dummies
 
 

Suchen und Finden

Titel

Autor/Verlag

Inhaltsverzeichnis

Nur ebooks mit Firmenlizenz anzeigen:

 

Die allertraurigste Geschichte

von: Ford Madox Ford

Diogenes, 2018

ISBN: 9783257609110 , 352 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 25,99 EUR

Exemplaranzahl:


Mehr zum Inhalt

Die allertraurigste Geschichte


 

{13}Erster Teil


I


Dies ist die traurigste Geschichte, die ich je gehört habe. Neun Jahre hindurch hatten wir während der Kursaison in Bad Nauheim mit den Ashburnhams in der größten Vertrautheit verkehrt – oder vielmehr in einem Verhältnis zu ihnen gestanden, das so lose und unbeschwert und doch so eng war wie das eines guten Handschuhs mit Ihrer Hand. Meine Frau und ich kannten Hauptmann und Mrs. Ashburnham so gut, wie man jemanden nur kennen kann, und doch wussten wir auch wieder gar nichts von ihnen. Das ist, glaube ich, ein Zustand, wie er nur bei Engländern möglich ist, die mir bis zum heutigen Tag, da ich mich hinsetze, um herauszufinden, was ich von dieser traurigen Affäre weiß, völlig fremd sind. Bis vor sechs Monaten war ich nie in England gewesen, und natürlich hatte ich nie die Tiefen eines englischen Herzens ausgelotet. Ich kannte nur seine Untiefen.

Ich will nicht sagen, wir hätten nicht mit vielen Engländern Bekanntschaft gemacht. Da wir nun einmal notgedrungen in Europa lebten und notgedrungen unbeschäftigte Amerikaner waren, was mit unamerikanisch gleichzusetzen ist, befanden wir uns sehr oft in Gesellschaft {14}feiner Engländer. Paris, sehen Sie, war unser Wohnsitz. Ein Ort irgendwo zwischen Nizza und Bordighera bot uns jährlich Winterquartier, und Nauheim sah uns immer von Juli bis September. Sie werden hieraus entnehmen, dass einer von uns, wie man so sagt, es am Herzen hatte, und aus der weiteren Angabe, dass meine Frau tot ist, schließen, dass sie die Leidende war.

Hauptmann Ashburnham hatte es ebenfalls am Herzen. Aber während ihn ungefähr ein Monat in Nauheim jeden Sommer für den Rest des Jahres auf genau die richtige Tonhöhe stimmte, reichten die zwei Monate, die wir dort verbrachten, gerade so aus, um die arme Florence von Jahr zu Jahr am Leben zu erhalten. Dass er sein Herz spürte, lag vermutlich am Polo oder an dem viel zu harten Sport in seiner Jugend. An den verwüsteten Jahren der armen Florence war ein Sturm auf unserer ersten Überfahrt nach Europa schuld, und die unmittelbaren Gründe für unsere Gefangenschaft auf diesem Kontinent waren die Anordnungen der Ärzte. Sie sagten, schon die kurze Fahrt über den Kanal könnte das arme Ding das Leben kosten.

Als wir uns zum ersten Mal begegneten, war Hauptmann Ashburnham, der auf Erholungsurlaub aus Indien gekommen war, wohin er nie wieder zurückkehren sollte, dreiunddreißig Jahre alt; Mrs. Ashburnham – Leonora – war einunddreißig. Ich war sechsunddreißig und die arme Florence dreißig. Heute wäre Florence also neununddreißig Jahre alt und Hauptmann Ashburnham zweiundvierzig; während ich fünfundvierzig bin und Leonora vierzig. Sie sehen also, unsere Freundschaft war eine Angelegenheit des jungen mittleren Alters, denn wir alle waren von recht beschaulicher {15}Gemütsart, insbesondere die Ashburnhams waren das, was man in England gewöhnlich ›ganz ordentliche Leute‹ nennt.

