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Ein Sohn ist uns gegeben - Commissario Brunettis achtundzwanzigster Fall

von: Donna Leon

Diogenes, 2019

ISBN: 9783257609516 , 320 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 20,99 EUR

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Ein Sohn ist uns gegeben - Commissario Brunettis achtundzwanzigster Fall


 

1


»Du weißt, ich mische mich ungern in anderer Leute Angelegenheiten«, begann Conte Falier, der seinem Schwiegersohn in einem jener altehrwürdigen Sessel gegenübersaß, die im Palazzo Falier überall herumstanden. »Aber in diesem Fall – wo er mir doch so nahesteht – komme ich einfach nicht umhin.«

Brunetti ließ dem Älteren Zeit, da er spürte, wie schwer es dem Conte fiel vorzubringen, was er auf dem Herzen hatte.

Der Conte hatte am Morgen in der Questura angerufen und gefragt, ob Brunetti nach Feierabend auf einen Drink bei ihm vorbeikommen könne, er müsse etwas mit ihm besprechen. Am liebsten wäre Brunetti bei diesem warmen Vorfrühlingswetter zu Fuß von der Questura zum Palazzo der Faliers spaziert. Doch bei dem wolkenlosen Himmel verbot sich allein schon die Riva degli Schiavoni, und die Piazza San Marco überqueren zu wollen wäre blanker Wahnsinn. Die vom Lido kommenden Vaporetti hingegen waren um diese Zeit zwar voll, platzten aber nicht mehr aus allen Nähten, und so hatte er resigniert seine Abneigung gegen öffent‌liche Verkehrsmittel überwunden, die Nummer eins nach Ca’ Rezzonico genommen und stand schon früh am Abend vor der Tür.

»Ich halte nichts von Klatsch«, beteuerte der Conte. Brunetti horchte auf. »Grundsätz‌lich nicht.«

»Dann lebst du in der falschen Stadt«, meinte Brunetti und lachte, um seiner Antwort die Spitze zu nehmen. »Und solltest die Venezianer meiden.«

Auf dem Gesicht des Conte machte sich ein entspanntes Lächeln breit. »Ersteres stimmt nicht, wie du weißt«, sagte er und setzte, noch breiter lächelnd, hinzu: »An Letzterem könnte etwas dran sein – aber was will man machen? Es ist zu spät. Ich verkehre, seit ich denken kann, mit Venezianern.«

Immer noch verwundert, dass sein Schwiegervater Klatsch über seinen besten Freund auch nur diskutieren wollte, fragte Brunetti: »Stammen diese Gerüchte über Gonzalo von einem Venezianer?«

»Ja, von einem Rechtsanwalt«, räumte der Conte ein, hob aber sogleich die Hand, damit Brunetti gar nicht erst nach dem Namen fragte. »Von wem ich es gehört habe, spielt keine Rolle. Wichtig ist nur die Geschichte selbst.«

Brunetti nickte. Wie die meisten Venezianer war er es gewohnt, in einem Strudel aus wahren und falschen Erzäh‌lungen dahinzutreiben; doch anders als die meisten Venezianer hatte er keine Freude daran: Langjährige Erfahrung hatte ihn gelehrt, wie unbrauchbar das meiste war. Selbst von schlüpfrigen Geschichten, die ihn zum Erröten brachten, blieb Brunetti als Commissario nicht verschont; und als Leser waren ihm Dinge wie Suetons Schilderungen der Vergnügungen eines Tiberius wohlvertraut. Sein Verstand aber warnte ihn, dass Venezianer selbst die Taten und Untaten von Menschen ausschmückten, die sie gar nicht kannten, und unbekümmert um mög‌liche Folgen auch die unglaubwürdigsten Gerüchte weitererzählten.

Natür‌lich interessierte ihn, was die Leute so anstellten, nur glaubte er dergleichen erst, wenn er hinreichend Beweise dafür hatte. Darum würde Brunetti auch alles, was man seinem Schwiegervater erzählt haben mochte, mit Vorsicht genießen, es zunächst einmal als unbewiesen ansehen, nicht als unumstöß‌liche Tatsache.

Während er darauf wartete, dass der Conte zur Sache kam, schweif‌ten Brunettis Gedanken ab zu der Entscheidung, um die seine Familie sich seit Jahren drückte: Was sollte mit der Villa bei Vittorio Veneto geschehen, die der Conte und die Contessa nicht mehr bewohnten und die auch Brunetti und seine Familie nur noch äußerst selten nutzten? Während sie schwankten und zauderten, war unter den Fenstern an der Nordseite Wasser ins Gemäuer eingedrungen, und nun verlangte der Verwalter auch noch eine erheb‌liche Lohnerhöhung.

Als könne er Brunettis Gedanken lesen, bemerkte der Conte: »Es geht nicht um die Villa, auch wenn Gonzalo mich an sie erinnert.«

Irritiert von dem Vergleich, meinte Brunetti trocken: »Ich wusste gar nicht, dass ihm Wasser in den Schädel läuft.«

Der Conte ignorierte Brunettis etwas respektlose Bemerkung und erklärte: »Du hast beide, Gonzalo und die Villa, ungefähr zur selben Zeit kennengelernt, Guido; du hast dich in ihrer Gegenwart immer wohl gefühlt; doch jetzt nagt an beiden der Zahn der Zeit.«

Gonzalo Rodríguez de Tejeda, der Freund seiner Schwiegereltern und Paolas Patenonkel, gehörte zur Familie Falier, seit Brunetti denken konnte. Zu Brunettis und Paolas zehntem Hochzeitstag war er eigens aus London angereist, um ihnen sein Geschenk zu überreichen, eine Tonschale aus dem zwölf‌ten Jahrhundert, wüstengelb und von der Größe einer Salatschüssel, an der Innenseite aber mit einer kufischen Inschrift verziert, bei der es sich vermut‌lich um einen Koranvers handelte. Gonzalo hatte für die Schale vorsorg‌lich einen Plexiglaskasten anfertigen lassen, zum Schutz vor Attacken und Missgeschicken, wie sie in einem Haushalt mit kleinen Kindern vorkamen. Noch heute hing die Schale bei den Brunettis im Wohnzimmer an der Wand, zwischen den zwei Fenstern mit Blick auf den Glockenturm von San Marco.

