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Das Schlangenmaul

von: Jörg Fauser

Diogenes, 2019

ISBN: 9783257609103 , 320 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 20,99 EUR

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Das Schlangenmaul


 

1


Als die Presslufthämmer mich weckten, träumte ich gerade vom Krieg. Ich brütete über einer Story, die sich nicht schreiben ließ, dann zerrissen Explosionen den Himmel, und der Alte schrie mir zu: Wenn du mit dem Thema nicht klarkommst, schmeiß ich dich endgültig raus.

Vorsichtig streckte ich die Hand aus und berührte etwas Weiches. Ich machte die Augen auf und blickte in das Gesicht der Thailänderin. Sie schlief fest. Na gut, dachte ich, Deutschland hat noch einen Krieg verloren, aber du liegst im Bett der Sieger. Allmäh‌lich brachten die Presslufthämmer mir bei, wo ich war. Berlin, Anfang November. Montagmorgen. Sonne, viel zu viel Sonne über den Dächern. Ich griff nach einem der Gläser neben dem Bett, erwischte einen Schluck abgestandenen Wodka mit Tonic. Dann eine Zigarette. Frühstück à la carte. Mein Herz fing an zu hämmern. War wohl etwas grob, gestern Nacht. Die letzten Stunden fehlten mir. Genau genommen auch die letzten Tage. Nuchali lächelte im Schlaf. Für mich gab es nichts zu lächeln. Ich war achtunddreißig und pleite.

Es klingelte.

Post. Telegramm. An die Arbeit, Harder.

Ich versuchte durch den Spion zu linsen, aber der war so verschmiert, dass ich nichts erkennen konnte. Ich zog den Gürtel meines alten Boxermantels zu und machte die Tür einen Spalt auf. Ein kleiner, stämmiger Mann, ungefähr mein Alter. Rosa Gesicht, spär‌liche blonde Haare. Adretter Regenmantel, weißes Hemd, Schlips und strahlendes Vertreterlächeln.

»Guten Morgen. Herr Harder?«

»Mhm. Und wer sind Sie?«

»Wiglaf‌f, Herr Harder. Von der Steuerfahndung.« Eine Hundemarke kam zum Vorschein. »Ich darf doch annehmen, dass Sie mit meinem Besuch gerechnet haben. Gestatten Sie?«

So war das also. Ein Vertreter des Staates. Ich dirigierte ihn in die Küche. Wiglaf‌f sah sich aufmerksam um, registrierte die leeren Flaschen, die unausgepackten Umzugskisten im Wohnzimmer, die kahlen Wände, den Müll auf dem Balkon. Durch seine Augen sah es sicher aus wie die Station eines Mannes auf der Flucht.

»Zu diesem Blick darf man Ihnen ja gratulieren, Herr Harder. Dafür zahlt man gern etwas mehr Miete, stimmt’s?«

Ich zuckte die Achseln und holte zwei halbwegs saubere Tassen aus der Spüle. Dann setzte ich Wasser auf.

»Trinken Sie eine Tasse mit? Gibt aber nur Pulverkaffee.«

»Vielen Dank, gern. Kann ich hier etwas Platz machen?« Wiglaf‌f schloss seinen Aktenkoffer auf und entnahm ihm einen Schnellhefter. Der Vorgang Harder, Heinz. »Wie gesagt, mit meinem Besuch müssten Sie ja gerechnet haben. Allein in den letzten fünf Monaten hat das Finanzamt Ihnen vier Mahnungen geschickt, und es war ja auch eine Betriebsprüfung angekündigt.«

»Ich war verreist.«

»Aber eine amt‌liche Zustel‌lung haben Sie angenommen.«

»Wissen Sie, heutzutage ist so viel gleich amt‌lich, wer blickt da noch durch.«

»Haben Sie denn keinen Steuerberater?«

»Soll ich dem auch noch Geld in den Rachen schmeißen? Worum geht es denn eigent‌lich?«

»Sie haben ja Humor, Herr Harder. Es geht natür‌lich um Ihre Steuerschulden. Das heißt, es geht jetzt auch um den begründeten Verdacht der Steuerhinterziehung.«

Ich schluckte. »Steuerhinterziehung? Da fahren Sie aber ziem‌lich schweres Geschütz auf.«

Er nickte und blätterte in der Akte.

