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Spaziergang (Seite 9)
Unter den Linden
Im 18. Jahrhundert pflegten viele Berliner gegen Abend und an Sonn- und Feiertagen auf den Jagdfeldern im Tiergarten und Unter den Linden zu flanieren, einer breiten, von Linden gesäumten Allee, die sich bis hin zum königlichen Schloss erstreckte. Gegen Ende des Jahrhunderts konnte man neben den Bewohnern der preußischen Hauptstadt und den zahlreichen Besuchern, die in die Stadt gekommen waren, um sich eines der aufstrebenden Kulturzentren Europas aus der Nähe anzusehen, und die nun die städtischen Parks und Alleen bevölkerten, auch mehr und mehr Juden erkennen, die sich unter die Menge der Spaziergänger gemischt hatten. Die Präsenz vieler Angehöriger der damals etwa dreitausend Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde Berlins an den Kultur- und Vergnügungsstätten – vor allem in den Theatern und Konzertsälen – bestimmte das pulsierende Leben in der prosperierenden Stadt mit. Vermögende Juden, Kaufleute und erfolgreiche Manufakturunternehmer, flankiert von ihren Gattinnen und Töchtern, demonstrierten mit ihrer modernen, eleganten Kleidung, ihren extravaganten Frisuren und Perücken, mit der deutschen Sprache, die sie fließend beherrschten, und mit ihren höflichen Manieren den feinen Geschmack, der dem kultivierten Bürgertum jener Zeit angemessen war. Nicht wenige von ihnen lasen schöngeistige Literatur und schöpften ihr Wissen aus Zeitschriften und Publikationen der verschiedenen Wissensbereiche, sie hörten Vorträge über die Neuerungen in Philosophie und Wissenschaft und nahmen an den zahlreichen Kunstund Kulturveranstaltungen teil. Einige von ihnen, die sich durch ihre Gelehrsamkeit besonders auszeichneten – wie der Arzt und Philosoph Marcus Herz, ein Schüler Kants, und der Arzt und Ichthyologe Markus Bloch –, waren der Stolz der jüdischen Gemeinde.
An einem Sommerabend des Jahres 1780 promenierte in den Straßen Berlins der berühmteste jüdische Bürger der Stadt, der hochgeachtete Philosoph Moses Mendelssohn, in Gesellschaft seiner Gemahlin Fromet und einiger seiner Kinder. Eine Horde von Straßenjungen belästigte die Familie mit Rufen wie »Juden! Juden!« und warf mit Steinen. »Warum werfen sie mit Steinen hinter uns her? was haben wir ihnen gethan?«, fragten seine Kinder entsetzt und verängstigt. Ihr Vater, aufgewühlt, enttäuscht und hilflos, fand in dieser Situation keine klärenden und tröstenden Worte und seufzte nur in unterdrücktem Zorn: »Menschen! Menschen! wohin habt ihr es endlich kommen lassen?«
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