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R.I.P. - Thriller

von: Yrsa Sigurdardóttir

btb, 2019

ISBN: 9783641172343 , 448 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 14,99 EUR

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R.I.P. - Thriller


 

2. KAPITEL


»Wir brauchen einen größeren Bildschirm.« Endlich sprach einer der Polizisten im Besprechungsraum aus, was alle dachten. Seit die Videoaufzeichnung lief, waren alle mit ihren Stühlen immer näher an den lächerlich kleinen Bildschirm herangerutscht, auf dem die Überwachungskamera-Aufnahmen aus dem Kino liefen.

Erla lehnte an einem Tisch direkt vor dem Bildschirm. Ärger­lich blickte sie auf und funkelte den Polizisten an. »Konzentrier dich halt. Bei der miesen Auflösung bringt ein größerer Bildschirm auch nichts. Aber wenn es dir eine Herzensangelegenheit ist, kannst du ja einen Antrag stellen.«

Darauf sagte der Mann nichts mehr. Was Huldar gut nachvollziehen konnte. Erla reagierte selten freundlich auf Wider­spruch. Sie war in vielerlei Hinsicht eine gute Chefin, aber Kommunikation zählte definitiv nicht zu ihren Stärken. Huldar würde einen Besen fressen, wenn der Kollege die Bitte um einen vernünftigen Screen im Besprechungsraum tatsächlich weiterleitete. Das Beschwerdesystem in diesem Laden war ein Friedhof für Wünsche.

»Guckt. Jetzt kommt es.« Erla hatte sich wieder dem Bildschirm zugewandt. »Da. Beobachtet den Pappaufsteller, diesen Geist oder was immer das auch sein soll.«

Alle Augen waren auf die Ecke des Bildschirms gerichtet, in der die überdimensionale Figur stand. Das Mädchen war kurz zuvor an ihr vorbeigegangen, hatte angehalten, das Gesicht verzogen und auf ihrem Smartphone herumgewischt, ein paar Selfies geschossen und war dann aus dem Bild verschwunden. Laut Erla war das das letzte Mal, dass man sie unversehrt gesehen hatte. Im Keller, wo sich die Toiletten befanden, gab es keine Überwachungs­kameras, und auch an der Treppe nach unten nicht. Der Zeitangabe im Video und den Clips nach, die vom Handy des Mädchens versendet worden waren, war sie in dieser Videosequenz wahrscheinlich auf dem Weg runter zur Toilette gewesen.

Ein Schattenwesen kam jetzt hinter dem Aufsteller hervor, und im Besprechungsraum lehnten sich alle mit angestrengtem Blick nach vorn. Das musste der Täter sein, daran bestand kein Zweifel. Wie Erla schon gesagt hatte, war die Aufnahme schlecht; auch als der Mann ins Licht trat, wurde es nicht besser. Doch selbst wenn die Aufnahme stechend scharf gewesen wäre, hätte man ihn nicht identifizieren können. Er trug einen weiten dunklen Anorak, und unter der Kapuze war eine Darth-Vader-Maske zu sehen. Er hatte eine dunkle Hose an, die Hosen­beine waren in schwarze Stiefel gestopft. Die Hände steckten in Handschuhen. Der Mann verschwand aus dem Bild, in dieselbe Richtung wie Stella kurz zuvor.

»Da haben wir’s also. Er hat sich hinter dieser dämlichen Figur versteckt und auf die Gelegenheit gewartet, das Mädchen überfallen zu können.« Erla stoppte das Video. Nur noch der Pappgeist war zu sehen. »Wir müssen uns die Aufnahmen von den Stunden davor ansehen, von dem Zeitpunkt an, als das Kino geöffnet wurde, und herausfinden, wie und wann der Täter reingekommen ist. Ich bezweifle, dass er das Kino mit Maske betreten hat.« Erla stand auf und wandte sich an ihr Team. »Das wird kein leichtes Spiel. Laut Kinobetreiber wurden gestern rund sechzehnhundert Tickets verkauft. Geöffnet wurde um zwei, wie jeden Sonntag. Wir haben keinerlei Anhaltspunkte, wann der Mann ins Kino gekommen ist. Vielleicht ist er schon gleich zur ersten Vorführung gekommen und hat sich die ganze Zeit dort versteckt. Möglicherweise nicht hinter dem Aufsteller, das müssen wir anhand der Videos herausfinden.«

