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Oleanderregen

von: Stefanie Gerstenberger

Diana Verlag, 2012

ISBN: 9783641073282 , 448 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 8,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Oleanderregen


 

1

Er ist klein, er ist lustig, und wenn ich dich auch nur berühre, bevor wir verheiratet sind, bringt er mich um. Oder? So war das doch?«

Nein, dachte Valentina, da hast du etwas falsch verstanden: Ein sizilianischer Vater ist höchstens für andere lustig, für die eigene Tochter nie. Stumm schaute sie aus dem Seitenfenster, während Eric auflachte und sich langsam warmredete: »Meint er das wirklich ernst? Hallo?! Wo leben wir denn? Denkt er denn tatsächlich, du bist mit deinen einunddreißig Jahren noch Jungfrau?«

Ja, davon geht er aus, sogar mehr als das, antwortete sie ihm, immer noch schweigend.

Für sein Grinsen, das sie vor anderthalb Jahren so unwiderstehlich gefunden hatte, hätte sie Eric jetzt am liebsten einen Stoß in die Rippen versetzt. Sie hatte sich damals in dieses Grinsen verliebt, und vielleicht würde sie ihn eines Tages genau deswegen verlassen. Unsinn. Sie war nicht diejenige, die ging. Sie war diejenige, die verlassen wurde.

Aber war sie überhaupt noch in ihn verliebt? Dieser ganze Aufwand heute zu Hause mit Papa – und nun wusste sie plötzlich nicht einmal mehr, ob sie noch in Eric verliebt war.

Wie verliebte man sich eigentlich? Stolperte man einfach in die Liebe, oder ließ man sich bewusst hineinfallen, so wie man einen kleinen Amarettokeks in einen Cappuccino fallen ließ? Paddelte zunächst noch etwas auf der schaumigen Oberfläche herum und beschloss dann – glücklich und diesmal ganz bestimmt für immer – sich versinken zu lassen? ›Für immer‹ hat bei dir noch nie geklappt, du Amarettokeks, stichelte eine Stimme in ihr. Meine Güte, ich bin doch glücklich. Zumindest bemühe ich mich seit achtzehn Monaten, es zu sein.

»Und wo sind wir eigentlich?« Eric las das Schild, an dem sie in diesem Moment vorbeirasten. »Ortsteil Schwarzmoor. Anheimelnder Name … Wenn wir stecken bleiben, schiebst du uns wieder raus!« Er gab Gas, der Wagen jagte noch schneller dicht an kilometerlangen Weidezäunen und noch immer winterkahlen Hecken vorbei. Wenn er sauer auf sie war, fuhr er zu schnell. Sie sollte Angst haben, zur Strafe.

»Fahr langsamer, da vorne in die kleine Straße rein und dann sofort links in das Tor!«, sagte Valentina ruhig, sie würde sich vor dem Großstadtkind auf keinen Fall für Moorlandschaft und Kuhweiden rechtfertigen. Eric bremste ab.

»Er ist eben immer noch ein Italiener, auch wenn er schon seit fünfunddreißig Jahren in Deutschland lebt. Noch dazu ein Süditaliener!« Wie oft hatte sie die altmodische Art ihres Vaters verwünscht, aber wenn andere ihn kritisierten, verteidigte sie selbst seine peinlichsten Marotten. Eric fuhr in die Toreinfahrt und brachte den Wagen vor einem hohen Grabstein aus Marmor zum Stehen.

»So!« Er schlug mit beiden Händen flach auf das Lenkrad, seine Stimmung war von genervt auf freundlich umgeschlagen, das ging bei ihm innerhalb einer Sekunde. Valentina lächelte ihn an, küsste ihn schnell auf die Wange und stieg aus. Der kalte Wind wirbelte ein wenig weißen Marmorstaub auf und zerrte an ihrer Daunenjacke, es war schon Mitte April, doch die Sonne hatte sich in diesem Frühjahr noch nicht oft gezeigt. Letzte Woche hatte es sogar noch geschneit. Valentinas Beine zitterten nicht nur vor Kälte, sie hüpfte ein paarmal auf und ab und atmete tief durch. Das Kreischen der Marmorsäge, das Geräusch ihrer Kindheit, ihres Alltags, musste in Erics Ohren noch schriller klingen als in ihren eigenen. Aber er schien sich daran nicht zu stören.

