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KALION. Die zwölf Kronen - 3

KALION. Die zwölf Kronen - 3

von: Ale? Pickar

Periplaneta, 2019

ISBN: 9783959960533 , 344 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 8,99 EUR

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KALION. Die zwölf Kronen - 3


 

Im Wald gilt das Gesetz des Waldes


Kendaré

Das schattenreiche Dickicht lichtete sich und kühler Wind umwarb Kemi und Airo, während sie auf Molis Rücken immer weiter gen Norden getragen wurden. Die Sträucher am Waldrand waren mit Raureif überzogen, der triste Himmel wolkenverhangen.

Airo hatte bei Händlern eine alte Decke erworben, die Kemi wie einen Mantel um ihren Leib geschlungen trug, der Saum flatterte hinter ihnen im Wind. „Es wird schneien“, sagte Airo. „Schnee am Neujahrstag bringt Glück und Segen.“

Sie trafen kaum noch Reisende an. Nur gelegentlich überholten sie gemächlich trottende Kolonnen aus Händlern, die mit Pferdekarren in ihre Heimatorte zurückkehrten und zumeist in Gedanken versunken auf einen fernen Punkt zwischen den Ohren ihrer Pferde starrten. Die Eile von Airo und Kemi löste Verwunderung aus, denn hier im Norden des Reiches gab es nur wenig, das Hast begründen würde.

Das bekümmerte die beiden nicht. Sie ritten, als ob nur die Welt vor ihnen bestand und alles, das sie hinter sich ließen, sich in Luft auflöste und der Vergessenheit anheimfiel. Die Muskeln und Sehnen der jungen Stute waren kraftvoll wie ein Sturmwind über dem Terime-Meer und trugen sie unaufhaltsam ihrem Ziel entgegen. Der junge Pferdezüchter gönnte seiner prächtigen Stute so viele Verschnaufpausen, wie ihre Lage es ihnen erlaubte. Denn ihre Häscher folgten ihnen unerbittlich. Tarams Bande trieb eine hartherzige Wut an, vermengt mit einer unbändigen Grausamkeit. Sie überfielen Schmieden und Pferdeställe, schlugen und töteten ihre Bewohner und griffen sich bei jeder Gelegenheit Nahrung und frische Pferde. Doch selbst ausgeruhte Tiere konnten Moli nicht einholen.

Für Kemi und Airo waren ihre Verfolger widrige schwarze Punkte in der Landschaft, die dann erschienen, wenn sie einige Zeit länger als angebracht ruhten und dann über ihre Schulter sahen. Kemi hatte sich stumm an die Hoffnung geklammert, dass die Verfolger schon bald aufgeben würden.

Airo glaubte dies keinen Augenblick. Dieses Mädchen, dessen Brust sich den meisten Teil des Tages gegen seinen Rücken drückte und deren Kinn oft auf seiner Schulter ruhte, hatte einen Mord im Palast beobachtet und – was noch schlimmer wog – sich verdächtig gemacht, die Pläne der darin verwickelten Edelleute erlauscht zu haben. ‚Es sind Reiche wegen weniger gestürzt‘, dachte Airo schwermütig. Gegenüber Kemi gab er sich jedoch zuversichtlich. Er wusste, dass sie Gefahr lief, mutlos zu werden und dass sie ihre Verfassung nur mit schierem Willen zusammenhielt. Und die Hoffnung, dass er sie nach Arkat Andoriam bringen würde, war der Faden in dieser schlechten Naht.

In Sichtweite eines Turms, der hoch über ihnen aus dem bewaldeten Felsen ragte, hielten die beiden an. Nur wenig Schritte entfernt sprudelte eiskaltes Wasser aus dem Felsen und wurde zu einem Bach.

„Der Wachturm von Quarat Yong“, erklärte Airo. „Wir werden hier rasten.“

Kemi glitt aus dem Sattel und fröstelte, während sie auf dem Boden die kalten, von Zweigen zerkratzten Beine streckte. „Ein kwantarischer Name“, sagte sie. „Es kann nicht mehr weit sein.“

„Als der Wachturm erbaut wurde, gab es Kendaré noch nicht“, erzählte der Junge, während er sein Pferd striegelte. „Wir werden noch eine Weile reiten müssen, um die Grenze zu erreichen, falls sie überhaupt markiert ist. Doch damals verlief sie genau hier. Sibelin und Kwantaré waren da noch Erzfeinde.“

„Heute ist Sibelin der Diener und Kendaré der Herr …“, überlegte Kemi laut.

Airo füllte den Ledereimer mit Wasser und hielt ihn Moli unter die Nüstern. „So streng siehst du die Gegebenheiten? Ich dachte, der Fürst von Sibelin ist halber Kendari.“

„Doch König im eigenen Reich nennen, darf er sich nicht.“

„Kaum hast du die kendarischen Palastmauern verlassen, schon hältst du dich für eine Freiheitskämpferin deines Volkes“, stichelte Airo, während die Stute aus dem Ledereimer trank. „Ich denke aber, dass die Sibeliner unter den schützenden Fittichen Kendarés durchaus zufrieden sind.“

Kemi verzog das Gesicht und ging zur Quelle, um dort zu trinken.

„Wir wissen so wenig über unsere Ahnen“, philosophierte Airo. Gedankenverloren starrte er, mit dem Kopf im Nacken, auf den Turm. Dramatische Wolken zogen hinter der zerklüfteten Ruine vorbei, als seien sie Teil der Hetzjagd auf die beiden Freunde. „Es gibt nur wenige Schreiber und Geschichtenerzähler in dieser Gegend. Alles scheint in der Dunkelheit des Waldes zu versinken und als Legende wiedergeboren zu werden.“

Kemi trocknete ihr Gesicht am Deckensaum und kam zu ihm. „Wie lange ist es noch zur Grenze?“

„Zwei Stunden“, antwortete Airo, während er Molis Kopf streichelte.