Huldar und seine Kollegen verhielten sich möglichst unauffällig und beteten im Stillen, dass diese Aufgabe nicht ihnen zufiel. Für Erla mussten sie wie die eingefrorenen Tänzer beim Stopptanz aussehen. Sie verzog das Gesicht. »Und dann müssen wir uns die Ticketverkäufe ansehen. Wahrscheinlich gehen nicht viele allein ins Kino, daher könnte ein erster Schritt sein, sich eine Liste von allen Personen geben zu lassen, die ein einzelnes Ticket gekauft haben. Wenn wir wissen, wann er das Kino betreten hat, können wir die Liste möglicherweise auf diejenigen reduzieren, die um diese Zeit ein Ticket an der Kasse gekauft haben. Sofern mit Kreditkarte bezahlt wurde. Wenn er bar gezahlt hat, sieht die Sache anders aus.«

»Er könnte das Ticket aber auch online gekauft haben. Im Vorfeld.« Wie immer errötete Guðlaugur leicht, als er das sagte. Er saß neben Huldar, der bekräftigend nickte. Die beiden waren zu einer Art Team zusammengewachsen, saßen sich im Großraumbüro gegenüber und bekamen oft gemeinsame Aufgaben. Obwohl Huldar manchmal lieber mit jemand Erfahrenerem zusammenarbeiten würde, wusste er seinen jungen Kollegen inzwischen zu schätzen. Wenn sein geringes Selbstbewusstsein und die Schüchternheit ihn nicht ausbremsten, war er oft richtig clever. »Ich meine … Tickets werden nicht nur vor Ort verkauft. Du weißt schon … und das …«

Als er merkte, dass Guðlaugur ins Stocken geriet, übernahm Huldar. »Wenn der Täter online gekauft hat, kann er auch zwei Tickets genommen haben. Um den Verdacht von sich abzulenken. Es wird ihm bewusst gewesen sein, dass wir uns die Ticketverkäufe ansehen, und zwar vor allem die Einzelkäufe. Aber online müsste er immerhin per Karte bezahlt haben, das wäre natürlich von Vorteil für uns. Zumindest, sobald wir die Namen von einem oder mehreren möglichen Tätern haben.«

Erlas Gesichtszüge entspannten sich während dieser Wortmeldung nicht. Als sie wieder das Wort ergriff, richtete sie ihre Antwort an Guðlaugur, ohne Huldar auch nur eines Blickes zu würdigen. Das war nichts Neues, ihr Verhältnis war zweifellos belastet, seit man die beiden durch ein Ermittlungsverfahren gezerrt hatte, in dem untersucht worden war, ob sie ihn ­sexuell belästigt hatte. Obwohl die Sache ohne Folgen von offi­zieller Seite abgeschlossen worden war, hatte das Ganze einen bitteren Nachgeschmack bei den beiden hinterlassen. Sie tat so, als ob er Luft wäre, guckte ihn nicht an, sprach ihn nicht an. Ob sie Angst hatte, dass jeglicher Kontakt zwischen ihnen falsch interpretiert würde, oder ob sie ihn einfach nicht ertrug, wusste er nicht. Für ihn war jede einzelne Minute, in der er sich die lächerlichen Fragen hatte anhören müssen, der blanke Horror gewesen. Aber im Nachhinein hatte sich diese Folter vielleicht doch gelohnt. Zumindest war er froh, auf diese Weise auf einen Schlag alle möglichen Konsequenzen ihrer gemeinsamen Nacht los zu sein. Jetzt musste er ihr nicht mehr begreiflich machen, dass es ein Fehler gewesen war. Das hatte die Untersuchungskommission für ihn übernommen.

