation assistiert und da habe es bei ihr klick gemacht, sagte sie.

Ralph drehte sich zu Marlène um und erklärte ihr, das sei eine Erinnerung an den Mittleren Osten, an einen erbitterten Kampf, Haus um Haus, Tür um Tür, und übrigens wäre er tot, wenn Richard und Dan ihn nicht da rausgeholt und in der Hitze in ein zerschossenes Gebäude getragen hätten. Die beiden waren ein gutes Team, sagte er weiter und nickte langsam mit dem...