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Warum schweigen die Lämmer? - Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören

von: Rainer Mausfeld

Westend Verlag, 2019

ISBN: 9783864897658 , 370 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 15,99 EUR

Exemplaranzahl:  Preisstaffel

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Mehr zum Inhalt

Warum schweigen die Lämmer? - Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören


 

Einleitung


Demokratie und Freiheit. Zwei Wörter, die mit unerhörten gesellschaftlichen Versprechen aufgeladen sind und gewaltige Veränderungsenergien zu deren Einlösung freisetzen können. Kaum mehr als ein Schatten ist heute von den mit ihnen ursprünglich verbundenen Hoffnungen geblieben. Was ist passiert? Wohl nie zuvor sind zwei Wörter, an die so leidenschaftliche Hoffnungen geknüpft sind, in gesellschaftlich so folgenschwerer Weise ihrer ursprünglichen Bedeutung entleert, verfälscht, missbraucht und gegen diejenigen gewandt worden, deren Denken und Handeln sie beseelen. Demokratie bedeutet heute in Wirklichkeit eine Wahloligarchie ökonomischer und politischer Eliten, bei der zentrale Bereiche der Gesellschaft, insbesondere die Wirtschaft, grundsätzlich jeder demokratischen Kontrolle und Rechenschaftspflicht entzogen sind; damit liegen zugleich weite Teile der gesellschaftlichen Organisation unseres eigenen Lebens außerhalb der demokratischen Sphäre. Und Freiheit bedeutet heute vor allem die Freiheit der ökonomisch Mächtigen. Mit dieser orwellschen Umdeutung kommt diesen beiden Wörtern nun ein besonderer Platz im endlosen Falschwörterbuch der Geschichte zu. Mit zwei Wortvergiftungen werden unsere zivilisatorischen Hoffnungen auf eine menschenwürdigere Gesellschaft und auf eine Einhegung von Gewaltverhältnissen verwirrt, getrübt, zersetzt und nahezu aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt. Durch den Verlust der mit diesen beiden Begriffen verbundenen zivilisatorischen Träume fällt es uns heute schwer, eine attraktive menschenwürdige Alternative zu den herrschenden Machtverhältnissen politisch zu artikulieren, oder schlimmer noch, überhaupt zu denken.

Wenn wir uns mit diesen Entwicklungen auseinandersetzen wollen, sind wir mit einem grundlegenden, jedoch nicht immer bewussten Spannungsfeld konfrontiert, dem wir nicht entgehen können. Wenn wir durch die Brille unserer eigenen Interessen auf die gesellschaftliche Realität blicken, werden wir ein anderes Bild erhalten und andere Schlussfolgerungen daraus ziehen, als wenn wir versuchen, eine universalisierbare, gleichsam überpersönliche Perspektive einzunehmen, die von dem Bemühen um eine aktive Mitgestaltung unseres Gemeinwesens geleitet ist und sich im Sinne der Aufklärung an Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und des Gemeinsinns orientiert. Über dieses Spannungsfeld müssen wir uns, auch wenn es letztlich wohl unauflöslich ist, im Klaren sein, wenn wir uns über unterschiedliche Perspektiven auf die gesellschaftliche Realität austauschen wollen. Es lohnt daher, zunächst einen Blick auf diese Perspektivengebundenheit unserer gesellschaftlichen Weltsicht zu werfen, weil sich in den folgenden Beiträgen vieles möglicherweise nur schwer mit unseren persönlichen gesellschaftlichen Erfahrungen in Einklang bringen lässt.

Wie wir die Welt erleben, wird zwangsläufig davon bestimmt, wie wir in ihr situiert sind und aus welcher Perspektive wir auf sie blicken. Dies gilt auch und in besonderem Maße für die gesellschaftliche Welt. Wie wir gesellschaftliche Verhältnisse beurteilen, hängt von der Perspektive ab, also von dem Ort – geographisch, historisch, sozial oder geistig –, von dem aus wir die Welt betrachten. Die Spannbreite möglicher Perspektiven auf die gesellschaftliche Welt ist nahezu unbeschränkt groß.