»Herr Harder, nach unseren Unterlagen haben Sie in den Jahren 1977 bis 1982 Einkünfte aus selbständiger Arbeit als freier Journalist in Höhe von etwa 150000 DM nicht versteuert – und auch keine Mehrwertsteuer dafür abgeführt. Das macht mit Verzugszinsen inzwischen eine Steuerschuld von 51374,54 DM – ohne Mehrwertsteuer. Da Sie auf entsprechende Kontrollmittei‌lungen und Auf‌forderungen des inzwischen für Sie zuständigen Finanzamts Charlottenburg-Ost nicht reagiert und auch einen Betriebsprüfungstermin nicht eingehalten haben, hat sich das Finanzamt veranlasst gesehen, die Unterlagen an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten. Tja, und da bin ich nun, Herr Harder.«

Nur ruhig Blut, dachte ich. »Nehmen Sie Milch?«

»Vielen Dank, nur Zucker, bitte.«

»Zucker gibt’s keinen. Ist doch ungesund, das Zeug.«

»Tatsäch‌lich? Dann trinke ich ihn schwarz.«

»Zigarette?«

»Französische? Danke, die sind mir zu stark.«

Er rauchte eine von der kastrierten Sorte. Dafür nahm er drei Löffel Pulverkaffee. Wir legten eine kurze Pause ein, bis die Gifte wirkten. Ich starrte durchs Fenster. Auf dem Altbau gegenüber, in dem nur noch ein paar türkische Familien und eine WG die Stel‌lung hielten, lagen wie Farbkleckse die bunten Decken vom Sommer, als die Freaks auf dem Dach gepennt hatten. Die Novembersonne sah kräftiger aus als die im Sommer, aber jetzt pennten nur noch die Tauben da oben. Das Haus stand wie ein verrotteter Zahn zwischen den Neubaublöcken. Ich sah Wiglaf‌f an.

»Was ich nicht verstehe, ich hab die ganze Zeit doch Steuern bezahlt.«

»Aber nicht für die Einkünfte von der Frauenzeitschrift in München. Die vier großen Serien, erinnern Sie sich?«

»Dieser Mist? Das war doch meine Frau. Können Sie sich vorstellen, dass ich für eine Modezeitschrift schreibe?«

»Für Geld, Herr Harder? Jedenfalls sind die Honorare an Sie gegangen.«

»Zwei Drittel sind an meine Frau gegangen. Meine Exfrau. Unter dem Mist stand mein Name, aber doch nur, weil ich mit diesen Serien besser im Geschäft war.«

»Ihre Exfrau sieht das aber etwas anders.«

»Was erwarten Sie von einer Exfrau in dieser Branche?«

»Da habe ich noch keine gesicherten Erfahrungswerte, Herr Harder. Die Frage ist aber dann die, warum haben Sie die Angelegenheit nicht längst aus der Welt geschaff‌t?«

Ich zuckte die Achseln. »Das mit dem Finanzamt hat immer meine Frau gemacht.«

»Von der Sie seit fünf Jahren geschieden sind.«

»Und was wird nun? Wollen Sie pfänden?«

»Aber ich bitte Sie.« Wiglaf‌f drückte seine Zigarette aus und nahm noch einen Schluck Kaffee. »Wissen Sie, als ich Ihren Vorgang auf den Tisch bekam, hab ich gleich gedacht, das ist ein Fall, den man differenziert sehen muss. Ich bin näm‌lich Spezialist für die freien Berufe, was könnte ich Ihnen über meine Kundschaft erzählen, Bühne, Film, Showgeschäft …«