Wenn Brunetti und Gonzalo sich in den vergangenen Jahren auf der Straße, in einem Geschäft oder im Café begegnet waren, hatten sie jedes Mal zusammen eine ombra oder einen Kaffee getrunken und nett miteinander geplaudert. Erst vor wenigen Monaten war ihm Gonzalo in der Nähe des Campo Santi Apostoli über den Weg gelaufen. Als Brunetti den Älteren über den Campo auf sich zueilen und eine Hand zum Gruß heben sah, war ihm aufgefallen, dass Gonzalos Haar sich von Eisengrau zu Schneeweiß verfärbt hatte; doch noch immer hielt er sich kerzengerade wie ein alter Soldat, und seine stahlblauen Augen strahlten wie eh und je – vielleicht das Erbe der Invasoren aus dem Norden, die Spanien einst heimgesucht hatten.

Sie hatten sich umarmt und einander beteuert, wie sehr sie sich über die Begegnung freuten, dann aber hatte Gonzalo in seinem vollkommen akzentfreien Italienisch erklärt, er müsse dringend zu einer Verabredung und habe leider keine Zeit für eine Unterhaltung, lasse jedoch Paola und den Kindern Grüße und Küsse überbringen.

Wie so oft strich er als Zeichen der Zuneigung über Brunettis Wange, wiederholte, nun aber müsse er gehen, wandte sich ab und entschwand eilig in Richtung Fondamenta Nuove und des Palazzo, in dem er wohnte. Brunetti blieb stehen und sah ihm nach, wie immer glück‌lich, Gonzalo begegnet zu sein. Dann ging er weiter, drehte sich aber noch einmal um und versuchte, in der Menge den Rücken seines Freundes zu erspähen. Anfangs hielt er nach einem eilig ausschreitenden Mann Ausschau und fand ihn nicht, dann aber entdeckte er ihn, den großen Mann, der jetzt nur noch langsam ging, mit gesenktem Kopf, die Ellbogen abgewinkelt, eine Hand an der Hüfte, als habe er Schmerzen, die er sich vor anderen nicht anmerken lassen wollte. Brunetti hatte betroffen den Blick abgewandt.

Aus seiner Erinnerung aufschreckend, bemerkte Brunetti, dass sein Gegenüber ihn aufmerksam beobachtete. »Wann hast du ihn zuletzt gesehen?«, fragte der Conte.

»Vor zwei Monaten. Vielleicht etwas mehr«, antwortete Brunetti. »Auf dem Campo Santi Apostoli, aber wir konnten nur ein paar Worte wechseln.«

»Was für einen Eindruck hat er auf dich gemacht?«

»Wie immer, würde ich sagen«, versuchte Brunetti automatisch, einen Älteren vor der Erkenntnis zu bewahren, dass der Gleichaltrige jenen Mächten erlegen war, gegen die sie beide kämpf‌ten.

Brunetti wich dem Blick des Conte aus und betrachtete das Porträt eines jungen Edelmanns an der Wand gegenüber, der wiederum ihn zu mustern schien. Jugendfrisch und voller Leben, mit Muskeln, die sich gegen die Fesseln der vom Maler verlangten Pose auf‌lehnten, stand er da, die Linke locker an der Hüfte, die Rechte am Knauf seines Degens: Zweifellos irgendein Vorfahr von Paola, ein Falier, der im Kampf, an einer Krankheit oder am Alkohol gestorben war, nachdem er sich durch dieses Bild in der Blüte seiner Jahre hatte verewigen lassen.

Brunetti glaubte, Züge von Paolas Gesicht wiederzuerkennen, aber die Jahrhunderte hatten bei ihr doch manches geglättet, und nur wenn sie einmal in Zorn geriet, hatte sie jene Raubvogelaugen auf der Suche nach Beute.

»Ihr habt euch nicht länger unterhalten?«

Brunetti schüttelte den Kopf.

Der Conte senkte den Blick, stemmte die Hände auf die Oberschenkel und starrte gedankenverloren darauf herunter. Was für ein statt‌licher Mann er immer noch ist, dachte Brunetti. Er nutzte die Gelegenheit, den Conte genauer anzusehen, und stellte zu seiner Überraschung fest, dass sein Schwiegervater seit ihrer letzten Begegnung kleiner geworden war. Oder vielmehr, seit er das letzte Mal auf die äußere Erscheinung des Älteren geachtet hatte. Die Schultern waren schmaler, doch das Jackett umspielte diese schmaleren Schultern noch immer sanft. Vielleicht hat er es ändern lassen, dachte Brunetti, bemerkte dann aber die modischen Aufschläge dieser Saison – also war es neu.

Der Conte betrachtete weiter seine Handrücken, als ließe sich dort eine Antwort finden; schließ‌lich blickte er auf und sagte: »Du bist immer in einer heiklen Lage, nicht wahr, Guido?«

War das eine Frage oder eine Meinungsäußerung?, überlegte Brunetti. Bezog es sich auf den Rangunterschied zwischen ihm – dem Sohn eines Mannes aus der Unterschicht, der sein Leben lang nur Niederlagen erlitten hatte – und Paola, der Tochter von Conte Falier und Erbin eines der größten Vermögen der Stadt? Oder womög‌lich...