Sie stammten, wie Sie wahrscheinlich erwartet haben, von den Ashburnhams ab, die Karl I. auf das Schafott begleiteten, und wie Sie ebenfalls bei dieser Klasse Engländer erwarten müssen, hätten Sie ihnen das nie angemerkt. Mrs. Ashburnham war eine Powys; Florence war eine Hurlbird aus Stamford, Connecticut, wo man, wie Sie wissen, altmodischer ist, als selbst die Einwohner von Cranford in England es je sein könnten. Ich selbst bin ein Dowell aus Philadelphia, Pennsylvania, wo es, wie historisch verbürgt ist, mehr alte englische Familien gibt, als man in sechs englischen Grafschaften zusammengenommen finden würde. Tatsächlich trage ich – als wäre dies das einzige Ding, das mich unsichtbar an irgendeinen Punkt des Erdballs festkettet – die Besitzurkunden meiner Farm bei mir, die sich früher einmal über einige Blocks zwischen Chestnut Street und Walnut Street erstreckte. Diese Besitzurkunden sind aus Wampum und das Geschenk eines indianischen Häuptlings an den ersten Dowell, der von Farnham in Surrey als Begleiter William Penns aufbrach. Florences Familie, wie das so oft bei den Einwohnern von Connecticut der Fall ist, stammte aus der Nachbarschaft von Fordingbridge, wo auch der Besitz der Ashburnhams liegt. Und von hier aus schreibe ich gegenwärtig.

Sie mögen wohl fragen, warum ich schreibe. Und doch habe ich recht viele Gründe hierfür. Denn es ist nichts Ungewöhnliches, dass Menschen, die der Plünderung einer Stadt beiwohnten oder dem Verfall eines Volkes, das Bedürfnis haben, niederzuschreiben, was sie erlebten – zum {16}Nutzen unbekannter Erben und unendlich ferner Generationen; oder, wenn Sie wollen, einfach um das Bild im Kopf loszuwerden.

Irgendjemand hat gesagt, der Krebstod einer Maus sei ein Ereignis von der Größe der Plünderung Roms durch die Vandalen, und ich schwöre Ihnen, der Zusammenbruch unseres kleinen Viereckverhältnisses war ein ebenso unvorstellbares Ereignis. Angenommen, Sie wären uns begegnet, wie wir an einem der kleinen Tische vor dem Klubhaus, sagen wir in Bad Homburg, bei unserem Nachmittagstee saßen und dem Miniaturgolf zusahen, dann hätten Sie gesagt, nach allem menschlichen Dafürhalten wären wir eine außerordentlich feste Burg. Wir waren, wenn Sie so wollen, eines jener mächtigen Schiffe mit weißen Segeln auf blauer See, eines der Dinge, die uns als die stolzesten und sichersten all der schönen und sicheren Dinge erscheinen, die Gott den Menschenverstand ersinnen ließ. Wo hätte man eine bessere Zuflucht finden können? Wo?

Dauer? Beständigkeit? Ich kann nicht glauben, dass sie dahin ist. Ich kann nicht glauben, dass jenes lange, friedliche Leben, das sich wie die Figuren eines Menuetts bewegte, nach neun Jahren und sechs Wochen innerhalb von vier zerschmetternden Tagen verschwunden sein soll. Ja, mein Wort, unser vertrauter Umgang glich einem Menuett, einfach weil wir bei jeder Gelegenheit und unter allen Umständen wussten, wohin wir gehen, wo wir sitzen, welchen Tisch wir in Einmütigkeit wählen würden; und wir konnten uns alle vier erheben und weitergehen, ohne dass einer von uns ein Zeichen dazu gegeben hätte, immer nach der Musik des Kurorchesters, immer in dem milden Sonnenschein {17}oder, wenn es regnete, im Schutz der Wandelgänge. Nein, wahrlich, es kann nicht dahin sein. Man kann ein menuet de la cour nicht töten. Man kann das Notenbuch zuschlagen, das Cembalo schließen; in Kleiderschrank und Wäschebord mögen Ratten die weißen Atlasschleifen zerfressen. Der Pöbel mag Versailles plündern, das Trianon mag fallen, das Menuett aber – das Menuett tanzt von allein weiter, bis zu den fernsten Sternen, und so wird auch unser Menuett aus den hessischen Bädern seine Figuren immer noch weiterschreiten. Gibt es keinen Himmel, in dem alte schöne Tänze, die alte schöne Vertrautheit fortdauern? Gibt es nicht irgendein Nirwana, das erfüllt ist von dem leisen Rauschen der Instrumente, die in den Staub der Bitternis gesunken sind, aber doch von zarten, bebenden, unsterblichen Seelen bewohnt waren?

