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berufsbildung Heft 185, Oktober 2020: Bildungspersonal in der Coronakrise - Zeitschrift für Theorie-Praxis-Dialog

berufsbildung Heft 185, Oktober 2020: Bildungspersonal in der Coronakrise - Zeitschrift für Theorie-Praxis-Dialog

von: Marianne Friese und Josef Rützel

berufsbildung - Eusl Verlag, 2020

ISBN: E052021991944 , 51 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX,Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Windows PC,Mac OSX,Linux

Preis: 15,99 EUR

Exemplaranzahl:  Preisstaffel

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berufsbildung Heft 185, Oktober 2020: Bildungspersonal in der Coronakrise - Zeitschrift für Theorie-Praxis-Dialog


 

Coronakrise als Katalysator für die Weiterentwicklung der Berufsbildung

Die Auswirkungen der immer noch andauernden Pandemie auf alle Lebensbereiche sind erheblich. Davon sind selbstverständlich auch das Bildungssystem insgesamt sowie die Berufsbildung im Besonderen betroffen. Dies zeigt sich zunächst rein quantitativ. Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt, vor allem in der Dualen Berufsausbildung, sind zwar durch eine Vielzahl von Prozessen beeinflusst; die Coronakrise führt aber schon in diesem Jahr zu einem wohl deutlichen Rückgang bei den Neueintritten v. a. in das Duale System. Der demografische Wandel hat bereits seit Jahren eine kontinuierliche Abnahme der Zahl an Schulabgänger_ innen zur Folge. Diese haben zu immer größeren Anteilen eine Hochschulzugangsberechtigung und setzen sie auch ein. Die Studierneigung bleibt daher im Wesentlichen konstant auf hohem Niveau und verringert die Nachfrage nach dualer Ausbildung. Zugleich sinkt die Ausbildungsquote auf Seiten der Unternehmen ebenfalls seit Jahren. Sei es, weil sie die sinkende Nachfrage antizipieren, duale Studiengänge als attraktive Alternative ausbauen oder die wirtschaftliche Entwicklung es erforderlich macht. Gerade Letztgenannte wird nun durch die Coronakrise deutlich abgeschwächt. Die Berechnungen und Prognosen schwanken zwischen einer auf das Jahr 2020 bezogenen Veränderung von minus 2,8 % (Basisprognose des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Gesamtwirtschaftlichen Entwicklung) bis zu minus 7 % für das BIP in der Prognose des IWF. Entsprechend verzeichnet der DIHK aktuell einen Rückgang bei den abgeschlossenen Ausbildungsverträgen in seinem Bereich von etwa 7 %.

Dabei ist optimistischerweise noch zu sehen, dass viele Berufsorientierungsmaßnahmen, Vorstellungs- und Einstellungsprozesse pandemiebedingt lediglich verzögert sind und im Zuge der Nachvermittlung sowie der Ausbildungsprämie der Bundesregierung in diesem Herbst noch viele Lücken geschlossen werden könnten. Der krisenbedingte Rückgang des Ausbildungsangebotes ist jedoch insgesamt erwartbar und hoch. Aber im Unterschied zur letzten vergleichbar massiven Wirtschaftskrise in den Jahren nach 2008 fällt er deutlich geringer aus. Dies konnte in einer Prognose des BiBB unlängst unter Annahme unterschiedlicher Szenarien belegt werden. Dabei verstärken sich die bisherigen erheblichen branchen- und zielgruppenspezifischen Unterschiede weiter zu Lasten von KMU, dem Hotel- und Gastronomiegewerbe und für Jugendliche ohne oder mit schwachen Schulabschlüssen.

Aber hinsichtlich der Qualität beruflicher Bildung scheint die Coronakrise durchaus positiv zu wertende katalytische Wirkungen auf die Gestaltung von Lehr-Lernprozessen und die Kooperation der vielfältigen Lernorte zu haben.

Als Katalysator wird in der Chemie allgemein ein Stoff bezeichnet, der die Geschwindigkeit einer Reaktion erhöht, indem die Aktivierungsenergie gesenkt wird. Katalysatoren ermöglichen also keine neuartigen Reaktionen oder Produkte, sondern beschleunigen Entwicklungen, die unumgänglich auch ohne sie ablaufen.

Dies trifft im übertragenden Sinne ganz sicher auf die digitale Unterstützung von beruflichen Lehr-Lernprozessen bis hin zu vollständig online ausgebrachten Unterrichten zu. Denn die wesentliche und offensichtlichste Auswirkung der Coronakrise an allen drei Lernorten der Berufsbildung besteht in der schnellen, z. T. improvisierten, in vielen Bereichen aber auch gelungenen und nachhaltigen, Implementierung digital unterstützter oder auch vollständig digitalisierter Lernformate.

