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Jeffrey Archer, Die Kain-Saga 1-3: Kain und Abel/Abels Tochter/ - Kains Erbe (3in1-Bundle) -

von: Jeffrey Archer

Heyne, 2019

ISBN: 9783641251222

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 24,99 EUR

Exemplaranzahl:


Mehr zum Inhalt

Jeffrey Archer, Die Kain-Saga 1-3: Kain und Abel/Abels Tochter/ - Kains Erbe (3in1-Bundle) -


 

5

Wladek Koskiewicz wuchs langsam. Schon bald wurde seiner Ziehmutter klar, dass ihm seine zarte Gesundheit immer zu schaffen machen würde. Er bekam alle gängigen Kinderkrankheiten und viele, die die meisten anderen Kinder nicht bekommen. Anschließend gab er sie wahllos an die übrige Familie weiter.

Helena behandelte ihn wie ein eigenes Kind und verteidigte ihn energisch, sobald Jasio nicht Gott, sondern den Teufel für Wladeks Anwesenheit in ihrer winzigen Kate verantwortlich machte. Auch Florentyna bemutterte Wladek, als wäre er ihr Kind. Sie hatte ihn vom ersten Moment an mit einer Intensität geliebt, die ihrer Angst entsprang, als Tochter eines Waldhüters keinen Mann zu finden und kinderlos zu bleiben. Wladek war ihr Kind.

Der älteste Bruder, Franck, der Wladek am Flussufer gefunden hatte, behandelte ihn wie ein Spielzeug. Nie hätte er seinem Vater gegenüber zugegeben, dass er das schwächliche Baby gern mochte, hatte dieser ihm doch erklärt, Kinder wären Weibersache. Jedenfalls würde er nächsten Januar die Schule verlassen, um auf dem Gut des Barons zu arbeiten. Die drei jüngeren Brüder, Stefan, Josef und Jan, bekundeten wenig Interesse für Wladek, während sich die jüngere Tochter Sophia, die gerade einmal sechs Monate älter war als er, sich damit begnügte, ihn einfach nur zu knuddeln.

Worauf Helena jedoch nicht vorbereitet war, waren Wladeks Persönlichkeit und Verstand, die sich so sehr von denen ihrer eigenen Kinder unterschieden. Niemand konnte übersehen, dass er in jeder Hinsicht anders war als sie – körperlich wie geistig. Die Koskiewicz-Kinder waren alle groß und grob gebaut, hatten rotes Haar und außer Florentyna graue Augen. Wladek hingegen war klein, stämmig und dunkelhaarig und hatte tiefblaue Augen. Die Koskiewiczs hatten kein Interesse an Bildung und verließen die Dorfschule, sobald Alter oder Notwendigkeit es erforderten. Wladek dagegen begann zwar spät zu krabbeln, sprach aber mit achtzehn Monaten.

Mit drei Jahren konnte er sich zwar nicht allein ankleiden, dafür aber lesen. Mit fünf Jahren konnte er zusammenhängende Sätze schreiben, machte aber immer noch ins Bett. Er brachte seinen Vater zur Verzweiflung und war der Stolz seiner Mutter. Seine ersten vier Lebensjahre blieben hauptsächlich durch seine zahlreichen Versuche in Erinnerung, mittels einer Krankheit diese Erde zu verlassen. Was ihm auch gelungen wäre, hätten seine Mutter und Florentyna nicht beharrlich alles dafür getan, dies zu verhindern. In seinen Harlekinkleidern lief er in dem kleinen Holzhaus barfuß hinter der Mutter her, und kam Florentyna aus der Schule, so wechselte er seine Gefolgschaft und wich nicht von ihrer Seite, bis sie ihn zu Bett brachte. Wenn Florentyna die Mahlzeit in neun Portionen teilte, gab sie Wladek nicht selten die Hälfte ihres Anteils, und wenn er krank war, die ganze Portion. Wladek trug die Kleider, die sie ihm anfertigte, sang die Lieder, die sie ihn lehrte, und teilte mit ihr die wenigen Spielsachen, die sie besaß.

