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Die Blütezeit der Miss Jean Brodie

von: Muriel Spark

Diogenes, 2018

ISBN: 9783257609349 , 240 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 20,99 EUR

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Die Blütezeit der Miss Jean Brodie


 

{5}1


Während die Jungen mit den Mädchen von der Marcia-Blaine-Schule sprachen, blieben sie hinter ihren Fahrrädern stehen und behielten die Hände am Lenker, so dass die Räder einen Schutzzaun zwischen den Geschlechtern bildeten und der Eindruck entstand, sie würden im nächsten Augenblick davonfahren.

Die Mädchen konnten ihre Panamahüte nicht abnehmen, weil die Schule nicht weit weg war und Barhäuptigkeit als Verstoß gegen die Schulordnung galt. Von der vierten Klasse aufwärts wurden gewisse Abweichungen manchmal toleriert, solange niemand den Hut schräg aufsetzte. Doch es gab andere feine Abstufungen der allgemeinen Regel, nach der die Krempe hinten hoch und vorne heruntergebogen sein musste. Die fünf Mädchen, die wegen der Jungen dicht beieinanderstanden, trugen ihre Hüte jedenfalls auf eindeutig unterschiedliche Art.

Diese Mädchen waren die »Brodie-Clique«. So {6}hatten sie schon geheißen, bevor die Direktorin sie voller Verachtung so nannte, als sie mit zwölf Jahren von der Junior School in die Senior School wechselten. Schon damals waren sie ohne weiteres als Miss Brodies Schülerinnen zu erkennen gewesen, da sie umfassend über zahlreiche Themen Bescheid wussten, die laut der Direktorin nicht zum amtlichen Lehrplan gehörten und für die Schule als solche nutzlos waren. Es wurde entdeckt, dass die Schülerinnen von den Buchmaniten gehört hatten und von Mussolini, von den italienischen Renaissancemalern, vom überlegenen Nutzen hautfreundlicher Waschcreme und Hamamelis im Vergleich zu biederer Seife und Wasser und von dem Wort »Menarche«, sie hatten das Londoner Haus des Autors von Winnie the Pooh samt Einrichtung geschildert bekommen sowie das Liebesleben von Charlotte Brontë und das von Miss Brodie. Sie wussten von der Existenz Einsteins und kannten die Argumente derer, die die biblischen Geschichten für erfunden hielten. Sie beherrschten die Grundlagen der Astrologie, wussten aber nicht, wann die Schlacht von Flodden gewesen war und wie die Hauptstadt von Finnland hieß. Bis auf ein Mädchen rechnete die ganze Brodie-Clique mit Hilfe der Finger, so wie es ihnen Miss Brodie vorgemacht hatte, und kam dabei zu mehr oder weniger genauen Ergebnissen.

{7}Auch als sie mit sechzehn in die vierte Klasse kamen, nach dem Unterricht vor dem Schultor herumstanden und sich dem herrschenden System angepasst hatten, blieben sie typische Brodie-Schülerinnen, die man überall an der Schule kannte, das heißt, man begegnete ihnen mit Argwohn und ohne besondere Zuneigung. Sie besaßen keinen Teamgeist und hatten außer der anhaltenden Freundschaft mit Jean Brodie sehr wenig gemeinsam. Miss Brodie unterrichtete immer noch in der Junior School. Ihr begegnete man mit besonders großem Argwohn.

