dummies
 
 

Suchen und Finden

Titel

Autor/Verlag

Inhaltsverzeichnis

Nur ebooks mit Firmenlizenz anzeigen:

 

Der Wolf ist tot

Der Wolf ist tot

von: Daniela Schwaner

Bergischer Verlag, 2018

ISBN: 9783945763605 , 476 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 9,99 EUR

Exemplaranzahl:


Mehr zum Inhalt

Der Wolf ist tot


 

Freitag, 17. August 2012

Abends

Einer der heißesten Tage des Jahres neigte sich dem Ende. Die Sonne war gerade hinter dem Horizont verschwunden und überließ allmählich der hereinbrechenden Nacht das Feld. Das Wochenende, so drohten die Meteorologen, sollte noch heißer werden. Alles in allem hätten die Bewohner des Altenberger Märchenwaldes sich nach einem anstrengenden Tag zur wohlverdienten Ruhe betten können, wäre nicht eine große Gruppe Menschen, bewaffnet mit Energie und Taschenlampen, vor wenigen Minuten in die beschauliche Stille geplatzt. Die Märchenwäldler störte es nicht weiter, schließlich waren sie nicht wirklich lebendig. Die Ziegen jedoch, deren Gehege in der Mitte des Geländes gleich unterhalb des Spielplatzes lag, trappelten verstört auf und ab.

Etwas stimmte nicht im Märchenwald. Etwas stimmte ganz und gar nicht. Man hatte vergessen, sie an diesem Abend in ihren Stall zu sperren. Das allein war schlimm genug, befanden sie sich doch quasi auf dem Präsentierteller für einen hungrigen Räuber auf nächtlichem Beutezug. Natürlich hätten sie selbst tätig werden und sich auf eigenen Hufen in die Sicherheit ihrer vier Wände zurückziehen können, das entsprach jedoch weder ihrem Freiheitsdrang, noch kam es ihnen in den Sinn. So hatten sie das Unheil schon von Weitem gewittert. Und jetzt dieser Menschenauflauf zu später Stunde. Das verhieß nichts Gutes.

»Am besten wird sein, wir teilen uns auf und durchkämmen das Gelände«, beschied Hans, der selbsternannte Anführer der Truppe. Er nickte nachdrücklich, und man gewann den Eindruck, er wollte damit vor allem sich selbst von der Idee überzeugen. »Wir werden ihn schon finden.«

»Ich sachet euch, der Typ is tot. Nich, dadder euch hinterher am Wundern seid«, informierte Horst Mehlhorn mit wichtiger Miene. Sein grau gesprenkelter Vollbart, der die Pausbäckchen nur unzureichend kaschierte, vibrierte vor Aufregung. »Ich weiß doch, wie der Hase läuft. Ich kenn dat, ich hab dat ja schon en paa Mal mitgemacht.« Und wurde nicht müde, es immer wieder zu erwähnen.

»Boah, geht der mir auf den Sack«, stöhnte Carsten Kantner, gerade laut genug, damit der Mehlwurm, wie er den Mann erst vor wenigen Stunden freundlich getauft hatte, es hörte.

»Wat wills du denn, du Nörgelpitter? Du bis schon de ganze Zeit nur am Meckern«, fuhr der Mehlwurm auf und ballte die Hände zu Fäusten.

»Ich geb dir gleich Nörgelpitter«, sagte Carsten.