Nun teilen wir zumindest den historischen Ort und in relevanten Aspekten auch weitgehend den geographischen Ort; zudem sorgen unsere Sozialisationsinstanzen dafür, dass wir auch geistige Perspektiven auf die gesellschaftliche Welt teilen. Dies reduziert die Spannbreite möglicher Perspektiven und stiftet Gemeinsamkeiten in unseren Perspektiven auf die gesellschaftliche Welt. Mit sehr grobem Strich ließe sich unser Bild einer mehr oder weniger geteilten gesellschaftlichen Realität vielleicht so zeichnen: Unsere eigene Lebenswirklichkeit wird dadurch bestimmt, dass wir in einer Zeit leben, deren zivilisatorische Qualitäten weit herausragen in einer langen und gewaltreichen Zivilisationsgeschichte. Der Ort, von dem aus wir die Welt betrachten, ist ein Ort, an dem es seit mehr als 70 Jahren weder Krieg noch Hungersnot gibt. Ein Ort, der den meisten einen Lebensstandard ermöglicht, der sehr viel höher ist als der ihrer Eltern und Großeltern. Ein Ort, dessen soziale Ordnung durch einen demokratischen Rechtsstaat bestimmt ist, der also Meinungsfreiheit, Schutz der Bürgerrechte und Achtung der Menschenrechte sichert und der unserem gesellschaftlichen Leben Stabilität und Sicherheit verleiht. Aus einer solchen Perspektive gibt es, bei rechtem Lichte betrachtet, eigentlich Grund genug, mit der Entwicklung unserer Gesellschaft und mit dem, was wir erreicht haben, zufrieden zu sein. Auch aus größerer historischer Perspektive stehen die Dinge für uns eigentlich sehr vorteilhaft. Das kapitalistische Wirtschaftssystem hat breite Bevölkerungsschichten von Hunger und Elend befreit. Allein in den vergangenen 150 Jahren haben industrielle Revolutionen, die Mechanisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft, die technischen Möglichkeiten der Massentierhaltung und die Fortschritte der Biotechnologie, die Globalisierung von Agrar- und Lebensmittelindustrie, die Fortschritte der Medizin, der Pharmatechnologie und der medizinischen Versorgung die allgemeine Lebenserwartung und Lebensqualität in zuvor nicht gekanntem Maße steigen lassen. All diese Errungenschaften haben einen Massenwohlstand und eine Teilhabe am technischen Fortschritt in allen Lebensbereichen, sei es Ernährung, Kommunikation, Mobilität oder Gesundheit, ermöglicht, wovon frühere Generationen nur träumen konnten. Durch die Möglichkeiten, die Massenkonsum und eine unseren privaten Alltag durchdringende Unterhaltungsindustrie bieten, ist es zudem weitgehend gelungen, entfremdete Arbeit erträglicher zu machen und soziale Unruhen einzudämmen. Ebenso vorteilhaft haben sich die Dinge auf der internationalen Ebene der Beziehungen zwischen den Staaten entwickelt. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Vereinten Nationen (UNO) gegründet, um den Frieden in der Welt dauerhaft zu sichern. Dieses Ziel fand seinen Ausdruck in der Charta der Vereinten Nationen und dem darin niedergelegten allgemeinen Gewaltverbot, das jedem Staat einen Angriffskrieg verbietet. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag entstand als Hauptrechtsprechungsorgan der UNO. Völkerrecht und internationales Recht wurden zur Sicherung von Frieden, Demokratie und Menschenrechten weiterentwickelt. Zivilisationsgeschichtlich haben wir also viel erreicht und eigentlich Grund genug, die zivilisatorischen Errungenschaften unserer westlichen Wertegemeinschaft zu feiern. Von allen gesellschaftlichen Organisationsformen, die sich bislang in größerem Maßstab und in stabiler Weise haben realisieren lassen, hat sich aus unserer Perspektive die Verbindung von Kapitalismus und Demokratie trotz aller Probleme anscheinend in besonderer Weise bewährt. Natürlich wissen wir, dass wir ungeachtet aller Fortschritte auch weiterhin in allen Bereichen mit einer überwältigenden Fülle schwerwiegender Probleme konfrontiert sind. Doch angesichts der Tatsache, dass der Mensch nun einmal, in Kants Worten, aus krummem Holze gemacht ist und nichts ganz Gerades daraus gezimmert werden kann, und angesichts der Tatsache, dass auch die Komplexitäten und Sachzwänge der Welt keine perfekten Lösungen erwarten lassen, sind wir weitgehend zuversichtlich, dass technischer Fortschritt und eine verbesserte Effizienz in der Organisation der Gesellschaft und in der Ausgestaltung von Handelsmärkten die uns heute bedrohlich erscheinenden Probleme werden bewältigen lassen.

Offensichtlich leben wir also an bevorzugten Orten und in Zeiten, die man, in großen geschichtlichen Maßstäben gemessen, wohl nur als besonders glücklich bezeichnen kann. Nun werden indes nicht alle bereit sein, in diesen Chor der Selbstbeglückwünschung einzustimmen. Einige, vermutlich die überwiegende Mehrheit der auf diesem Planeten lebenden Menschen, würden, wenn denn überhaupt ein Interesse bestünde, sie zu hören, sicherlich zu Protokoll geben, dass mit diesem »Wir« nicht sie gemeint sein könnten. Das »Wir«, das einer solchen geteilten Perspektive zugrunde liegt, ist es daher wert, genauer betrachtet zu werden.

Aus einer breiteren historischen Perspektive, ebenso wie aus einer an globalen Maßstäben orientierten Perspektive, können wir uns zu den Gewinnern und Nutznießern der gegenwärtigen Weltordnung zählen. Nun neigen zu allen Zeiten die Sieger, die Gewinner und die Nutznießer der jeweiligen gesellschaftlichen Ordnung dazu, nicht nur diese Ordnung gutzuheißen, sondern die Welt insgesamt als im Großen und Ganzen wohlgeordnet anzusehen und den jeweiligen Verlierern selbst die Schuld für ihre Situation zu geben. Auch neigen sie dazu, die Zukunft einer Gesellschaftsordnung, deren Nutznießer sie sind, eher optimistisch zu sehen. Aus der Perspektive der Verlierer und Opfer einer gesellschaftlichen Ordnung sehen die Dinge jedoch ganz anders aus als aus der Perspektive, aus der »Wir« die Dinge betrachten. Ein anderer geographischer oder sozialer Ort, oft nur ein paar Straßenzüge oder aber einen Kontinent entfernt, eine andere Zeit, nur wenige Jahre oder eine...