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Die Verwandelten - Roman

von: Thomas Brussig

Wallstein Verlag, 2020

ISBN: 9783835344860 , 328 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 15,99 EUR

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Die Verwandelten - Roman


 

 

 

 

III


18. MAI 2024
Doug Winter


Das Leben, dachte Doug Winter, versteht es, die seltsamsten Pointen zu setzen. Du ziehst aus, um zwei Gerippe zu finden – und endest als Gerippe, das selbst erst mal gefunden werden muss. Das mit Ödipus war doch so ähnlich: Da war ein Ermittler, der ein Verbrechen untersuchte und herausfand, dass er es selbst begangen hatte. Aber dieser Vergleich war schief. Hello Delirium, dachte Doug, willst du mir sagen, dass es jetzt ernst wird mit dem Verdursten?

Doug Winter war Gewohnheitssarkastiker, und als solcher ging er mit sich selbst ins Gericht: Wer in menschenleerer Gegend, fernab von Straßen und Wegen, unterwegs ist, wessen Wasserflasche so leer ist wie der Akku seines Smartphones und wer sich dann noch den Knöchel bricht, für den ist Verdursten eine Option. Er hatte in den letzten vierundzwanzig Stunden nicht ein Mal gepinkelt, und er war kaum zweihundert Meter gekrochen, zu einem etwas größeren Moosflecken als der Moosfleck, auf dem er aus der letzten Nacht erwacht war. Saugte er am Moos, ergaunerte er sich etwas Feuchtigkeit; es fühlte sich an wie trinken. Morgens war der Effekt am stärksten. Allerdings rechnete Doug nicht damit, den nächsten Morgen zu erleben. Sollte er noch mal davonkommen, hatte er schon den Titel für seine Autobiographie: Lieber am Moos gesaugt als ins Gras gebissen.

Er hörte es rascheln und sah einen Waschbären. Wahr oder Delirium? Waschbären hatten ihn hierhergeführt, genauer gesagt, die Reziproken.

Innere Stimme befiehlt: Doug Winter, um den Deliriumsverdacht zu entkräften, erklären Sie bitte in drei Sätzen, wie Sie aus dem Starbucks von Tyneside in die gottverlassensten Landstriche der Rocky Mountains geraten konnten.

Die Waschbär-Mania war von Anfang an mein Ding. Der ganze Forschungskram, irre abgefahren! Die Reziprokentheorie – Hammer! Gelingt mir ihr Nachweis, indem ich die Reziproken finde, wäre ich berühmt. Ich, der vielleicht vielseitigste Ausbildungs- und Studienabbrecher, den die Stadt Tyneside je hervorgebracht hat, werde der neue Bear Grylls.

Innere Stimme erwidert: Das waren zwar mehr als drei Sätze, aber egal. Das Gedächtnis arbeiten zu lassen, nehmen wir als Strategie gegen das Delirium. Erzähln Se mal, über das Waschbären-Fieber und die naturwissenschaftliche Seite der Angelegenheit. Sagen Sie was über die Reziprokentheorie, und wie Sie überhaupt auf diesen Moosflecken in den Rocky Mountains, der mutmaßlichen Stätte ihres nahen Todes, gekommen sind.

Mitnichten war die Waschbär-Mania von Anfang an Doug Winters Ding gewesen. Er hatte nie einen Benutzernamen gewählt, der mit Waschbär zu tun hatte, und Menschen, die sich, wie von einem Waschanlagenbetreiber in Tyneside angeboten, in einer Autowaschanlage trauten, waren ihm ein Rätsel – auch wenn er den Slogan »Die einzige Trauung, bei der die Braut hinterher zum Friseur muss« mochte, der war witzig. Ihn hatte immer nur die Frage interessiert: Wie konnte das passieren? Wie konnten sich zwei Menschen in Waschbären verwandeln, unter Beibehaltung ihrer seelischen Identität? Er bevorzugte den Begriff Putensen-Syndrom; die Bezeichnung HPMT, also Human Procyon Metamorphosis Totale, hielt er für irreführend: Wie kann man von einer metamorphosis totale sprechen, wenn Psyche und Identität erhalten blieben? Doug las alles, was ihm über das Putensen-Syndrom in die Finger kam und was das Netz hergab, und bedauerte, dass sich die wenigsten Wissenschaftler zum Putensen-Syndrom äußerten. Viele verbarrikadierten sich hinter ihrer Skepsis; sie vermuteten eine Mischung aus Betrug, Wahn, ungenauer Beobachtung, Sinnestäuschung und Ähnlichem.

Die seriöse Wissenschaft forschte anscheinend unbeeindruckt weiter an Medikamenten, Werkstoffen, Energiespeichern, Therapien – obwohl die Existenz der Hybriden die Naturwissenschaften in ihrem Wesenskern erschütterte. Der einzige universitätsbestallte Astrophysiker, der etwas zu den Hybriden beisteuerte, war ein französischer Wissenschaftler namens Antoine Luger. Seinen Berechnungen zufolge war die Verwandlung ein reversibler, also umkehrbarer Vorgang. Doch diese an sich sensationelle Meldung blieb ohne Echo, ohne Folgen. Erst nach Monaten begriff Doug, weshalb nach der Schlagzeile »Französischer Wissenschaftler hält Verwandlung für umkehrbar!« nichts mehr in der Presse stand: Lugers Rechnereien waren auch der Fachwelt zu hoch. Öffentliche Fürsprache hatte er einzig von seiner ehemaligen Grundschullehrerin erhalten, die erklärte, dass ihr Antoine recht habe, weil er ein Genie sei; sie habe niemals einen Schüler gehabt, der so toll rechnen konnte.