Nein, bei Gott, es ist falsch! Es war kein Menuett, das wir tanzten; es war ein Gefängnis – ein Gefängnis voll mit kreischenden Hysterikern, die geknebelt waren, damit sie das Rollen der Räder unserer Kutschen auf den schattigen Alleen des Taunus nicht übertönten.

Und doch schwöre ich beim heiligen Namen meines Schöpfers, es war die Wahrheit. Es war wahrer Sonnenschein, wahre Musik, und wahr war auch das Plätschern der Fontänen aus dem Mund der steinernen Delphine. Denn wenn wir in meinen Augen vier Leute mit demselben Geschmack, mit denselben Wünschen waren, Leute, die einmütig handelten – oder nein, nicht handelten –, die einmütig hier und dort beisammensaßen, so soll das nicht die Wahrheit sein? Wenn ich neun Jahre lang einen schönen Apfel habe, der im Innern faul ist, und seine Fäulnis erst {18}nach neun Jahren und sechs Monaten minus vier Tage entdecke, darf ich dann nicht sagen, ich hätte neun Jahre lang einen schönen Apfel gehabt? So mag es sich wohl auch mit Edward Ashburnham verhalten, mit Leonora, seiner Frau, und der armen lieben Florence. Und ist es nicht, wenn man darüber nachdenkt, ein wenig sonderbar, dass ich die physische Morschheit wenigstens zweier Säulen unseres viereckigen Hauses niemals als eine Bedrohung seiner Sicherheit empfand? Auch jetzt empfinde ich es nicht so, obwohl die beiden doch tot sind. Ich weiß nicht …

Ich weiß nichts – wahrhaftig nichts – von den Herzen der Menschen. Ich weiß nur, dass ich allein bin – furchtbar allein. Kein Kaminfeuer wird für mich je wieder Zeuge freundschaftlichen Umgangs sein. Nie mehr werde ich ein Rauchzimmer anders sehen als mit unberechenbaren, rauchumkränzten Schatten bevölkert. Aber, in Gottes Namen, was sollte ich anderes kennenlernen als das Leben am Kaminfeuer und im Rauchzimmer, da ich doch mein ganzes Leben an solchen Orten verbracht habe? Das warme Kaminfeuer! – Nun, da war Florence: Ich glaube, in den zwölf Jahren, die ihr Leben noch währte, nachdem der Sturm ihr Herz, wie es schien, unheilbar geschwächt hatte – ich glaube, ich habe sie während dieser Zeit nie länger als eine Minute aus den Augen gelassen, außer wenn sie sicher im Bett eingepackt war und ich mich vielleicht mit dem einen oder anderen guten Kerl unten im Gesellschaftsraum oder Rauchzimmer unterhielt oder mit einer Zigarre noch einen letzten Rundgang machte, ehe ich selbst zu Bett ging. Verstehen Sie mich recht, ich tadle Florence nicht. Aber woher kann sie gewusst haben, was sie wusste? Wie kam sie nur {19}dazu, es zu wissen? Es so umfassend zu wissen. Himmel! Mir scheint, sie...