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3 Die Negation des Bestehenden: Gorgias (S. 60-61)
Der Gorgias stellt den wichtigsten Schritt auf demWeg zur Politeia dar: Hier werden zum erstenMal dieUmrisse einer Theorie des Guten deutlich, die dann in der Politeia ihre praktische Anwendung erfährt. Sokrates ist hier nicht länger der Unwissende, sondern vertritt ganz explizit eine politische Theorie; so wie er sich auch als den einzigen wahren Politiker Athens bezeichnet.
Während für den modernen Leser der Gorgias vielleicht hauptsächlich deshalb von Interesse ist, weil Nietzsche seine Philosophie des ›Willens zur Macht‹ (etwa in Zur Genealogie der Moral) zu großen Teilen auf die Reden des Kallikles zu stützen scheint – einschließlich der Rede von der blonden Bestie, mit der er sich auf das Bild des gefesselten jungen Löwen bezieht – war für Platon die Frage nach der Bedeutung der Rhetorik sicher auch deshalb wichtig, weil der Redner Isokrates im Jahre 390 eine Rhetorenschule gegründet hatte, die das Vorbild für die platonische Akademie darstellte. Die Theorie der Rhetorik nimmt in Platons und Aristoteles’ Schriften einen überraschend großen Raum ein. Im Phaidros entwirft Platon im Zusammenhang mit der Rhetorik eine Theorie der menschlichen Charak tere und Aristoteles’ Rhetorik enthält eine systematische Behandlung der Emotionen.
Neben Sokrates treten vier Personen auf – Gorgias, der berühmte Redner aus Leontinoi; Polos aus Agrigent, sein begeisterter Schüler und Bewunderer; Kallikles aus Acharnai, von dem wir nur das wissen, was Platon uns über ihn erzählt; und Chairephon, der magere, heftige und anscheinend etwas abergläubische Begleiter des Sokrates. Die Szene wird nur angedeutet; wahrscheinlich findet das Gespräch im Hause des Kallikles statt, der als Gastgeber des berühmten Gastes fungiert, kurz nachdem Gorgias auf irgendeinem öffentlichen Platz eine Probe seiner Kunst gegeben hat. Das wahrscheinlichste dramatische Datum scheint 424–422 zu sein – es heißt von Perikles (gest. 427), er sei ›kürzlich‹ gestorben.
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