Da Florentyna beinahe den ganzen Tag über in der Schule war, wollte der kleine Wladek sie schon bald begleiten. Sobald man es ihm erlaubte, marschierte er, Florentyna fest an der Hand haltend, die achtzehn Werst durch moosbedeckte Birken- und Pappelwälder zu der kleinen Schule in Slonim.

Anders als seinen Brüdern gefiel die Schule Wladek vom ersten Unterrichtsläuten an; sie bot ihm ein Entrinnen aus der kleinen Kate, die bislang die ganze Welt für ihn gewesen war. In der Schule wurde ihm auch erstmals schmerzlich bewusst, dass die Russen sein Heimatland besetzt hielten. Er erfuhr, dass seine polnische Muttersprache nur zu Hause gesprochen werden durfte, während die Muttersprache in der Schule Russisch war. Er spürte bei den anderen Kindern den wilden Stolz auf ihre unterdrückte Muttersprache und Kultur. Und auch er begann diesen Stolz zu teilen.

Zu seinem Erstaunen stellte Wladek fest, dass ihn der Lehrer, Herr Kotowski, nicht auslachte, wie es der Vater zu Hause oft tat. Obwohl er, wie zu Hause, der Jüngste war, übertraf er seine Mitschüler sehr bald in allem, außer an Größe. Sein schmächtiger Wuchs verleitete die andern fortwährend dazu, seine Fähigkeiten zu unterschätzen; Kinder glauben häufig, der Größte sei auch der Beste. Mit fünf Jahren war Wladek in jedem Fach Klassenbester, mit Ausnahme beim Bearbeiten von Holz.

Während die anderen Kinder daheim abends Beeren pflückten, Holz hackten, Kaninchen fingen oder nähten, saß Wladek in dem kleinen Holzhaus und las und las, bis er auch die Bücher seines ältesten Bruders und anschließend die seiner ältesten Schwester verschlungen hatte, die die beiden nicht einmal aufgeschlagen hatten. Langsam dämmerte es Helena Koskiewicz, dass sie sich damals, als Franck statt drei Kaninchen dieses kleine Lebewesen nach Hause gebracht hatte, mehr aufgeladen hatte als erwartet. Schon jetzt stellte Wladek Fragen, die sie nicht beantworten konnte. Sie wusste, dass sie sehr bald außerstande sein würde, mit ihm Schritt zu halten, und hatte keine Ahnung, wie sie das Problem meistern sollte. Aber sie besaß einen unerschütterlichen Glauben an das Schicksal und war daher nicht überrascht, als ihr die Entscheidung abgenommen wurde.

Der erste bedeutende Wendepunkt in Wladeks Leben trat an einem Herbstabend des Jahres 1911 ein. Die Familie hatte gerade ihr übliches Abendbrot aus Rote-Beete-Suppe und Kaninchen beendet. Jasio Koskiewicz saß schnarchend am Feuer, Helena nähte, die Kinder spielten, und Wladek hockte lesend zu Füßen seiner Mutter. Während Stefan und Josef sich gerade um einen frisch bemalten Tannenzapfen zankten, ertönte ein lautes Klopfen an der Tür. Sofort verstummten alle. Ein Klopfen war bei den Koskiewicz immer etwas Ungewöhnliches, denn Besucher waren in dem kleinen Häuschen selten.

Ängstlich blickte die ganze Familie zur Tür. Als hätten sie nichts gehört, warteten sie auf ein zweites Klopfen. Diesmal war es etwas lauter. Schlaftrunken erhob sich Jasio von seinem Stuhl, ging zur Tür und öffnete vorsichtig. Als sie sahen, wer da auf der Schwelle stand, sprangen alle auf und senkten alle die Köpfe, außer Wladek, der zu der breitschultrigen, gut aussehenden aristokratischen Gestalt aufschaute, die in einen schweren Bärenfellmantel gehüllt war, und die auf der Stelle Furcht in die Augen des Vaters treten ließ. Doch das freundliche Lächeln des Besuchers beschwichtigte diese Angst, und Jasio bat Baron Rosnovski, einzutreten. Niemand sprach. Der Baron hatte sie noch nie aufgesucht, und so wussten sie nicht recht, was sie als Nächstes tun sollten.