Die Marcia-Blaine-Mädchenschule war eine Tagesschule, die Mitte des 19. Jahrhunderts unter anderem von der wohlhabenden Witwe eines Edinburgher Buchbinders gestiftet worden war. Bis an ihr Lebensende hatte sie Garibaldi bewundert. Am Gründungstag wurde ihrem martialischen Porträt in der großen Halle immer mit einem Strauß strapazierfähiger Blumen gehuldigt, Chrysanthemen oder Dahlien. Die Vase stand unter dem Porträt auf einem Pult neben einer aufgeschlagenen Bibel, in der die folgenden Zeilen rot unterstrichen waren: »O, wo find ich ein tugendsames Weib, das ist viel edler denn die köstlichsten Perlen.«

Die Mädchen, die Schulter an Schulter unter dem Baum standen, eng beieinander wegen der Jungen, {8}waren alle für irgendetwas berühmt. Monica Douglas war jetzt, mit sechzehn, Aufsichtsschülerin, berühmt vor allem für ihre Fähigkeit zum Kopfrechnen und ihre Wutanfälle, bei denen sie, wenn sie heftig genug waren, nach links und rechts Ohrfeigen verteilte. Sie hatte im Winter wie im Sommer eine hochrote Nase, lange dunkle Zöpfe und dicke Säulenbeine. Seit sie sechzehn geworden war, trug Monica ihren Panamahut etwas höher als üblich, er hockte auf ihrem Kopf, als sei er ihr zu klein und als wisse sie, dass sie ohnehin grotesk aussah.

Rose Stanley war berühmt für ihren Sexappeal. Ihr Hut saß unauf‌fällig auf dem kurzen blonden Haar, aber sie verpasste der Krone auf beiden Seiten einen Kniff.

Eunice Gardiner, klein, adrett und berühmt für ihre Turnkunststücke und Schwimmleistungen, hatte die Krempe vorn hochgebogen und hinten herunter.

Sandy Stranger trug ihren Panamahut mit rundherum hochgebogener Krempe und so weit wie irgend möglich nach hinten geschoben; zu diesem Zweck hatte sie am Hut ein Gummiband befestigt, das unter dem Kinn durchlief. Manchmal kaute Sandy auf diesem Band herum, und wenn es durchgekaut war, nähte sie ein neues an. Ihrer kleinen, kaum sichtbaren Augen wegen war sie nur {9}berüchtigt, berühmt aber war sie für ihre klangvollen Vokale, die Miss Brodie schon vor langer Zeit, noch in der Junior School, begeistert hatten. »Sag uns doch bitte etwas auf, es war ein anstrengender Tag.«

Sie ließ das Tuch am Webstuhl ruhn,

Musst nur drei Schritt zum Fenster tun,

Sie sah die Wasserlilie blühn,

Sie sah den Helm, den Helmbusch ziehn,

Sie sah hinab auf Camelot.

»Das ist erhebend«, sagte Miss Brodie zu ihrer Klasse, presste erst die Hände auf die Brust und breitete dann die Arme aus, während die Zehnjährigen auf die erlösende Schulglocke warteten. »Wo es keine Phantasie gibt«, befand Miss Brodie, »gehen die Menschen zugrunde. Komm, Eunice, mach zur Abwechslung und allgemeinen Aufheiterung einen Salto.«

Jetzt aber spotteten die Jungen mit den Fahrrädern gut gelaunt über Jenny Grays Redeweise, die sie sich im Sprechunterricht zugelegt hatte. Sie wollte Schauspielerin werden. Sie war Sandys beste Freundin. Die Hutkrempe trug sie vorn scharf nach unten geknickt, und ihr Ruhm gründete sich darauf, dass sie das hübscheste und anmutigste Mädchen der Clique war. »Sei kein solcher Rüpel, {10}Andrew«, sagte sie hochnäsig. Unter den fünf Jungen gab es drei Andrews, und alle drei machten Jenny sofort nach: »Sei kein solcher Rüpel, Andrew!« Die Mädchen lachten unter ihren wippenden Hüten.

