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Im Bann des Feuers - Die Drachen-Tempel-Saga 2 - Roman

von: Janine Cross

Heyne, 2009

ISBN: 9783641024475 , 480 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 7,99 EUR

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Im Bann des Feuers - Die Drachen-Tempel-Saga 2 - Roman


 

1
Der gewaltige Aasvogel sank rasend schnell vom Himmel herab und warf seinen kühlen Schatten rasch über die ganze Straße der Geißelung.
Die Zuschauer, die mich noch vor wenigen Augenblicken hatten steinigen wollen, hielten einen Herzschlag lang inne, bis ihnen zu Bewusstsein kam, was sie da sahen: Eine Kreatur aus der Legende stürzte sich auf sie, mit einer Flügelspannweite von fast siebzehn Metern, den Rachen mit den rasiermesserscharfen Zähnen aufgerissen und die säbelartigen Krallen ausgestreckt, der riesige Körper von einem blauen Schimmer umhüllt.
Sie starrten auf einen Himmelswächter, ein Wesen, das als Wächter des Himmlischen Reiches Gewalt über Leben und Tod sowohl der sterblichen Menschen als auch der göttlichen Drachen hatte.
Eine Kreatur, die, und das wussten sie nicht, der Geist meiner Mutter war. Sie würde nicht zulassen, dass sie mich steinigten, nur weil ich die Kühnheit besaß, als Novizin in die Lehre des Drachenmeisters zu gehen. Oh nein. Ihr Geist wollte, dass ich lebte, damit ich so ihren eigenen, wahnsinnigen Zwecken dienen konnte.
Der Himmelswächter krächzte; sein Schrei ließ sowohl die Herzen der Menschen als auch die Bretter der nahegelegenen Stallungen erzittern. Die Zuschauer gingen in Deckung, ausnahmslos, kreischend vor Angst.
Ich saß derweil auf dem Rücken eines Drachen auf der Straße der Geißelung, auf der Kreatur gehalten von Waikar Re Kratt, dem Ersten Sohn des Kriegerfürsten von Brut Re. Aus mir bislang unbekannten Gründen war Kratt mitten in den Steinhagel hineingeritten und hatte mich auf sein Reittier gezerrt. Als der Himmelswächter jetzt krächzte, antwortete der Brutdrachen, auf dem wir ritten, mit einem lauten Trompeten und bäumte sich auf; ohne Sattel, an dem ich mich hätte festklammern können, landete ich mit einem harten Rumms auf dem Boden. Die scharfen Krallen des Drachen zischten dicht über mir durch die Luft; die spitzen Steine, die den Boden bedeckten, bohrten sich schmerzhaft in meine nackten Pobacken und meine Beine. Ich wich auf allen vieren vor dem Drachen zurück.
Der Himmelswächter schoss mit erschreckender Geschwindigkeit auf uns herab. Knapp fünf Meter über dem Erdboden fing er seinen Sturz ab und fegte über die Straße; er wirbelte Staub auf und hinterließ den stechenden Gestank von Aas, während die Luft plötzlich unnatürlich kalt wurde.
Die Drachen der Parade, die an die mit Satin und Silberschmuck hergerichteten Karren geschirrt waren, trompeteten ebenfalls und versuchten zu fliehen. Krallen blitzten wie frisch gehämmerter Stahl, und fast transparent wirkende Kinnlappen schimmerten milchig in der Sonne, als die Drachen sich aufbäumten und gegen ihr Geschirr kämpften. Kutschen überschlugen sich, verkeilten sich ineinander und schleuderten kreischende Bayen-Frauen und ihre Kinder in den Staub der Straße.
Mit einem mächtigen Schlag seiner gewaltigen, bebenden Schwingen schwang sich der leuchtende Himmelswächter von der Straße in den Himmel empor. Er kreischte noch einmal laut auf, es war ein peinigender, ohrenbetäubender Laut, und flog dann mit rauschenden Schwingen auf eine einsame Wolke zu, die hoch oben an dem grellen, blauen Himmel schwebte.
Meine Mutter ließ mich wieder im Stich.
Trauer überwältigte mich, als ich zusah, wie der Himmelswächter sich zu einer zirkonfarbenen Murmel verkleinerte und schließlich in der Wolke verschwand.
Der Brutdrache, auf dem ich gesessen hatte, bockte, schlug die Krallen in den Boden, schnaubte, verdrehte die Augen, und aus seinem Mund flog nach Drachengift duftender Schaum. Waikar Re Kratt hatte alle Hände voll zu tun, den Drachen zu zügeln und sich im Sattel zu halten. Sein schwarzblauer Seidenumhang leuchtete hinter ihm auf wie die Schwingen eines gigantischen, aufgeregten Raben.
Ich krabbelte noch weiter von seinem panischen Reittier weg und sah mich ungläubig um.
Die Menge war verschwunden. Die Schüler des Drachenmeisters, Mönche, Zuschauer sowie die anwesenden Ersten Heiligen Hüter – sie alle waren in Deckung gegangen. Mutter, soll heißen der Himmelswächter, hatte mir das Leben gerettet.
»Hoch mit dir, Mädchen.«
Mein Blick zuckte zu dem geröteten Gesicht des Drachenmeisters von Brut Re. Im Unterschied zu den anderen war er nicht vor dem Himmelswächter geflohen, oh nein. Er war mitten auf der Straße der Geißelung stehen geblieben. Als er jetzt auf mich zuschritt, seine grüngefleckte braune Haut im Sonnenlicht glänzte und der kurze Glasknebel am Ende seines Kinnbartes im Takt seiner Schritte hin und her schwang, grinste er wie ein Schwachsinniger, als hätte ihm das Auftauchen dieser Kreatur unbändige Freude bereitet. Sein Blick streifte Waikar Re Kratt, der immer noch mit seiner Bestie kämpfte, bevor er ihn erneut auf mich richtete.