Erla guckte verbissen und verschränkte die Arme. »Natürlich gibt es auch Onlinetickets. Mit Einzeltickets meinte ich ­sowohl die Onlinetickets als auch die an der Kasse gekauften. Aber wenn der Täter kein Vollidiot ist, hat er das Ticket bar bezahlt. Davon sollten wir erst mal ausgehen, wobei wir natürlich auch die Onlineverkäufe checken. Zufrieden?« Erla fixierte Guðlaugur, der auf seinem Stuhl herumrutschte. Er hasste es, im Mittelpunkt zu stehen. Guðlaugur nickte. »Gut. Ansonsten hätte ich dir angeboten, meinen Job zu übernehmen.« Alle lachten, bis auf Guðlaugur und Huldar.

Erla verzog keine Miene. Per Fernbedienung wechselte sie zum nächsten Video und startete die Aufnahme. »Hier verlässt er das Gebäude. Wie ihr seht, ist es unwahrscheinlich, dass wir nach einem lebenden Opfer suchen.«

Auf dem Bildschirm erschien die Aufnahme einer weiteren Überwachungskamera. Sie war auf eine gläserne Flügeltür gerichtet, die Huldar als den Notausgang wiedererkannte, den vor allem Raucher wie er in der Pause nutzten. Der Blick des Kollegen, der die Aufnahmen bereits mit Erla durchgesehen hatte, verhieß nichts Gutes.

Der Schwarzgekleidete erschien im Bild, mit dem Rücken zur Kamera. Er hatte Stella am Knöchel gepackt und schleifte ihren reglosen Körper hinter sich her. Ihre Arme waren nach hinten gefallen, dazwischen schleiften die langen Haare über den Boden. Der Pulli war hochgerutscht; ihr nackter Bauch und ihr BH waren zu sehen. Als der Mann die Tür erreichte, ließ er ihr Bein fallen. Er wollte den schweren Stahlbügel anheben, der quer über beiden Türflügeln lag, doch dann zögerte er, warf einen Blick auf das Mädchen hinter sich.

»Krass!« Ein Polizist aus der ersten Reihe zeigte auf den Bildschirm. »Guckt da! Sie bewegt sich.«

Erla hielt das Video an und drehte sich um. Ihr Blick war von Beginn dieses Meetings an finster gewesen, doch jetzt verdüsterte er sich noch mehr. »Wir gehen davon aus, dass das Mädchen ein Geräusch gemacht hat – dass es zu sich gekommen ist. Wenn das nicht nur die letzten Todeszuckungen waren. Aber egal. Seht selbst.« Sie drehte sich wieder zum Bildschirm und ließ das Video weiterlaufen.

Stumm sahen sie sich an, wie der Mann zu dem Mädchen ging und es mit dem rechten Fuß anstieß. Der nackte Bauch zuckte leicht, wie im Krampf, und die Finger der einen Hand krümmten sich. Der Mann sah sich um. Dann ging er zielstrebig zu einem Feuerlöscher, nahm ihn von der Wand und trug ihn in Richtung des Mädchens.

»Oh, Shit …« Huldar schämte sich nicht dafür, dass ihm das rausgerutscht war. Obwohl es ihm widerstrebte, wandte er den Blick nicht ab. Aus dem Augenwinkel sah er Guðlaugur die Augen zusammenkneifen, doch er schloss sie nicht ganz. Der Mann riss den schweren Feuerlöscher in die Luft und schmetterte ihn mit voller Wucht auf den Kopf des Mädchens. Ein heftiger Krampf durchzuckte ihren Körper, doch nur kurz. Danach lag sie regungslos.

Der Mann öffnete die Tür und schnappte sich wieder den Fuß des Mädchens. Er zog sie zur Türöffnung, wo er sich die Zeit nahm, sich umzudrehen und in die Kamera zu winken. Dann verschwand er in den wirbelnden Schneeflocken, mit der Toten im...