Auch wenn die Ergebnisse systematischer Studien zur Mediennutzung und -gestaltung im Kontext der Coronakrise noch ausstehen, kann auf Basis einer Vielzahl von Einzelberichten darauf geschlossen werden, dass sich die Akzeptanz und die Nutzung digitaler Technologien nolens volens deutlich verbreitert haben. Für viele Akteur_innen wurde insofern gewissermaßen die Aktivierungsenergie gesenkt, da sie sich nun gleichzeitig mit ihren Kolleg_innen mit diesen Technologien ganz praktisch auseinandersetzen mussten, eigene Erfahrungen sammelten, sich austauschten und zunehmend Kompetenzen aufbauten. Da dieser Prozess für alle erkennbar überraschend schnell zu absolvieren war, konnte dabei durchaus auch auf eine gewisse Fehlertoleranz und Nachsichtigkeit gesetzt werden, was die Einstiegshürde (Aktivierungsenergie) weiter abgesenkt haben dürfte. Zumindest eine gewisse katalytische Wirkung scheint die Pandemie nicht zuletzt auf die Kooperationsbereitschaft der Berufsbildungsakteure auf der Mikro- und Mesoebene zu haben.

Zunächst waren Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen im Frühjahr sehr unterschiedlich von den Maßnahmen der Behörden betroffen. Während die Berufsschulen für einen längeren Zeitraum ihre Tore schließen und die Theorieunterrichte ad hoc digitalisieren mussten, standen Ausbildungsunternehmen vor der Aufgabe, ihren Ausbildungsalltag auf Homeoffice-Lösungen umzustellen, im Idealfall durch Ausbilder_innen unterstützt, sowie Einsatzpläne zu reorganisieren, um das Bearbeiten von Ausbildungsaufgaben sowie ggf. eigentlich berufsschulischer Lerninhalte im Unternehmen zu ermöglichen. Die Ausbildungsinhalte mit allen vor- und nachgelagerten Bereichen innerhalb digitalisierter Lehr-Lernprozesse fachlich zu durchdringen und in ihrer bildenden sowie qualifizierenden Wirkung einschätzen zu können, wird dabei immer weniger von lediglich einem Lernort leistbar sein. Auch mit Blick auf die Organisation von Ausbildung scheint die gemeinsame Nutzung von Lernplattformen oder auch von Online-Berichtsheften dringlicher eingefordert und auch umgesetzt zu werden.

Durch die innerbetriebliche bzw. innerschulische (im Idealfall sogar lernortkooperative) gemeinsame Entwicklung und Erprobung von digitalen Konzepten hat sich krisenbedingt eine beschleunigte non-formale Qualifizierung des Bildungspersonals ergeben. Die Umsetzung der methodisch-didaktischen Anforderungen geht allerdings mit hohen Aufwänden und Belastungen des Bildungspersonals einher. Ein guter Kandidat für die nächste Wahl zum „Unwort des Jahres“ ist sicherlich der Euphemismus der „neuen Normalität“. Insbesondere dort, wo er als politisches Schlagwort eine deutlich krisenhafte und somit temporäre Situation lediglich nutzt, um besondere, unübliche und z. T. massive Einflussnahmen zu verstetigen, dient er dazu, interessengeleitetes Handeln zu verschleiern. Die Verwendung des Begriffs unterstellt eine paradigmatische Veränderung im (berufs-)alltäglichen Leben im Vergleich zur Vorkrisenzeit, gewissermaßen eine disruptive Entwicklung mit all ihren Kontinuitätsbrüchen. Gerade hinsichtlich der „Digitalisierung“ von Lehr-Lernprozessen ist es aber womöglich sinnvoll anzunehmen, dass die krisenbedingte Beschleunigung der didaktischen Weiterentwicklung in der Berufsbildung in eine – positiv verstandene – „neue Normalität“ führt.

Da an beiden Lernorten – sehr allgemein und zugespitzt formuliert – bisher zu wenig Freiraum für das Ausprobieren und die Neugestaltung von (digitalisierten) Lernprozessen zur Verfügung stand, hat hier die Coronakrise wenn schon nicht zeitliche, so doch organisatorische und mentale Freiräume geschaffen. Ohne die Beibehaltung dieser Freiräume wird der Wandel hin zu einer veränderten Lernkultur als „neuer Normalität“ allerdings nicht möglich sein. Zur Eigenschaft des Katalysators gehört übrigens auch, dass er in der durch ihn beschleunigten Reaktion nicht selbst verbraucht wird. Diesen Aspekt der Metapher kann man sich im übertragenden Sinn natürlich nicht wünschen. Wohl aber die Verstetigung der aktuellen Innovationsbereitschaft des Berufsbildungspersonals und dessen Unterstützung durch die institutionellen Akteure auf allen Ebenen.

Prof. Dr. Uwe Faßhauer
Professor für Berufspädagogik
Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd