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Serotonin - Roman

von: Michel Houellebecq

DuMont Buchverlag , 2019

ISBN: 9783832184421 , 336 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 19,99 EUR

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Serotonin - Roman


 

 

WIE ERWARTET, NAHM YUZU meine Entscheidung, unsere Urlaubszeit auf eine Woche zu verkürzen, gelassen auf und versuchte lediglich, nicht allzu erleichtert zu wirken; meine Begründung mit einer beruflichen Weisung schien sie sofort zu überzeugen, in Wirklichkeit war es ihr scheißegal.

Außerdem war es mehr als nur ein Vorwand, ich war nämlich tatsächlich abgereist, bevor ich meinen umfassenden Bericht über die Aprikosenerzeuger aus dem Roussillon eingereicht hatte, angewidert von der Nichtigkeit meiner Arbeit. Sobald die Freihandelsabkommen, über die gerade mit den Mercosur-Staaten verhandelt wurde, unterzeichnet wären, würde klar auf der Hand liegen, dass die Aprikosenerzeuger aus dem Roussillon keine Chance mehr hatten, der Schutz durch die Ursprungsbezeichnung »Rote Aprikose aus dem Roussillon« war bloß eine lächerliche Farce, der Vormarsch der argentinischen Aprikosen war unabwendbar, man konnte die Aprikosenerzeuger aus dem Roussillon im Grunde schon als tot betrachten, keiner, nicht ein einziger von ihnen würde übrig bleiben, nicht einmal ein Überlebender, um die Leichen zu zählen.

Ich war, ich glaube, ich habe es noch nicht erwähnt, im Landwirtschaftsministerium angestellt, im Wesentlichen bestand meine Arbeit im Verfassen von Mitteilungen und Berichten für Verhandlungsberater, die meist innerhalb der europäischen Verwaltungen saßen, manchmal auch in größeren Handelsrunden mit der Aufgabe, »die Positionen der französischen Landwirtschaft zu bestimmen, zu stützen und zu vertreten«. Meine Mitarbeit auf Vertragsbasis brachte mir ein hohes Gehalt ein, das deutlich über dem lag, was laut der geltenden Vorschriften einem Beamten zugestanden hätte. Dieses Gehalt war in gewisser Weise gerechtfertigt, die französische Landwirtschaft ist komplex und vielschichtig, und es gibt nicht viele, die die Herausforderungen all der verschiedenen Zweige meistern können, und meine Berichte stießen im Allgemeinen auf Wertschätzung, man würdigte meine Fähigkeit, auf den Punkt zu kommen, mich nicht in allzu vielen Zahlen zu verlieren, sondern im Gegenteil gewisse Kernelemente herauszuarbeiten. Andererseits könnte ich eine beeindruckende Reihe von Fehlern in meiner Verteidigung der landwirtschaftlichen Positionen Frankreichs aufzählen, doch diese Fehler waren im Grunde nicht meine gewesen, es waren viel unmittelbarer die Fehler der Verhandlungsberater gewesen, jener seltenen und eitlen Spezies, deren Arroganz durch ihre ständigen Misserfolge nicht im Mindesten gebremst wird, ich hatte einige von ihnen getroffen (nicht allzu häufig, meist kommunizierten wir per E-Mail), und ich war angewidert aus diesen Treffen herausgekommen, meist handelte es sich nicht um Agraringenieure, sondern um ehemalige Handelsschulabsolventen. Ich hatte von Anfang an nichts als Abscheu vor dem Handel empfunden und vor allem, was damit zusammenhing, die Idee eines »handelsgewerblichen Hochschulstudiums« war in meinen Augen eine Schändung des Studienbegriffs als eines solchen, aber letzten Endes war es normal, dass man junge, aus einer Handelsschule hervorgegangene Menschen mit dem Amt des Verhandlungsberaters betraute, Verhandlungen sind immer gleich, ob nun über Aprikosen, Spitzenkonfekt aus der Provence, Mobiltelefone oder Ariane-Raketen verhandelt wird, die Verhandlung ist ein eigenständiges Universum, das seinen eigenen Gesetzen gehorcht, ein allen Nicht-Verhandelnden auf ewig unzugängliches Universum.

Ich hatte meinen Bericht über die Aprikosenerzeuger aus dem Roussillon trotzdem wieder aufgenommen und mich damit in das obere Zimmer zurückgezogen (es war eine Maisonettewohnung), und schließlich hatte ich Yuzu eine Woche lang kaum zu Gesicht bekommen, an den ersten beiden Tagen hatte ich mir noch die Mühe gemacht, wieder zu ihr hinunterzugehen, die Illusion eines Ehebetts aufrechtzuerhalten, danach hatte ich es bleiben lassen, ich hatte mir angewöhnt, allein zu essen, in dieser tatsächlich ganz netten Tapas-Bar, in der ich leider nicht mit der Brünetten von El Alquián zusammengesessen hatte, im Laufe der Tage hatte ich mich dann damit abgefunden, den ganzen Nachmittag dort zu verbringen, diese in geschäftlicher Hinsicht träge, aber in sozialer Hinsicht nicht zu komprimierende Zeitspanne, die in Europa das Mittagessen vom Abendessen scheidet. Die Atmosphäre war beruhigend, es gab dort Menschen, die waren wie ich, nur noch schlechter dran, in dem Maße, dass sie zwanzig oder dreißig Jahre älter waren als ich und das Urteil über sie schon gesprochen war, sie waren besiegt, nachmittags waren viele Verwitwete in dieser Tapas-Bar, auch die Nudisten kannten den Witwenstand, genauer gesagt, gab es jede Menge Witwen und nicht wenige homosexuelle Witwer, deren anfälligere Partner schon in den Homohimmel aufgefahren waren, außerdem schienen sich in dieser Tapas-Bar, die die Senioren ganz offensichtlich auserkoren hatten, um dort ihr Leben zu beschließen, die Unterscheidungsmerkmale der sexuellen Orientierungen verflüchtigt zu haben – zugunsten der banaleren nationalen Unterscheidungsmerkmale: Bei den Tischen auf der Terrasse ließ sich die englische Ecke problemlos von der deutschen Ecke abgrenzen; ich war der einzige Franzose; was die Holländer anging, das waren wirklich Schlampen, sie setzten sich, wohin sie wollten, sie sind ein Volk polyglotter Kaufmänner und Opportunisten, diese Holländer, man kann es gar nicht oft genug sagen. Und alle betäubten sie sich sanft mit cervezas und platos combinados, die Stimmung war insgesamt sehr ruhig, der Tonfall der Unterhaltungen gedämpft. Hin und wieder schwappte dennoch eine Welle jugendlicher indignados direkt vom Strand herein, die Haare der Mädchen waren noch feucht, und der Lautstärkepegel im Lokal stieg um eine Stufe an. Was Yuzu ihrerseits machte, weiß ich nicht, denn sie ging ja nicht in die Sonne, wahrscheinlich schaute sie im Netz japanische Serien; ich frage mich heute noch, ob sie überhaupt in der Lage war, die Situation zu begreifen. Ein einfacher gaijin wie ich, der nicht einmal aus einem gehobeneren Milieu stammte, der es gerade eben schaffte, ein anständiges, wenn auch nicht fantastisches Gehalt nach Hause zu bringen, hätte sich normalerweise unendlich geehrt fühlen müssen, sein Leben mit irgendeiner Japanerin teilen zu dürfen, und erst recht mit einer jungen, sexy Japanerin, die aus einer prominenten japanischen Familie kam und darüber hinaus mit den avanciertesten künstlerischen Milieus beider Hemisphären in Kontakt stand, die Theorie dahinter war unanfechtbar, ich war es kaum wert, ihr die Sandalen von den Füßen zu lösen, das verstand sich von selbst, nur legte ich ihrem und meinem Status gegenüber leider eine immer rüpelhaftere Gleichgültigkeit an den Tag; als ich eines Abends nach unten ging, um Bier aus dem Kühlschrank zu holen, stieß ich in der Küche mit ihr zusammen, und mir entfuhr ein »Aus dem Weg, fette Schlampe«, bevor ich mir den Bierträger San Miguel und eine angeschnittene Chorizo griff, kurz, ich brachte sie in dieser Woche wohl etwas aus der Fassung. An seinen prominenten Sozialstatus zu gemahnen, ist gar nicht so einfach, wenn einem das Gegenüber als Antwort ins Gesicht zu rülpsen oder einen Furz zu lassen droht, es gab sicherlich viele Leute, mit denen sie ihre Verstörung teilen konnte, nicht ihre Familie, die die Lage sofort zu ihrem eigenen Vorteil ausgeschlachtet und beschlossen hätte, es sei nun an der Zeit, dass sie nach Japan zurückkehrte, aber doch gewiss Freundinnen, Freundinnen oder Bekannte, und ich glaube, sie machte reichlich Gebrauch von Skype in diesen Tagen, während ich mich damit abfand, die Aprikosenerzeuger aus dem Roussillon ihrem Abstieg in die Vernichtung zu überlassen, meine damalige Gleichgültigkeit den Aprikosenerzeugern aus dem Roussillon gegenüber erscheint mir heute als Vorbote jener Gleichgültigkeit, die ich im entscheidenden Augenblick gegenüber den Milcherzeugern von Calvados und dem Ärmelkanal an den Tag gelegt habe, und zugleich jener tiefgreifenderen Gleichgültigkeit, die ich anschließend in Bezug auf mein eigenes Schicksal entwickeln sollte und die mich gegenwärtig begierig die Gesellschaft der Rentner suchen ließ, was paradoxerweise gar nicht so einfach war, enttarnten sie mich doch rasch als falschen Senior, insbesondere von den englischen Rentnern bekam ich mehrere Körbe (was nicht sehr schlimm war, vom Engländer wird man nie freundlich aufgenommen, der Engländer ist fast so ein Rassist wie der Japaner, von dem er eine Art Light-Version darstellt), aber auch von den Holländern, die mich offenbar nicht aus Fremdenfeindlichkeit zurückwiesen (wie sollte ein Holländer fremdenfeindlich sein? Es liegt da schon ein begrifflicher Widerspruch vor, Holland ist kein Land, es ist bestenfalls ein Unternehmen), sondern weil sie mir den Zugang zu ihrem Seniorenuniversum versagten, ich hatte die Bewährungsprobe nicht bestanden, sie konnten mit mir nicht offen und zwanglos über ihre Prostataprobleme und ihre Bypassoperationen reden, überraschenderweise fand ich viel leichter Zugang zu den indignados, mit ihrer Jugend ging eine effektive Naivität einher, und während dieser paar Tage hätte ich mich auf ihre Seite schlagen können, und ich hätte mich auf ihre Seite schlagen müssen, es war meine letzte Chance, und zugleich hätte ich ihnen viel beizubringen gehabt, ich kannte mich mit den Entgleisungen der Agrarindustrie bestens aus, in Verbindung mit mir hätte sich ihre militante Haltung verfestigt, zumal die spanische GVO-Politik mehr als fragwürdig war, Spanien war eines der liberalistischsten und verantwortungslosesten Länder, was den Umgang mit genetisch veränderten Organismen betraf, das galt für ganz Spanien, die Gesamtheit der spanischen...