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Vergeltung (S. 99-100)
Der Wind hatte stark aufgefrischt und blies mit starken Böen aus Nordost. Tarun half ihnen zusammen mit Paurim beim Einladen. Er war zutiefst besorgt über den unerwarteten Aufbruch. Vergeblich hatte er versucht, seine Tochter und ihre Gefährten zum Bleiben zu überreden, aber angesichts der Lage mußte er einsehen, daß es nicht möglich war. Er wäre schon froh gewesen, wenn er wenigstens die Meinung seiner Tochter hätte ändern können! Aber sie bestand darauf, die Sache gemeinsam mit Aurin durchzustehen. Dafür bewunderte er sie. Er bewunderte ihren Mut und die Kraft, die sie mit ihren Freunden verband. Dennoch war es für alle sehr gefährlich, das Training abzubrechen und mit einem unzureichenden Halbwissen ihren Weg fortzusetzen.
„Ich bin hierher gekommen, weil ich gehofft hatte, du könntest mir etwas über Noita erzählen, was bei ihrer Bekämpfung hilfreich wäre. Stattdessen hast du versucht, uns zu zeigen, wie wir uns mit Gewalt wehren können. Ich will ehrlich zu dir sein: ich habe nicht gefunden, wonach ich gesucht habe", verabschiedete Jax sich von ihrem Vater.
Tarun nahm seine Tochter in den Arm. „Jax, dessen bin ich mir bewußt. Mein einziger Trost ist, daß wir niemals auf alle Herausforderungen, die das Leben uns entgegenwirft, vorbereitet sein können ... und sie dennoch bestehen. Sei dir stets deiner Verantwortung bewußt. Du bist die Große Hüterin des Lichts, du kannst dieser Welt die Sonne wiederbringen."
„Ich fürchte, ich bin dieser Aufgabe nicht gewachsen, Vater", gab Jax kleinlaut zu. „So gerne würde ich dich auf deinem Weg begleiten, mein Kind. Aber dieser Pfad ist nur dir bestimmt. Mein Platz ist hier auf dieser Insel. Ich habe großes Vertrauen in dich, Jax."
Ein starker Windstoß erfaßte die Gruppe auf dem Steg, das kleine Fischerboot tanzte wie wild auf den Wellen. Ein lautes Rascheln und Tosen untermalte das Geräusch des Wassers. Über den Hügeln der Insel stieg eine braune Wolke empor, die wenig später auf sie niederging: Blätter. Es war das Laub der Bäume, das vom Wind verweht wurde. Die Baumkronen der meisten Bäume waren mit einem Male leergefegt.
„Jetzt ist nicht die Jahreszeit für fallendes Laub. Unsere Welt stirbt, Jax! Jetzt geht es nur noch darum, Noita zu besiegen oder von ihr besiegt zu werden. Du hast keine Wahl, dies ist deine Aufgabe", sprach Tarun eindringlich.
Ihr blieb nichts anderes übrig, als seine Worte zu akzeptieren. Sie umarmten sich ein letztes Mal, dann ging es hinaus auf das Große Wasser. Kaum hatte das Boot die schützende Bucht verlassen, wurde es von der rauhen See gepackt. Aber der Wind stand günstig, er würde sie schnell voranbringen; wenn alles gut ging, sogar schneller als erwartet.
Sie waren gerade eine Stunde unterwegs, als Jax aufstand, um sich etwas zu trinken zu holen. Dabei stieß sie mit dem rechten Fuß gegen eine schwere Tasche. Der metallische Klang verriet ihr sofort, was darin war. Sie hätte die Tasche nicht öffnen müssen, um zu sagen, was sie zu Gesicht bekommen würde, tat es aber trotzdem. Vor ihr lagen vier der Y-Schwerter, die Tarun gefertigt hatte. „Was soll das, Melan? Ist das dein Teil der Abmachung?" fauchte sie zornig.
„Melan trifft keine Schuld. Ich habe sie mitgenommen", rief Aurin ihr über das Flattern des Segels entgegen. „Wieso? Was hast du vor?"
„Es spielt keine Rolle, Jax. Wir werden kämpfen müssen, finde dich damit ab. Wenn wir schon kämpfen, können wir das auch mit Schwertern tun, die uns einen Vorteil verschaffen." „Das habt ihr euch ja schön ausgedacht", rief Jax zurück. Zornig drehte sie um und ging an den Bug. Dort setzte sie sich und fing an, auf den Horizont zu starren, während sie gedankenverloren mit Jaras Amulett spielte.
Der Bruch zwischen ihr und den anderen wurde immer größer. Warum wollte keiner von ihnen einsehen, daß es eine andere Lösung geben mußte? Keiner von ihnen wußte, was es bedeutete, das Leben eines anderen auf dem Gewissen zu haben. War das der Unterschied? Mußte jeder von ihnen erst selbst diese Erfahrung machen, bevor sie einander verstanden? Was würde geschehen, wenn einer von ihnen getötet wurde? Daran wollte sie nicht denken. Plötzlich fühlte sie sich wie Melan in jener Nacht, als er sie verzweifelt angeschrien hatte. Es gab Dinge, die sie einfach nicht tun konnte, daran war nichts zu ändern. Sie wollte die Spirale der Gewalt durchbrechen, und das war nur möglich, indem sie Gewalt nicht mit Gewalt beantwortete, sondern eine andere Lösung fand. Wie diese aussehen sollte, wußte sie allerdings noch immer nicht. „Was hättest du getan, Mutter?" begann sie ein verzweifeltes, stilles Selbstgespräch. Sie hatte allen Grund, Noita zu hassen, doch sie tat es nicht; etwas in ihr hinderte sie daran. Sie hatte Menschen aus verschiedensten Gründen ihrem Zorn nachgeben gesehen. Oft scheinbar unbegründet, ergab ein Wort das andere, sogar während mancher Ratssitzung war das so. Aber bei gründlicher Überlegung hatten immer die Argumente und nicht der vorübergehende Wahnsinn, der sich Zorn nannte, gesiegt. Noita wollte die Menschen provozieren, was ihr auch hervorragend gelang. Aber was steckte hinter dieser Provokation? War sie ein versteckter Hilfeschrei? Der Schrei einer Frau, die von ihren Eltern nie gelernt hatte, was Liebe ist? Der Schrei eines ganzen Volkes, das neidisch auf seine Nachbarinnen war? Sie konnten diesen Krieg nur gewinnen, wenn sie die Probleme bei ihren Ursachen packten!
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