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KAPITEL 3 Kulturgeschichte im Spiegel der Sprachkontakte – Sprachen als Seismographen kulturhistorischen Wandels (S. 156-157)
Seit Menschen, die verschiedene Sprachvarianten sprechen, sich bemüht haben, miteinander zu kommunizieren, gibt es das Phänomen des Sprachkontaktes. Die ältesten Kontakte waren solche zwischen verschiedenen Arten der Spezies Mensch, nämlich zwischen Vertretern des Neandertalers und des modernen Menschen. Diese Kontakte sind für eine Periode zwischen 42 000 und 27 000 Jahren vor unserer Zeit anzusetzen (Biraben 1997: 52 f.). Die Vorstellung ist naheliegend, dass der moderne Mensch wegen seiner überlegeneren Fähigkeiten, sich in der natürlichen Umwelt zu orientieren und Überlebensstrategien zu entwickeln, in den Kohabitaten mit dem Neandertaler dominierte, dass wahrscheinlich der moderne Mensch den archaischen Menschen kolonisiert hat.
Welche Spuren die Sprache des modernen Menschen in der des archaischen Menschen hinterlassen hat, darüber kann man nichts mehr in Erfahrung bringen, einfach deshalb, weil der Neandertaler ausgestorben ist, und mit ihm seine Sprache. Ebenso wenig ist bekannt, ob sich in den Sprachen des modernen Menschen Elemente (z. B. entlehnte Wörter) erhalten haben, die aus der Sprache des Neandertalers stammen, denn man kann die Sprache des archaischen Menschen nicht mehr studieren. Andererseits spricht die Wahrscheinlichkeit der sprachhistorischen Entwicklungsdynamik dagegen, dass sich Wörter aus einer Zeit von vor mehr als 35 000 Jahren in einer Gestalt erhalten hätten, so dass man sie noch heute als fremde Adaptionen erkennen könnte.
Es gibt allerdings eine Sprache, in deren Strukturen man uralte Komponenten vermutet, und dies ist das Baskische. Weit entfernte Vorfahren der Basken waren es, die mit Neandertalern in gemeinsamen Siedlungen gelebt haben. Kein Forscher hat allerdings bislang ernsthaft behauptet, Elemente der Neandertaler-Sprache im Baskischen entdeckt zu haben. Was heutzutage über die Ursprünge dieser geheimnisvollen Sprache be- kannt ist, deutet auf sehr alte, langfristige und daher durchgreifende Kontakte zwischen Populationen mit verschiedenen Sprachen hin (Haarmann 1998a). Das Baskische ist aus dieser Sicht kein selbstständiger Ableger irgendeiner prähistorischen Sprachfamilie, sondern es ist das Fusionsprodukt eines Kontaktmilieus, das wir heute nur sehr dürftig aufgrund archäologischer und humangenetischer Daten rekonstruieren können.
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