Er machte einen bedrohlichen Schritt auf den Mehlwurm zu, der mindestens einen Kopf kleiner war, aber überhaupt nicht daran dachte, sich einschüchtern zu lassen. Trotzig blieb er stehen und schnaubte verächtlich. Es war an diesem überaus sonnigen Freitag nicht das erste Mal, dass die beiden aneinandergerieten. Zwei Platzhirsche, inmitten einer Gruppe Fremder zur Zusammenarbeit gezwungen, garantierten früher oder später ein heftiges Scharmützel um die Position des Ranghöchsten. In diesem Fall eher früher als später. Erschwerend kam hinzu, dass Carsten Kantner ohnehin nicht bester Laune war, nachdem ihm sein romantisch geplantes Wochenende einschneidend versaut worden war. Dass seine Freundin Cordula und seine Schwester Sophie an diesem Umstand nicht ganz unschuldig waren, machte die Sache umso schlimmer. Wenn dann zu allem Überfluss ein nervtötender Mehlwurm zu allem und jedem seinen unausgegorenen Senf dazuzugeben gedachte, war der Ofen ganz aus. Jedenfalls für Carsten, der sich schon im Alltag nicht durch seinen Frohsinn auszeichnete.

»Nun mal ganz ruhig, Leute«, versuchte Hans, der eigentliche Ranghöchste der Gruppe, zu beschwichtigen. »Wir wollen doch jetzt nicht streiten. Wir haben wahrlich Wichtigeres zu tun.« Zur Unterstreichung seines Tatendrangs und seiner Führungsposition klatschte er auffordernd in die Hände. »Also, dann mal los!«

Die etwa vierzig Leute, die sich zu dieser ungewöhnlich späten Stunde im Märchenwald eingefunden hatten, seufzten, denn die Hitze, die trotz untergegangener Sonne nicht weichen wollte, lud nicht eben zur körperlichen Ertüchtigung ein. Die Energie, die noch vor wenigen Minuten die Luft förmlich hatte vibrieren lassen, schien bereits wieder verpufft, angesichts der Tatsache, dass der abendliche Spaziergang nun tatsächlich in Arbeit auszuarten begann. Eine ältere Dame, die aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit der Schauspielerin Margaret Rutherford Miss Marple getauft worden war, ließ sich auf eine der Holzbänke fallen.

»Ohne mich, Kinder«, ächzte sie. »Ich bin zu alt für diesen Scheiß.«

Die anderen warfen ihr sowohl neidische als auch vorwurfsvolle Blicke zu und begannen, sich wie vorgeschlagen in kleine Gruppen aufzuteilen, um das Gelände zu durchkämmen. Je eher man anfing, desto schneller hatte man es hoffentlich hinter sich und konnte in die leidlich klimatisierten Räumlichkeiten des Hotels zurückkehren. Vom Knusperhaus ausgehend begannen sie, in alle Richtungen auszuschwärmen. Carsten dirigierte seinen Suchtrupp, bestehend aus seiner Schwester Sophie, seinem Schwager Ben und seiner Freundin Cordula, den Weg zurück, den sie gekommen waren.

»Wat soll dat denn bringen?«, höhnte der Mehlwurm, der sich anschickte, in die entgegengesetzte Richtung davonzustürmen. »Wenn der Typ da irgendwo rumliegen würde, hätten wir den ja wohl aufm Hinweech gesehen.«

»Hauptsache, es ist weit genug weg von dir«, murmelte Carsten grantig und scheuchte seine Gefährten mit einer ungeduldigen Handbewegung vor sich her.

So hatte er sich seinen Kurzurlaub wahrlich nicht vorgestellt. Anstatt Cordula nach einem opulenten Mahl bei einem Gläschen Wein an einem lauschigen Plätzchen die alles entscheidende Frage zu stellen, tollte er im Dämmerlicht mit vierzig mehr oder weniger fremden Leuten durch die Pampa, um einen vermeintlich wichtigen Informanten aufzustöbern, der vermutlich aus lauter Langeweile längst das Weite gesucht hatte und sich in einem Biergarten ein kühles Getränk gönnte. Carsten wünschte, er könnte es ihm gleichtun. Er erinnerte sich ungern an diverse Male, die er als Kind mit seiner Schwester und Omma Lotte in diesem Märchenwald verbracht hatte. Er fand es schon damals fürchterlich öde, von Haus zu Haus zu latschen, während Sophie fasziniert den Geschichten lauschte, die er ihr zuvor schon tausendmal vorgelesen hatte. Es dauerte endlose Stunden, bis sie sich durch alle Erzählungen wieder bis zum Ausgang gekämpft hatten. Wahrscheinlich waren Märchen eher so ein Mädchending.

»Irgendwie nostalgisch, findest du nicht?«, meinte sie nun auch.

»Nö.« Damit war seiner Meinung nach alles Wesentliche gesagt.

Einige Mitsuchende hatten sich unterdessen darauf verlegt, laut zu rufen, um den Vermissten auf diese Weise aufzuspüren.

»Also, wenn der Kerl es jetzt noch nicht mitgekriegt hat, dass er gesucht wird, dann weiß ich es auch nicht«, flüsterte Carsten seiner Schwester ins Ohr.

»Vielleicht ist das ja Teil des Plans«, mutmaßte sie.

»Dann ist der Plan scheiße.«

Überraschenderweise widersprach Sophie ihm nicht. Was hätte sie auch entgegnen sollen? Obwohl die Sonne bereits untergegangen war, war es immer noch drückend warm. Nicht gerade geeignet für eine Suchaktion. Schon gar nicht, wenn sie schlecht inszeniert war. Hans, ihr toller Anführer, wirkte völlig überfordert mit der Situation. Carsten war dessen fassungsloser Blick nicht entgangen, als ihre Verabredung nicht am vereinbarten Treffpunkt auf sie wartete. Es war ganz offensichtlich nicht Teil des Plans. Gerade hatte Hans sich ein wenig von den anderen zurückgezogen, um zu telefonieren. Dabei ruderte er wild mit dem freien Arm. Hoffentlich bekam er vor lauter Panik keinen Herzinfarkt. Ob es im Märchenwald einen Defibrillator gab? Vielleicht beim Rumpelstilzchen?

Eine Weile wanderten sie ziellos umher, schauten hier in ein Haus und dort hinter einen Busch. Ohne nennenswerten Erfolg. Sophie, die im Alltag jedwede überflüssige Bewegung vermied, begann zu keuchen.

»Na, hältst du diesen Ausflug immer noch für eine tolle Idee?«, fragte Carsten sarkastisch.

»Wenn du mit deiner miesen Laune nicht allen die Stimmung verderben würdest, ja«, gab Sophie, eine Spur lauter als nötig, zurück.

»Streitet ihr etwa schon wieder?«, rief Sophies Ehemann Ben, der weiter unten vor einem Häuschen stand und die in die Jahre gekommene Figur neben einem an die Wand genagelten Pferdekopf betrachtete.

»Ich streite nicht, ich diskutiere«, sagte Carsten würdevoll.

»Wohl streitest du«, erwiderte Sophie.

»Nein.«

»Wohl.«

»Jetzt geht das wieder los«, seufzte Ben. »Also hier ist keiner. Nur die Gänsemagd und Falladas Kopf.«

»Wehe, du drückst auf den Knopf«, warnte Carsten.

»Den grünen da?«

Natürlich konnte Ben der Versuchung nicht widerstehen, seinen Schwager ein wenig zu ärgern, und betätigte den Druckschalter.

Es war einmal eine Königin, die hatte ein liebreizendes Töchterchen«, erklang eine männliche Stimme aus dem Lautsprecher.

»Na ja, liebreizend«, murmelte Ben und beäugte die Figur in dem Häuschen kritisch. »Die sieht eher aus wie Aschenputtels Prinz, dem man eine Perücke aufgesetzt und ein Kleid angezogen hat.«

»Boah, jetzt können wir uns zu allem Überfluss auch noch dieses bekloppte Märchen anhören.« Carsten stand kurz davor, seinen Schwager zu erwürgen.

»Ja, Mutter«, antwortete die Prinzessin brav.

»Warum gehen wir nicht zurück zum Hotel? Fällt doch eh keinem auf«, grummelte Cordula.

Sie hatte auch keine Lust auf eine stundenlange Suche bei diesem schwülen Wetter. Wenn sie geahnt hätte, was auf...