dummies
 
 

Suchen und Finden

Titel

Autor/Verlag

Inhaltsverzeichnis

Nur ebooks mit Firmenlizenz anzeigen:

 

Eisige Weihnachten - Weihnachtskrimi

von: Ella Danz

Gmeiner-Verlag, 2019

ISBN: 9783839260883 , 256 Seiten

2. Auflage

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 9,99 EUR

Exemplaranzahl:


Mehr zum Inhalt

Eisige Weihnachten - Weihnachtskrimi


 

Kapitel I


Was für eine bescheuerte Idee, dieses Familientreffen an Heiligabend in einem Hotel zu veranstalten, noch dazu in so einer gottverlassenen Gegend. Und noch bescheuerter, dass sie sich darauf eingelassen hatte.

»Es ist ein unheimlich schönes Hotel, wirklich, und heißt ›Die blaue Bergvilla‹ – wie das schon klingt! Total romantisch, oder?«, hatte Anke ins Telefon geflötet, als sie Kerstin den Plan unterbreitete. Froh, dass die monatelange Funkstille mit ihrer komplizierten Schwester erst einmal beendet war, hatte Kerstin spontan zugestimmt. Doch zur Romantik gehören mindestens zwei, dachte sie nun und schaute erst auf ihren Mann und dann missgelaunt nach draußen, wo schmutziggrau und trüb die Eintönigkeit der Leipziger Tiefebene vorbeizog.

André hatte Kerstins kurzen Blick bemerkt, schenkte ihr ein strahlendes Lächeln und tätschelte ihr Knie, was sich wie ein angenehmer, leichter Stromstoß anfühlte. Doch sie vermied es, ihn anzuschauen. André erhöhte die Geschwindigkeit des Scheibenwischers und summte eine Melodie. Er schien gute Laune zu haben. Ob er die auch nach diesem Weihnachtsfest noch haben würde?

Ihr Ehemann sah wirklich verdammt gut aus, seine Berührungen machten Lust auf mehr, trotzdem – Kerstin hatte sich fest vorgenommen, auf Abstand zu bleiben und spätestens vor ihrer Rückfahrt in aller Offenheit mit ihm zu sprechen, da sich zu Hause neben den beruflichen Verpflichtungen und in der vorweihnachtlichen Alltagshektik nie die Gelegenheit für ein umfassendes Gespräch ergeben hatte. Weihnachten war das Fest der Liebe, und die hatte so viele Facetten, sie konnte aufblühen oder welken, insofern war der Termin vielleicht gar nicht so unpassend gewählt, verteidigte Kerstin ihr Vorhaben vor sich selbst.

Das Kind, das in ein paar Monaten volljährig wurde, lag auf der Rückbank, seit Berlin im Schlafkoma. In den frühen Morgenstunden erst nach Hause gekommen, stank Lukas immer noch wie eine nicht gelüftete Eckkneipe. Auf der sogenannten Weihnachtsfeier mit seinen Freunden war der Alkohol offensichtlich in Strömen geflossen. Und wer weiß, was sie sich sonst noch so reingezogen hatten – Kerstin wollte es lieber gar nicht wissen.

Auf der A 9 herrschte lebhafter Verkehr. Scheinbar drängte es viele zu Weihnachten zu ihrem Anhang, egal, wie verfahren die familiären Beziehungen auch sein mochten. Der Gedanke an ihre Familie war nicht dazu angetan, Kerstins Stimmung zu verbessern. Ihre schöne Schwester, die ihr von jeher in einer intensiven Hassliebe zugetan war, und ihr großer, manchmal etwas einfältiger Bruder mit Anhang, Andrés Mutter und Papas Gefährtin Lilo – der Einzige, auf den sie sich wirklich freute, war Papa. Sie hatten sich nicht gesehen seit ihrer Rückreise aus Italien im September, als sie bei ihm in Bamberg einen kurzen Stopp eingelegt hatten.