Solange der seriösen Wissenschaft nichts einfiel, gaben Parawissenschaftler, Chemtrailer, Ufologen und Impfgegner den Ton an. Ein Paradebeispiel war die Interpretation der »Zeitparadoxie« auf dem Überwachungsvideo der Waschanlage. Die Aufnahmen zeigten, dass es für je eine fünfundzwanzigstel Sekunde erst keine Fibi und dann keinen Aram gab, weder als Menschen noch als Waschbären. Was noch gespenstischer war: Zwei Bilder schienen »verschwunden« zu sein; in der Aufnahmezeit hätten zwei Bilder mehr aufgenommen werden müssen, als aufgenommen worden waren. Radiotechniker nahmen sich die gesamte Überwachungsanlage der Araltankstelle in Seenot vor, erzeugten Millionen von Prüfsignalen – und konnten keinen Fehler in der Anlage finden. Ein deutscher Wissenschaftsjournalist fasste zusammen, dass es im Augenblick der Verwandlung gleich drei Paradoxien gab: erstens, es gab für eine fünfundzwanzigstel Sekunde keine Fibi; zweitens, es gab für eine fünfundzwanzigstel Sekunde keinen Aram; drittens, es gab für eine fünfundzwanzigstel Sekunde kein Bild. Ein US-Esoteriker machte daraus Es gab für eine fünfundzwanzigstel Sekunde keine Welt, und Doug wusste sofort, dass diese Formel neunundneunzig Prozent der Menschen aber so was von einleuchtete. Denn der Irrsinn dieser Erklärung passte zu dem ganzen Verwandlungs-Irrsinn, der mit immer neuen pseudowissenschaftlichen Erklärungen garniert wurde. Den Parawissenschaftlern gefiel die Vorstellung zweier »Zeitplatten«, welche sich seit dem Urknall ausbreiten, nur um eine Winzigkeit versetzt – und wenn diese Platten »zusammenstoßen«, kommt es zu einem »Zeitbeben«, das in Seenot das erste und bislang einzige Mal beobachtet wurde. Die seriösen Wissenschaftler hingegen befragten jegliche Atomuhren zwischen Sydney und Vancouver, und siehe da: Ein »Zeitbeben« hatte es nicht gegeben, weder am 13. August 2023 noch an einem anderen Tag, und »Zeitplatten« wurden auch nicht beobachtet. Auch keine »Zeitspalten«, die ein russischer »Forscher« ins Spiel brachte, der eine »große Theorie« schmiedete, die Schneemensch, Nessie, Kornkreise und Bermuda-Dreieck unter einem Dach vereinte.

Manuel Bastinda, ein spanischer Exzentriker, der in seinem Leben schon Komiker, Politiker, Museumsdirektor war und während der Waschbär-Mania eine Wissenschafts-Boulevardsendung moderierte (er hatte drei Semester Physik in Cambridge in seinem Lebenslauf zu stehen, also der Stephen-Hawking-Uni), brachte eine weitere Hypothese in Umlauf. Er stellte den Umstand, dass die »fehlende Zeit« auf der Überwachungskamera exakt der Dauer des Urknalls entsprach, an den Anfang seiner Überlegung – und folgerte, dass es in der Waschanlage den Urknall eines weiteren Universums gegeben haben muss, welches sogleich in eine »Parallelität« »entwischt« sei. Dank ihrer Bildhaftigkeit war der Erfolg auch dieser vollkommen irren Theorie vorprogrammiert. Bastinda behauptete, dass sich die anfängliche Gesamtmasse des neu gegründeten Universums nur auf Fibis und Arams menschliche Körpermasse, abzüglich der Körpermassen der Waschbären, belief. Das neue Universum würde aber kontinuierlich an Masse gewinnen, da die Massen, die in Schwarzen Löchern verschwinden, in Wahrheit in jenes gerade gegründete Universum fließen. Dass es Schwarze Löcher schon vor dem von ihm proklamierten »Urknall in Seenot« gab, konnte Bastinda mühelos in seine Theorie integrieren: Natürlich hat es auch schon in der Vergangenheit Urknalle gegeben, nur eben nicht auf der Erde oder nicht unter Beteiligung von Menschen, und die daraus hervorgegangenen Universen ernährten sich von den früheren Schwarzen Löchern. – Kein seriöser Astrophysiker machte diese Überlegungen mit. Doch in der spanischsprachigen Welt wurde die Theorie sehr populär. Als eine Online-Petition, die den Nobelpreis für Bastinda forderte, über eineinhalb Millionen Unterzeichner hatte, beleuchteten professionelle Rechercheure den Lebenslauf des »Neuer-Urknall-Theorie«-Urhebers. Dabei kam heraus, dass die drei Semester Physikstudium in Cambridge eine Erfindung waren: In Wahrheit war Manuel Bastinda dort nur Fahrradbote gewesen.

Auch wenn Doug Winter realistisch einschätzte, keine Ahnung von Astrophysik zu haben, verfügte er doch über Antennen für Humbug, die ihn davor bewahrten, jeden Quatsch zu glauben. »Kurzzeitige Weltabwesenheit«, »Zeitplatten«, »Zeitspalten«, »neuer Urknall« – das hatte mit Wissenschaft nichts zu tun, das waren erkennbar Eitelkeiten von Wichtigtuern.

Doch Beiträge der seriösen Wissenschaft waren rar. Da gab es die »DNA-Paradoxie«, die noch auf die Untersuchung am Greifswalder Universitätsklinikum durch Dr. Sören Putensen zurückging. Es war bekannt, dass in Deutschland zwei Waschbären-Populationen siedelten, die »Ausgesetzten« und...