dummies
 
 

Suchen und Finden

Titel

Autor/Verlag

Inhaltsverzeichnis

Nur ebooks mit Firmenlizenz anzeigen:

 

Serpentinen

von: Bov Bjerg

Ullstein, 2020

ISBN: 9783843722872 , 272 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 18,99 EUR

Exemplaranzahl:


Mehr zum Inhalt

Serpentinen


 

1


Um was geht es?

Er sei ausgewandert, im Jahr 1900. Habe Frau und Kinder im Havelland gelassen und sei einfach fort. Seine Holzpantinen habe man in der Elbe gefunden.

Die Tantenstimme klirrte aus den Dauerwellen. Sie diktierte.

Name, Beruf, Bekenntnis.

Sternchen, Datum, Ort.

Kreuzchen, AMERIKA, Fragezeichen.

Über die Seite schrieb ich: AHNENTAFEL.

Viel später war ich in Hamburg und ging die Passagierlisten durch. In Bremerhaven. Auf Ellis Island. Ich fand den Urgroßvater nicht.

Er war nicht ausgewandert. Er hatte sich einfach das Leben genommen. Wie der Großvater und wie der Vater.

Holzpantinen im Fluss: Beweis, dass einer ausgewandert war. Diese Familie hatte es nicht so mit Wirklichkeit oder Logik. (Was vielleicht gar nicht das Gleiche war.)

Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Pioniere. Ich war noch am Leben. Vor Angst schlief ich ein.

Um was geht es?

Ich rannte los, immer schneller. Das Standbein rutschte weg, ich fiel, ich spürte den Boden am Körper, zog durch und trat mit der Spitze, mit Wucht, gegen den Ball.

Ich erwachte vom Schmerz. Dann ließ der Schmerz nach. Ich hörte den Knall. Dann kam der Schmerz wieder, stärker als vorher.

»Bist du wach?«

Ich öffnete die Augen. Die Wand.

»Hast du gegen die Wand getreten? Warum trittst du gegen die Wand?«

Ich drehte mich um. Große braune Augen. Titelbild eines Elternratgebers. Auf der Stirn die helle Narbe. Er hatte gerade laufen gelernt, da war er losgerannt und hingefallen, mit dem Kopf in die Bierflaschenscherben. Ich hatte nicht gut genug aufgepasst.

Ich streichelte über sein Ohr. So weit waren wir gekommen. Sieben Jahre.

»Was machen wir heute?«

»Mal sehen.«

»Suchen wir Versteinerungen?«

Ich sagte nichts. Ich hasste die Frage.

»Kann ich rausgehen?«

Ich drehte mich wieder zur Wand.

Ich hörte den Jungen rascheln. Das Türschloss klackerte.

Der Schmerz pulsierte in den Zehen, stärker, schwächer, pegelte sich ein.

Ich durfte den Schmerz nicht stören. Ich atmete flacher.

Dass einer irgendwo seine Wurzeln hatte, das Geschwätz kam vom Stammbaum. Jeder Depp ein Wurzelsepp und saugt das Blut aus dem Boden.

Der Vater aus Brandenburg, die Mutter aus Böhmen, ich von der Alb, M. von der Ostsee, der Junge aus Berlin.

Verbinden Sie die Geburtsorte. Betrachten Sie das Bild. Fällt Ihnen etwas dazu ein?

Krickelkrakel.

Und jetzt lassen Sie uns die Generation davor betrachten.

Ach Gott. (Bomben und Trecks. Arbeit. Suche nach Arbeit. Verhungerte Großmütter. Ledige Kinder, Hochzeiten mit steinalten Männern. Bei ledigen Kindern schrieb man das Sternchen in Klammern. Überfälle, keine Räuber. Morde, keine Mörder. Legenden, Lügen, Familienbla.)

Gestern waren wir im Museum gewesen. Vitrinen voller Fossilien, an den Wänden Schieferplatten mit freigelegten Versteinerungen. Alles sehr lehrreich.

Wale waren keine Fische.

Erdnüsse waren keine Nüsse.

Ammoniten keine Schnecken.

Schautafeln mit den Erdzeitaltern: Kreide, Jura, Trias, Perm. Die Schichten gaben den Zeiten die Namen, das hatte ich schon in der Schule nicht verstanden. Feldspat, Quarz und Glimmer, die vergess ich nimmer.

Das Skelett eines Ichthyosaurierweibchens. Im Bauch die Knochen der Embryos.

Eine Wand voller Seelilien, meterhohe Schieferplatten, die Blütenstängel wie eingefroren im Wind.

Ich sagte: »Guck mal, die Pflanzen da, die haben vor ganz langer Zeit gelebt.«

Der Junge sagte: »Seelilien sind keine Pflanzen. Das sind Stachelhäuter. So wie Seeigel.«

Gleich neben dem Museum lag ein Steinbruch. Eine große Tafel an der Straße wies darauf hin mit vermurkster Typografie. Für ein paar Euro bekam man Hammer und Meißel, und dann konnte man selbst Versteinerungen aus den Schieferplatten klopfen. Ammoniten in allen Größen. Ammoniten waren keine Schnecken. Doch es regnete, und ich musste den Jungen vertrösten.

Im Frühstücksraum stand ein kleiner Tisch, eingedeckt mit Tellern, Tassen, Messern. In einem Flaschenhals steckte eine Gerbera, von dunkelgrünem Draht gestützt.

Ich drehte den Griff der Terrassentür und zog sie zur Seite. Die Morgenkälte schlug mir entgegen. Ich trat hinaus und sah auf die rostigen Schienen.

Der Nebel über den Wiesen löste sich bereits auf in der wärmer werdenden Luft.