Eine Gorkonische Stunde entsprach dem Sechzehntel eines Tages. Auf Ledonisch hieß die Stunde Duslek, das sich von Dusai telek ableitete, dem sechzehnten Teil. Gezählt wurde die Uhrzeit vom Morgengrauen bis Morgengrauen, so dass Mittag auf die fünfte, Abend auf die neunte und Mitternacht auf die dreizehnte Stunde fiel.

„So bringe mich zur Grenze und kehre zurück“, sagte Kemi und blickte den Jungen eindringlich an.

„Die Wette gilt bis Arkat Andoriam“, erwiderte Airo. „Beraube mich nicht meines Sieges.“

„Vergiss die Wette, Airo!“, drängte Kemi. „Es ist zu gefährlich und ich habe dich da hineingezogen. Bin ich erst mal in Sibelin, ist es unwahrscheinlich, dass sie mir folgen werden. Du musst heim zu deinen Pferden.“

Airo setzte sich auf eine Grasböschung am Wegesrand und kaute in gewohnter Manier an einem langen Strohhalm. „Würdest du wirklich glauben, dass die Bande dir nicht nach Sibelin folgen wird, würdest du darauf bestehen, dass wir beide so schnell wie möglich über die Grenze reiten und somit vorerst in Sicherheit sind. Du, ich und Moli. Doch du glaubst nicht, dass sie an der Grenze haltmachen. Welche Grenze auch? Du sagtest es selbst. Sibelin ist mehr ein Teil von Kendaré, denn ein eigenes Reich. Die Häscher kümmert nur ihre Aufgabe. Und ich kann nicht eher ruhen, bis eine bewaffnete sibelinische Patrouille unser Pferd geleitet.“

Kemis Lider zitterten und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Ich möchte nicht, dass dir meinetwegen etwas passiert“, flüsterte sie mit brüchiger Stimme.

„Sei unbesorgt“, tröstete sie Airo. „Der halbe Weg ist hinter uns und Moli ist frisch wie je und eh.“

Sie wischte sich die Tränen ab und blickte ihn hoffnungsvoll an. „Nichts kann deine Zuversicht brechen, Airo.“

„Das kommt daher, weil ich dir verheimlicht habe, dass ich ein großer Zauberer bin, der die Zukunft sehen kann.“ Er grinste schelmisch.

Kemi lachte auf. Ihre Augen waren noch rot vom Weinen und die Tränen hatten sich mit dem Staub der Straße auf ihren Wangen vermischt. „Wie sieht denn meine Zukunft aus?“, fragte sie und schnäuzte sich.

„Ich sehe ein Bankett“, erklärte er. „Edle Herren und Damen haben sich versammelt, um bei Musik und Tanz zu speisen und zu feiern. Sie heben die Kelche auf dich und wünschen dir Gesundheit.“

Kemi legte sanft die Hand auf Airos Brust. „Niemand erwartet mich in Sibelin. All unsere Hoffnung liegt darin, dass dieses Pferd schneller ist, als alle anderen und dass ich in den Straßen von Arkat sicher bin vor den Schurken aus dem Süden.“

„Moli wird uns schon hinbringen“, meinte Airo und tätschelte die Stute. „Sie weiß, was auf dem Spiel steht.“

Kemi zog die Decke enger um sich und trat fröstelnd an die Stute heran. „Danke“, sagte sie leise und küsste das Tier auf den Hals. Zu ihrer Überraschung schnaubte Moli unruhig und stampfte aufgeregt mit den Hufen.

„Ruhig, Mädchen“, sagte Airo mit besänftigender Stimme und griff nach den Zügeln.

Kemi fuhr erschrocken herum. Sie schrie auf. Äste knackten und Blätter raschelten, während die Männer langsam aus dem Wald traten.

Airo hielt die Zügel in der Hand und drückte Kemi an sich.

‚Wir waren zu langsam‘, schoss es Airo durch den Kopf.

Tarams Männer hatten am Abend zuvor einen Holzfäller mit seinem Karren auf der Straße getroffen und ihn gezwungen, sie in sein Haus zu führen. Ein Dach über dem Kopf kam ihnen gelegen. Sie ließen sich bewirten und machten deutliche Anspielungen darauf, was mit seiner Frau und dem halbjährigen Kind in der Wiege geschehen würde, täte die Familie nicht wie geheißen.

Beskasch schielte unentwegt nach der jungen Mutter, doch weder er noch die anderen waren in der Stimmung für ihre üblichen Übergriffe. Zu sehr fixierte sich ihr Streben auf die entschwindende Beute und zu sehr brannte die unermessliche Wut über das stete Entkommen dieser Beute in ihnen. Sie wollten, dass es endlich vorbei war. Sie wollten den jungen Reiter von seinem Pferd zerren, ihm unverzüglich die Kehle durchschneiden und ihn im Gras verbluten lassen. Und dann würden sie endlich dieses sibelinische Miststück zu fassen kriegen. Das Bild ihres abgehackten Armes schwebte wie ein gemeinsamer Wunschtraum über dem Speisetisch, an dem ihnen die Frau des Holzfällers das karge Essen servierte.

„Ich will das Pferd haben“, sagte Taram mürrisch in die Stille. Sein heiles Auge war gerötet vor Müdigkeit. „Ich möchte verstehen, weshalb es so schnell ist.“

„Das Essen ist widerlich“, bemängelte der dicke Jagu und blickte traurig in seine Holzschüssel. Sie...