»Erzählen Sie nur, ich bin ganz Ohr.«

»Damit Sie dann hingehen und einen Artikel daraus machen, und sei es für eine Modezeitschrift!«

»Das wäre doch was. Aber aus dem Gewerbe bin ich raus.«

Sein Lächeln verschwand. »Ja, was machen Sie denn dann, wenn Sie Ihren Beruf nicht mehr ausüben?«

»Ich seh mich gerade nach etwas Neuem um.«

»Das hört man natür‌lich nicht so gern, Herr Harder. Der Kasus Knacktus ist ja wohl, wie wir das mit den Ratenzah‌lungen machen.«

Allmäh‌lich kam er zur Sache. »Mit welchen Ratenzah‌lungen?«

»Sie stehn mit 50000 Mark bei Vater Staat in der Kreide, mein Bester.«

»Das krieg ich schon hin«, sagte ich souverän. »Wenn ich was an Land ziehe, sind es immer dicke Brocken.«

Gerade diesen Augenblick suchte Nuchali sich aus, um einen Blick in die Küche zu werfen. Sie hatte sich ein Laken umgewickelt, aber es gab noch genug zu sehen. Wiglaf‌f bekam kaum den Mund zu. Differenzen, wohin man blickte.

»Oh, Joe, du hast Besuch? Ich muss bald weg, weißt du.«

»Ich komme gleich«, sagte ich, »geh schon mal ins Bad, Darling.«

Sie warf mir einen strahlenden Blick zu, von dem der Steuerfahnder auch noch etwas abbekam, und verschwand. Wiglaf‌f räusperte sich. Ich kam ihm zuvor.

»Meine Verlobte, Herr Wiglaf‌f.«

»Ah ja?« Das Misstrauen stand ihm im Gesicht. »Ich wusste gar nicht, dass Sie Joe heißen.«

»Sprechen Sie Harder mal aus, wenn Sie Asiate sind.«

»Ich verstehe. Gut, Herr Harder, bleiben wir bei Ihrer Steuersache. Als Spezialist für freie Berufe kenne ich die Schwierigkeiten, mit denen viele in diesen Berufen zu ringen haben. Vor allem, wenn Sie dann auch noch Aussteiger sind.«

»Ich bin kein Aussteiger. Als Aussteiger säße ich wohl kaum hier.«

»Haben wir alles schon gehabt, Herr Harder. Zwanzig-Zimmer-Villa im Grunewald, ich hab damit nichts mehr zu tun, Herr Wiglaf‌f, ich bin ausgestiegen. Aber irgendwie müssen wir ja zu Potte kommen. Diese 50000, die stehen nun mal im Raum. Und die Einspruchsfristen haben Sie ja alle verstreichen lassen.«

»Was schlagen Sie denn dann vor?«

»Sie haben natür‌lich Ihre Kontoauszüge der letzten Jahre zur Verfügung?«

»Wieso, müsste ich?«

»Sechs Jahre, Herr Harder. Sechs Jahre müssen Sie Ihre Kontoauszüge aufbewahren.«

»Seh ich so aus, als ob ich viel aufhebe?«

»Ich würde diese Angelegenheit nicht auf die leichte Schulter nehmen, Herr Harder. Sie müssen Ihre finanziellen Verhältnisse rekonstruieren und in den Griff kriegen. Wenn ich von Ihnen nicht bald höre, müsste ich eine Durchsuchung durchführen.«

»Was hab ich zu erwarten? Knast?«

Wiglaf‌f packte den Schnellhefter ein und verschloss sorgfältig seinen Aktenkoffer mit den Staatsgeheimnissen. »Vorsatz der fortgesetzten Hinterziehung – Knast nicht gerade, aber eine saftige Geldstrafe schon. An Ihrer Stelle würde ich mir sofort einen Steuerberater...