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4 Ethik (S. 55-56)
Nicht nur die Suche nach einem Fundament der Erkenntnis verlief ohne Erfolg, sondern auch die Suche nach einer Instanz, die zweifelsfreie Antworten auf ethische Fragen bietet. Normative Aussagen sind weder wahr noch falsch, aber wir können sie trotzdem auf eine vernünftige Weise diskutieren. So ähnlich wie Theorien lassen sich Ziele, Normen und ganze Lebensentwürfe miteinander vergleichen. Es ist möglich und sinnvoll, eine kritische Haltung in allen Lebensbereichen zu pflegen.
4.1 Ethik ohne Fundament
Der Suche nach einem Fundament der Erkenntnis blieb der Erfolg versagt. Doch die Philosophen bemühten sich nicht nur um die Gewinnung sicheren Wissens, sondern auch um zweifelsfreie Begründungen in normativen Angelegenheiten. Sie hielten in beiden Fällen nach unfehlbaren Methoden und »autoritativen Quellen« (Popper) Ausschau. Popper zufolge waren es hauptsächlich zweiQuellen, aus denen die Philosophen zweifelsfrei das Gute zu schöpfen versuchten: zum einen subjektive Gegebenheitenwie Lust-Unlust-Gefühle, moralische Intuitionen oder denmoralischen Sinn für das Richtige und dasVerwerfliche (FST 389). Zum andern bemühten sie zuweilen eine Instanz, die praktische Vernunft genannt wird. Der Rekurs auf subjektive Befindlichkeiten entspricht in etwa den erkenntnistheoretischen Versuchen, das Wissen auf Erfahrungen, auf Sinneswahrnehmungen und Beobachtungen aufzubauen.
Popper bestreitet entschieden, dass es autoritative Quellen gibt, die die Qualität der aus ihnen gewonnenen Normen und Werte garantieren. Aber – so seine These – wir brauchen keine Quelle dieser Art, um vernünftige Entscheidungen zu treffen. Alle Versuche, der Ethik ein Fundament zu verschaffen, haben noch geringere Erfolgsaussichten als die vergleichbaren Anstrengungen, die Wissenschaft auf eine sichere Basis zu stellen.
Während wir immerhin versuchen können, Theorien an der Wirklichkeit scheitern zu lassen, haben wir diese Möglichkeit nicht, wenn es sich um normative Aussagen handelt. Die weiter oben erwähnte regulative Idee der Wahrheit hat folglich hier keine Bedeutung. Normative Aussagen sind weder wahr noch falsch. Ein »normatives Gesetz«, schreibt Popper in der Offenen Gesellschaft, »kann auch geändert werden. Wir können es gut oder schlecht, richtig oder unrichtig, annehmbar oder unannehmbar nennen. Aber ›wahr‹ oder ›falsch‹ ist es nur in einem metaphorischen Sinn, denn es beschreibt keine Tatsache, sondern legt Richtlinien für unser Verhalten fest. Es kann übertreten werden« (OG1 92).
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