»Steh auf!«
Ich rappelte mich hoch, meine Beine fühlten sich wacklig an, mein flacher Atem kalt. Ich suchte meine Tunika, die ich auf Geheiß des Drachenmeisters hatte abstreifen müssen, damit ich durch das Ritual der Geißelung in seine Lehre aufgenommen wurde. Genau das hatte die Menge zu ihrer mörderischen Wut angestachelt: Meine Nacktheit, die mein weibliches Geschlecht enthüllte.
Das Gewand war nirgendwo zu sehen.
»Tritt rüber an die Schranke!«, blaffte der Drachenmeister.
Ich glotzte ihn an.
Er wollte mich auspeitschen, die alljährliche Zeremonie des Mombe Taro fortsetzen, ob mit oder ohne Prunk und Ritual. Er hatte immer noch vor, mich in seine Lehre aufzunehmen.
Furcht und Triumph hielten sich in meinem Herzen die Waage.
Es war noch nicht zu spät, umzukehren und zu fliehen. Schließlich wurden niemals Frauen als Novizen in die Lehre eines Drachenmeisters aufgenommen, und da ich eine Frau von siebzehn Jahren war, würde ich eine jahrhundertealte Tradition brechen, wenn ich es wagte, als Schülerin in die Lehre des Drachenmeisters von Brut Re einzutreten.
Floh ich jedoch, würde ich nie wieder dieser wundervoll berauschenden Erfahrung teilhaftig, die das Drachengift einem bereitete, würde nie wieder seinen Geschmack nach Süßholz und Limone kosten; würde nie wieder die Chance bekommen, mich einem Drachen hinzugeben und sein göttliches Drachenlied in meinem Hirn zu hören.
Selbstverständlich würde ich nicht weglaufen.
Mein Mund war so trocken, dass ich nicht einmal schlucken konnte, als ich zitternd zur Peitschenschranke ging. Ich war mir meiner Nacktheit sehr deutlich bewusst und fühlte mich sehr verletzlich. Meine nackten Füße wirbelten den roten Staub der Straße auf, der für meine Geburts-Brutstätte so charakteristisch war. Er war warm, dieser Staub, fein wie Puder und auf meiner Haut fast wie eine Liebkosung. Ich stellte mir vor, vollkommen davon eingehüllt zu sein.
Hinter mir hörte ich den Wortwechsel zwischen Waikar Re Kratt und dem Drachenmeister.
Eine ungeheuerliche Erkenntnis überkam mich: Der Brauch schrieb vor, dass der Novize eines Drachenmeisters nicht von ihm selbst als Novize eingeführt oder bestätigt werden konnte, sondern dass das Ritual der Geißelung von jemand anderem ausgeführt werden musste. Also würde Kratt die Aufgabe zufallen, mich auszupeitschen.
Mir wurde schlecht, ich strauchelte und wäre gestürzt, wäre da nicht die Peitschenschranke gewesen, die hüfthoch die Straße der Geißelung der Länge nach teilte. Ich umklammerte das glatte Holz der Schranke und zwang mich, langsam ein- und auszuatmen.
Das Holz der Peitschenschranke schimmerte wie goldener Wildhonig, und sie war glitschig vom geweihten Öl, das an einigen Stellen von rotem Staub überzogen war. Sie war in Form eines gewundenen, unmöglich langen Drachen geschnitzt, und zwischen den hölzernen Schuppen der Schranke hervor starrten mich verzerrte, menschliche Gesichter lüstern an. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Kratt zu einem etwas weiter entfernten Abschnitt der Schranke ritt und sein schweißgebadetes, erschöpftes Tier dort festband.
Jetzt würde ich bekommen, wonach ich mich am meisten sehnte.
Gift.
Aber dieses Gift würde mir mittels einer Peitsche verabreicht werden, die zudem jemand schwang, den zu töten ich geschworen hatte, jemand, den ich hasste und fürchtete, der meinen Vater ermordet, meine Mutter in den Abgrund des Wahnsinns gestürzt und mir so meine Kindheit genommen hatte.
»Mo Fa Cinai, wabaten ris balu«, murmelte ich. Reinster Drache, werde zu meiner Kraft.
Ich schloss die Augen.
Die Drachen, die sich in den Trümmern der Karren und Kutschen am Ende der Straße verheddert hatten, brüllten vor Furcht und Schmerz. Ich hörte das Splittern von Holz, das Klirren von Ketten; der Gestank von heißem, ranzigem Öl drang mir in die Nase, der Geruch eines erregten Drachen. Frauen und Kinder weinten. Etwas weiter entfernt heulte ein Rudel wilder Hunde; ihr langgezogenes Jaulen und Kläffen wirkte irgendwie unheimlich.
Dann hörte ich Schritte, die sich mir von hinten näherten. Gemessene, leise Schritte, ohne Hast.
Mein Puls schlug schneller.
Die Schritte verstummten.
Ich hörte ein raues Schaben von Leder: Eine Peitsche, die ausgerollt wurde.
Meine Finger packten die Schranke fester, und ich konnte nicht mehr richtig atmen. Ich begann zu keuchen. Mein nackter Rücken und meine Pobacken kribbelten vor furchtsamer Erwartung; ich fühlte, wie sich meine Muskeln immer stärker verkrampften.
Das Warten zog sich hin, scheinbar endlos.
Mo Fa Cinai, wabaten ris balu, wiederholte ich mein Mantra. Mo Fa Cinai, wabaten ris balu.
...