Wladek legte das Buch weg, stand auf, ging auf den Fremden zu und streckte, bevor der Vater ihn zurückhalten konnte, die Hand aus.

»Guten Abend, Herr«, sagte Wladek.

Der Baron nahm seine Hand, und sie starrten einander an. Als der Baron Wladeks Hand losließ, blieb dessen Blick an einem herrlichen silbernen Armreif mit einer Inschrift hängen, die er nicht entziffern konnte.

»Du musst Wladek sein.«

»Ja, Herr«, erwiderte der Junge, anscheinend nicht darüber erstaunt, dass der Baron seinen Namen kannte.

»Ich möchte deinetwegen mit deinem Vater sprechen«, sagte der Baron.

Jasio bedeutete den Kindern mit einer Handbewegung, ihn mit seinem Dienstherrn allein zu lassen; zwei von ihnen machten einen Knicks, vier verbeugten sich, und alle sechs zogen sich schweigend auf den Dachboden zurück. Wladek blieb zurück, weil niemand ihm nahelegte, sich zu den anderen Kindern zu gesellen.

»Koskiewicz«, begann der Baron, immer noch stehend, da ihm niemand einen Stuhl angeboten hatte; erstens, weil sie zu verängstigt waren, und zweitens, weil sie annahmen, er sei gekommen, um einen Tadel auszusprechen. »Ich bin gekommen, weil ich dich um etwas bitten möchte.«

»Was immer Sie wünschen, was es auch ist«, sagte der Vater und fragte sich, was er dem Baron geben könnte, das dieser nicht schon hundertfach besaß.

Der Baron fuhr fort: »Mein Sohn Leon ist jetzt sechs Jahre alt und wird auf dem Schloss von zwei Privatlehrern unterrichtet; der eine ist Pole, der andere kommt aus Deutschland. Sie sagten mir, dass Leon ein aufgeweckter Junge sei, ihm aber der Ansporn fehlt, weil er immer allein ist. Herr Kotowski von der Dorfschule hat mir erklärt, Wladek sei der Einzige, der Leon die Herausforderung bieten könnte, die er so dringend braucht. Ich bin hergekommen, um zu fragen, ob du deinem Sohn erlauben würdest, die Dorfschule zu verlassen, um im Schloss gemeinsam mit Leon unterrichtet zu werden.«

Vor Wladeks innerem Auge tauchte eine wundersame Vision von Büchern und Lehrern auf, die viel klüger waren als Herr Kotowski. Er schaute seine Mutter an. Auch diese blickte auf den Baron in einer Mischung aus Erstaunen und Schmerz. Der Vater wandte sich zu ihr, und der Augenblick schweigender Verständigung zwischen ihnen kam dem Kind vor wie eine kleine Ewigkeit.

Mit rauer Stimme und gebeugtem Kopf murmelte der Waldhüter: »Wir wären sehr geehrt, Herr.«

Der Baron schaute Helena Koskiewicz fragend an.

»Die Heilige Jungfrau verhüte, dass ich meinem Kind jemals im Wege stünde«, sagte sie leise, »obwohl sie allein weiß, wie sehr ich ihn vermissen werde.«

»Seien Sie versichert, dass Ihr Sohn nach Hause kommen kann, wann immer Sie wünschen, Frau Koskiewicz.«

»Ja, Herr. Ich nehme an, dass er das anfangs auch tun wird.« Sie wollte eine Bitte hinzufügen, überlegte es sich aber anders.

Der Baron lächelte. »Gut, dann ist das beschlossene Sache. Bitte bringt den Jungen morgen früh um sieben Uhr ins Schloss. Während der Schulzeit wird Wladek bei uns wohnen, und in den Weihnachtsferien kann er zu euch zurückkehren.«

Wladek brach in Tränen aus.

»Ruhig, Junge«, befahl Jasio.

»Ich will nicht von euch weg«, sagte...