Nun trat noch Mary Macgregor hinzu, das letzte Mitglied der Clique. Sie stand in dem Ruf, ein mundfauler Trampel zu sein, ein Niemand, dem man in jeder Situation die Schuld zuschieben konnte. Mit ihr kam eine Außenseiterin, das steinreiche Mädchen Joyce Emily Hammond, der neue Sündenbock der Klasse. Sie war vor kurzem als letzte Rettung auf die Blaine geschickt worden, weil keine andere Schule und keine Gouvernante mit ihr fertigwurden. Sie trug noch die grüne Uniform ihrer alten Schule. Die anderen trugen Dunkelviolett. Bisher hatte sie sich hauptsächlich dadurch ausgezeichnet, dass sie den Musiklehrer manchmal mit Papierkügelchen bewarf. Sie bestand darauf, mit beiden Vornamen angesprochen zu werden: Joyce Emily. Diese Joyce Emily gab sich alle Mühe, in die berühmte Clique aufgenommen zu werden, und dachte, die beiden Namen würden ihr vielleicht mehr Geltung verschaffen, aber sie hatte keine Chance und verstand nicht, warum.

Joyce Emily sagte: »Da kommt eine Lehrerin«, und wies mit dem Kopf in Richtung Schultor.

Zwei der Andrews schoben ihre Räder zurück {11}auf die Straße und fuhren davon. Die anderen drei Jungen blieben herausfordernd stehen, schauten aber in die andere Richtung, als hätten sie nur kurz angehalten, um die Wolken über den Pentland Hills zu bewundern. Die Mädchen steckten die Köpfe zusammen, als würden sie gerade etwas besprechen. »Guten Tag«, sagte Miss Brodie, als sie näher kam. »Ich habe euch seit Tagen nicht gesehen. Ich denke, wir sollten diese jungen Männer mit ihren Rädern nicht länger aufhalten. Auf Wiedersehen!« Die berühmte Clique zog mit ihr davon, und Joyce, der Sündenbock, folgte ihnen. »Dieses neue Mädchen kenne ich, glaube ich, noch nicht«, sagte Miss Brodie mit einem scharfen Blick auf Joyce. Und nachdem sie einander vorgestellt worden waren, sagte sie: »So, jetzt müssen wir weiter, meine Liebe.«

Sandy warf einen Blick über die Schulter und sah, dass Joyce Emily auf ihren langen Beinen in die andere Richtung davonging und schließlich in ein für ihr Alter eigentlich unangemessenes Hüpfen verfiel. Die Brodie-Clique war wieder ihrem geheimen Leben überlassen, wie vor sechs Jahren, als sie noch Kinder waren.

»Ich setze alte Köpfe auf eure jungen Schultern«, hatte Miss Brodie damals zu ihnen gesagt, »und meine Schülerinnen sind immer die Crème de la crème

{12}Sandy schaute aus ihren kleinen zusammengekniffenen Augen auf Monicas hochrote Nase und erinnerte sich an diesen Ausspruch, während sie im Kielwasser von Miss Brodie den anderen folgte.

»Ich würde euch gern für morgen Abend zum Essen einladen«, sagte Miss Brodie. »Ihr habt doch Zeit?«

»Die Theatergruppe …«, murmelte Jenny.

»Schreib einfach eine Entschuldigung«, sagte Miss Brodie. »Ich muss euch wegen einer neuen Verschwörung, die mich zur Kündigung zwingen will, um Rat fragen. Überflüssig zu sagen, dass ich nicht kündigen werde.« Sie sprach ruhig wie immer, trotz ihrer dramatischen Worte.

Miss Brodie besprach ihre Angelegenheiten nie mit anderen Mitgliedern des Lehrerkollegiums, sondern nur mit diesen ehemaligen Schülerinnen, die sie zu ihren Vertrauten herangezogen hatte. Schon früher hatte es Verschwörungen gegeben mit dem Ziel, sie aus der Schule zu entfernen, doch die waren vereitelt worden.

»Mir wurde wieder einmal nahegelegt, ich solle mich um eine Stelle an einer fortschrittlichen Schule bewerben, wo meine Methoden eher am Platz seien als an der Blaine. Aber ich bewerbe mich nicht an einer Schule für...