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Warum gesengte Säue rasen und der Strohsack heilig ist - Sprichwörter, Redensarten - und was dahinter steckt

von: Birgit Weidinger

Süddeutsche Zeitung, 2012

ISBN: 9783864970405 , 180 Seiten

Format: PDF, ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 7,99 EUR

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Warum gesengte Säue rasen und der Strohsack heilig ist - Sprichwörter, Redensarten - und was dahinter steckt


 

Er kann nicht anders

Herr Robert Bader aus Augsburg wüsste gern, warum der Teufel in der Not Fliegen frisst


Sehr geehrter Herr Bader,
Sie haben natürlich recht: Warum sollte der Teufel, dem es wegen seines privilegierten Arbeitsplatzes nicht schwerfallen sollte, wenigstens einmal am Tag warm zu essen, warum sollte ausgerechnet der Teufel sich mit ein paar Fliegen begnügen? Und weiter: Warum sollte der Teufel Not leiden, wenn die Zahl der Sünder doch keineswegs kleiner wird mit den Jahren? Die Antwort auf diese letzten Fragen besteht in einem einzigen Satz: Der Teufel ist auch nur ein Mensch. Er hungert, es dürstet ihn, er fühlt wie du und ich den Schmerz, er ist eifersüchtig, jähzornig, maßlos, kleinlich, verschlagen, einfach alles.

Mag schon sein, dass jetzt die Herren Theologen kommen und uns verwirren mit der Geschichte vom gefallenen Engel, der den Anblick des Allmächtigen nicht mehr ertragen wollte und aus Trotz den unbedingten Widerpart machte und damit das Prinzip des Bösen in der Welt etablierte. Alles richtig, doch führt es hier nicht weiter. Der Teufel gilt als Herr der Fliegen, jedenfalls schmähten die Juden den Gott der zuzeiten übermächtigen Babylonier so, nannten ihn einen Fliegengott, der sich von allerlei Geschmeiß anbeten ließ. Dass er seine Fliegen auch gefressen hätte, ist nicht überliefert, doch wandelt sich der fürchterliche Baal – als Augsburger erinnern Sie sich doch an Brechts junggeniale Anbetung dieses Wüstlings – vom allmächtigen Gott zum verachtenswerten Fliegenschnäpper. Dabei handelt es sich gewiss um den Versuch, sich den ungreifbaren und allgegenwärtigen Teufel vom Leib zu halten, indem man ihn der Lächerlichkeit preisgibt. So wurde der Böse zu einem Menschen wie du und ich, und die Not, die kein Gebot kennt, machte selbst vor dem Teufel nicht Halt. Die Zeit, da die Menschen richtige Not litten, ist zumindest hierzulande vorbei, in Redensarten wie der vom Teufel, der auch nicht anders könne, als Fliegen zu essen, ist sie aber noch gegenwärtig.

Kurt Tucholsky schrieb vor bald achtzig Jahren eine rätselhafte Geschichte, die vom Fliegengott handelte. Als Gespenst, als Drohung, als Teufel, der nach der armen Seele trachtet, steht dieser Fliegengott abends im dämmrigen Flur, vielmehr schwebt er leicht über dem Boden, jederzeit bereit, den Mörder so vieler Fliegen abzumurksen. Aufgeklärt, wie wir sind, wissen wir natürlich, dass es sich bei dem Spuk nur um ein Gespenstergespenst handelt. Und doch endet dieses kleine Feuilleton, das 1929 in der Vossischen Zeitung erschien, so gruselig wie ein Mysterienspiel von der Höllenfahrt des Sünders: „Jeder Herzschlag klopft dem Grabe zu. Weiter und weiter – unaufhaltsam. In mir wächst der Tod.“