Unter der Blautanne legte ein Mann den Kopf in den Nacken. Ein Mann im Trachtenjanker. Der Junge stand auf einem Ast, weit oben im Baum. Die Jeans und der Pulli verbargen ihn zwischen den Zweigen, doch die Springseile, mit denen er immer kletterte, leuchteten, aneinandergeknotet, knallrot, knallgelb.

Der Junge unterhielt sich mit dem Mann. Er quatschte mit jedem. Dem Taxifahrer hatte er eine Stunde lang Witze erzählt. Ich hatte sie alle schon mehrmals gehört und wieder vergessen.

Die Blautanne dürfte hier gar nicht stehen, dachte ich, hier waren nicht die Rocky Mountains oder wo die ihre Wurzeln hatte.

Ich winkte den Jungen herunter.

Ich schüttete Müsli aus dem Dispenser in eine kleine Schüssel, streute zur Tarnung Cornflakes darüber und goss Milch darauf.

Die Inhaberin kam aus der Küche und sagte: »Guten Morgen, Herr Höppner!«

Der Junge sah zu mir. Er verstand nicht.

Ich sagte: »Guten Morgen!«

Ich konnte in den Meldeschein schreiben, was ich wollte. Solange man mich für einen Deutschen hielt, wollte niemand meinen Ausweis sehen.

»Kaffee bitte«, sagte ich.

Der Junge sagte: »Kakao.«

Ich runzelte die Stirn.

Er sagte: »Bitte!«

Ich sagte: »Was machen wir heute?«

»Schlangenlinien!«

Wir fuhren dauernd die Serpentinen hoch auf die Alb, der Junge wollte es so.

»Suchen wir heute Versteinerungen?«

Ich hatte es ihm versprochen, doch das Metaphorische daran kotzte mich an.

»Der Steinbruch hat heute zu«, sagte ich. »Morgen vielleicht.«

Wir gingen zum Auto.

Der Junge rief: »Auf den Schienen steht ein Haus!«

Ich sagte: »Hier fährt kein Zug mehr.«

Das Hotel war mal ein Bahnhof gewesen. Hier hatten die Wandertage begonnen. Senkrecht zum Hang, rauf auf den Kornberg und rüber zum Boßler. Lagerfeuer, Bratwurst am Stecken, Veronika ärgern.

Das Auto war immer noch so dreckig, wie ich es am Flughafen bekommen hatte. Ein kleiner BMW mit einem niederländischen Kennzeichen, einem gelben. Ich hatte vor der Heckklappe gestanden, ratlos. Irgendwann hatte der Junge auf das verdreckte Wappen gedrückt, und die Klappe war aufgesprungen.

Ich sagte: »Hast du deine Wanderstiefel dabei?«

»Im Kofferraum. Soll ich dir zeigen, wie der aufgeht?«

Ich fuhr aus dem Ort raus, im Rückspiegel Nebel, hinter dem Nebel der Schatten der Alb.

Ortseingangsschild, Ortsausgangsschild. Wieder Wiesen, dann der Wald, in dem ich die Nacht verbracht hatte, als ich abgehauen war. Der Schlittenbuckel. Die Mülldeponie. Jetzt standen Reihenhäuser darauf.

Ortseingangsschild.

Ich bog ab, Richtung Fußballplatz. Wir rollten am Haus vorbei.

In der Einfahrt stand ein schwarzer VW-Bus, getönte Scheiben. Dicht am Zaun parkte ein kleiner Mercedes. Aus dem Bus hüpften zwei Kinder, vielleicht vier und sechs Jahre alt. Die Sträucher waren dichter und höher, sie waren jetzt so hoch wie das Haus. Man sah nur den Dachfirst. Ich suchte das kleine runde Loch über dem Dachbodenfenster, durch das immer die Vögel rein- und rausgeflogen waren. Ich konnte es nicht erkennen. Vielleicht hatten sie den Dachboden inzwischen ausgebaut.

Der Junge sagte: »Warum fahren wir so langsam?«

Ich sagte: »In dem Haus bin ich auf die Welt gekommen. Siehst du das Fenster? Das mit dem Kürbis oder was das ist? In dem Zimmer.«

Der Schmerz im Fuß wurde stärker. Ich musste den Schuh ausziehen, doch ich konnte nicht einfach anhalten. Wir waren schon viel zu auffällig mit dem ausländischen Nummernschild.

Der Junge sagte: »An was ist der Opa eigentlich gestorben?«

»Du meinst, mein Papa? Oder der von Mama?«

»Na, deiner.«

»Er war krank.«

Der Junge war jetzt so alt wie ich damals.

»Aber was hatte er denn? Krebs?«

Ich fürchtete, er könnte Angst bekommen, dass ich es auch tun würde. Und ich wusste nicht, wie ich ihm die Angst hätte nehmen können, ohne ihn anzulügen.

Der Junge sagte: »Können wir mal Oma besuchen?«

Ich sagte: »Das Heim hat heute zu. Vielleicht morgen.«

»Um was geht es«, sagte der Junge.

Ich sagte: »Es geht um die Serpentinen.«

»Um was geht es«, sagte der Junge.

Ich sagte: »Um die Serpentinen. Es geht darum, sich in die Kurve zu legen.«

»Um was geht es«, sagte der Junge. Er lachte.

»Ser-pen-ti-nen!«, rief ich. »Dass man sich nach links lehnt, dann nach rechts. Dass man Gas gibt bergauf, in der Kurve!«

Er fragte: »Geht es ums Schalten?«

»Nur ums Schalten. Links treten, am Knüppel schalten.«

Ich hakte einen Gang runter:...