Papa hätte gern auch an Weihnachten zu ihnen nach Berlin kommen können – allein, was seine Gefährtin bestimmt als Affront aufgefasst hätte. Doch Lilo war Kerstin, die sich nichts als entspannte Feiertage wünschte, einfach zu anstrengend. Aber dann war irgendwer auf diese geniale Idee vom Familienweihnachten gekommen, die Anke ihr in den schönsten Farben anpries, ganz stimmungsvoll in einem entzückenden Hotel, fernab der Zivilisation, aber mit allem Komfort und gehobener Gastronomie. Trotz ihrer intuitiven inneren Abwehr hatte Kerstin ihre Skepsis für sich behalten. Wer weiß, wie sich die empfindliche Anke, die sich für eine perfekte Organisatorin hielt, von Kerstin wieder bevormundet gefühlt hätte, wenn diese das Projekt »Romantische Waldweihnacht« sofort abgelehnt hätte. Kurzerhand hatte sie also Ja gesagt und Anke das Kommando überlassen. Irgendwie sah sie das auch als therapeutische Maßnahme für ihre kleine Schwester. Außerdem reichte es ihr vollauf, die ganzen Weihnachtsgeschenke beschaffen zu müssen.

Bei der Pause im Hamburgerladen einer Raststätte, die ihr Mann unbedingt einlegen musste, wurde das Kind plötzlich hellwach, verdrückte einen riesigen Burger plus Pommes plus Chickenwings und schüttete einen Eimer Cola hinterher. Auch André arbeitete sich an einem XXL-Menü ab, was sich bei ihm aber nicht in einem größeren Bauchumfang, sondern in Muskelmasse niederzuschlagen schien. Er trainierte mehrmals die Woche in diesem sündhaft teuren Edelschuppen von Sportstudio. Auch Kerstin war dort angemeldet, nahm das vielfältige Angebot aber höchst selten in Anspruch. Sie war froh, zwischen den vielen Geschäftsreisen einfach nur Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen zu können.

Ihr Pausensnack bestand aus einem großen Kaffee und einer im Freien hastig gerauchten Zigarette, die angesichts der feuchten Kälte kein echter Genuss war. Ihr Handy meldete sich.

»Hallo, Papa! Wo seid ihr?«

»Hallo, Kerstin, wir sind schon … ich wollte nur … wegen … dir was sagen …«

»Papa, leider versteh ich kaum was. Die Verbindung ist unheimlich schlecht. Leg mal auf, bitte. Ich ruf dich gleich noch mal an, okay?«

Rauschen, Krachen, Besetztzeichen.

Kerstin schmiss die Zigarette weg und drückte die Rückruftaste. Erst hörte sie ein Freizeichen, dann war besetzt und dann gar nichts mehr. Sofort machte sie sich Sorgen. Hoffentlich war alles in Ordnung.

Hallo, Papa! Hoffentlich alles okay? Wir sind auf dem Weg, in ungefähr zwei Stunden müssten wir am Hotel sein. Bis dann!

Auch wenn sie wusste, dass der alte Herr so gut wie nie die SMS-Funktion nutzte, schickte sie ihm die Nachricht, in der Hoffnung, sie würde ankommen und er würde sie lesen. Frierend zog sie unter ihrem Fleece-Hoodie die Schultern hoch, als sie mit Lukas und André zurück zum Auto ging.

In immer dickeren Klecksen klatschte Schneeregen gegen die Windschutzscheibe, als sie ihre Fahrt fortsetzten. Kerstin starrte nach draußen und zwischendurch immer wieder auf ihr Handy, versuchte noch mehrmals ihren Vater zu erreichen, aber ohne Erfolg. Nach einer Weile, sie fuhren jetzt Richtung Erfurt, wurde Schnee aus dem Regen, und der Blick in die aus der Tiefe herantaumelnden Flockenformationen ließ Kerstin schläfrig werden.

Sie schloss die Augen, angenehme Wärme hüllte sie ein, ein monotones Grundrauschen legte sich auf ihre Ohren. Plötzlich tauchte ein unglaublich gut aussehender Blonder vor ihr auf. Das Lächeln seiner leuchtend blauen Augen war unwiderstehlich. Sein gebräunter Körper, schlank und muskulös, ließ Kerstins Fantasie augenblicklich Purzelbäume schlagen, und in ihrem Bauch begannen Millionen Schmetterlinge zu flattern. Einzig Form und Design seiner Badehose störten den ansonsten betörenden Anblick. Sie war wild gemustert und hing etwas formlos auf den schmalen Hüften des strahlenden Helden. Doch Kerstin nahm das gar nicht wahr. Sie war wie hypnotisiert, sprach kaum noch, konnte nur schmachtende Blicke werfen – und ihm schien es genauso zu gehen! Er interessierte sich für sie! Tatsächlich für sie, die üblicherweise von den meisten männlichen Wesen übersehen wurde! Und von so einem Prachtstück war Kerstin noch nie Aufmerksamkeit geschenkt worden. Sie schwebte vor Glück. Von Tommy und Gitta, ihren beiden Mitreisenden, erntete sie verständnislose Blicke.

»Was willst du nur von dem?«, fragte Gitta, als sie zum Pinkeln in den Waschräumen aufeinandertrafen, »hast du die Badehose nicht gesehen? Marke Sporett – klingt affengeil, oder? Der ist aus der DDR, Mann!«

Kerstin zuckte nur mit den Schultern.

Es kam, wie es kommen musste. Nach romantischen Stunden am Ufer des Balaton, mit Lagerfeuer, Gitarrenmusik, Gesang und ziemlich grausligem Rotwein, führte sie der blonde Traummann zu seinem Zelt. Er hatte es von seinem Onkel geborgt, wie er entschuldigend erwähnte. Es war ein altes, ziemlich schäbiges Teil, was Kerstin aber überhaupt nicht bemerkte.

Sie verbrachten darin die Nacht zusammen, eine aufregende, ekstatische Nacht, und es war ihr egal, dass wahrscheinlich der halbe Campingplatz Ohrenzeuge ihrer wilden Leidenschaft wurde. Erst gegen Morgen konnten sie voneinander lassen und schliefen erschöpft in einer innigen Umarmung ein. Ab da waren sie für den Rest des Urlaubs unzertrennlich.

Er wohnte in Leipzig, hatte Sozialökonomie studiert und arbeitete in der Betriebsgewerkschaftsleitung der Buna-Werke. Unter anderem war er zuständig für die Vergabe von Ferienplätzen an die Mitarbeiter des Kombinats. Das Einzige, was Kerstin von den Buna-Werken kannte, war der schräge Werbespruch »Plaste und Elaste aus Schkopau«, über den sie sich jedes Mal mit ihren Westberliner Kommilitonen amüsierte, wenn sie über die Transitstrecke pendelten.

Ihr neuer Bekannter schien höchst interessiert an Kerstins BWL-Studium, stellte eine Menge Fragen und lauschte gefesselt, als sie von ihrer Hospitanz bei der Boeing Corporation in Seattle erzählte. Und noch mehr faszinierte ihn, dass Kerstin nach einem Praktikum bei McKinsey den Plan gefasst hatte, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Schließlich war die Überfliegerin Kerstin gerade mal Anfang 20 und stand schon kurz vor ihrem Abschluss. Ihren Verehrer schien wohl alles zu beeindrucken, was sie betraf.

Auch er war mit ein paar jungen Leuten unterwegs, die der Westlerin teils verunsichert bis reserviert – Letzteres vor allem die jungen Frauen –, manche aber auch mit kritikloser Begeisterung gegenübertraten, jedenfalls unter vier Augen. Nach ein paar Tagen aber fühlte Kerstin sich von allen akzeptiert, was nicht zuletzt an der Person ihres Lovers lag, der in der kleinen Gruppe den Ton angab. Allgemein waren die vielen Menschen ein großes Thema, die über Ungarn die DDR...