»Kleine Jungfrau, nun sei mal nicht so nervös!«, rief er über den Lärm hinweg. Sie musste lachen, sein Vorrat an kleinen Namen für sie war unerschöpflich: von »kleiner Kakerlak« über »Klein-Laut«, »kleine Hübsche« bis »kleine Hässlichkeit«. Sie liebte es, wenn er sie mit einer neuen Wortschöpfung überraschte.

»Meine Meinung zum Heiraten kennst du ja. Wie willst du mich überhaupt vorstellen?«, fragte er jetzt.

»Als meinen Geliebten, wie denn sonst?« Sie lachte wieder, aber diesmal klang es irgendwie falsch. Geliebten! Die vielen Romanseiten, die sie in den vergangenen Tagen übersetzt hatte, färbten auf ihre Sprache ab. Obwohl Eric nach seiner missglückten ersten Ehe auf keinen Fall noch ein weiteres Mal heiraten wollte, würde sie ihn nicht als Geliebten, sondern als fidanzato vorstellen und hoffen, dass er die Bedeutung des Wortes nicht kannte. Peinlich. Aber für ihren Vater musste der Mann, den sie mit nach Hause brachte, schon ihr Verlobter sein.

Endlich werde ich mein Leben mit jemandem teilen können, dachte sie. Ich werde neben ihm einschlafen, neben ihm aufwachen, werde nicht mehr Papas Hemden im Wohnzimmer, sondern nur noch die von Eric im Wirtschaftsraum bügeln, obwohl Eric seine Hemden lieber in die Reinigung bringt. Wirtschaftsraum. So hatte die Maklerin die große Abstellkammer neben der Küche bezeichnet. Eric würde seine Einstellung zur Ehe schon noch ändern, und dann würde sie eine verheiratete Frau mit einem Wirtschaftsraum sein. Wow. Ein seltsames Gefühl, ganz anders als das, was sie sich früher unter den Wörtern Liebe und gemeinsame Zukunft vorgestellt hatte.

Prompt presste ihr der alte Schmerz die Lungenflügel ein wenig zusammen, bereit, kraftvoll loszubrechen, wenn sie ihn nur ließe. Der Schmerz würde immer da sein, das hatte sie mittlerweile akzeptiert. Niemals würde es wieder so wie damals, niemals mehr würde jemand wieder alles von ihr erfahren. Das war vorbei. Sie griff nach Erics Hand, obwohl er das nicht mochte.

»Den ganzen Tag drängen meine Patienten mir ihre Extremitäten auf, ich habe dauernd Körperteile in der Hand, ich bin kein Typ zum Händchenhalten«, hatte er ihr erklärt. Sie wusste, was er in seiner Praxis tat, er hatte sich beim Begutachten ihrer verspannten Muskeln und Sehnen unter ihrem rechten Schulterblatt in sie verliebt und deswegen länger als nötig mit seinen Händen an ihr herumgezogen, -getastet, -gedreht. Wenn er seine Hand jetzt gleich wieder wegnahm, wäre das ein Zeichen, und sie würde die ganze Sache abblasen. Erstaunlicherweise ließ er sie ihr.

Mit hochgezogenen Augenbrauen nahm Eric den umzäunten Hof der Firma, das geduckte Einfamilienhaus, die Halle, die verstreuten Grabsteine und unbehauenen Steinquader in sich auf. Sie folgte seinem Blick. Die Marmorplatten am Tor lehnten fachgerecht gesichert, aber unordentlich in den Halterungen. Ihre moosigen Oberflächen waren seit Jahren der Witterung ausgesetzt, eigentlich solange sie denken konnte. Als Kind hatte sie mit den Nachbarskindern dazwischen gespielt. Obwohl es verboten war. Sie seufzte unhörbar. Wie oft hatte sie ihrem Vater gesagt, er solle das verrottete Zeug vom Eingang wenigstens nach hinten bringen lassen.

Die Säge verstummte. Sie fror immer noch, mit der linken Hand zog sie die Jacke am Hals zusammen. »Kind, du musst mehr essen, damit du wächst und ordentlich Fleisch auf die Rippen bekommst!« Früher hatte ihre Oma sie mit Lebertran gequält, genützt hatte es nichts, sie war mit 1,63 Meter ziemlich klein und auch heute noch dünn.

»Kannst du damit fahren?« Eric ging ein paar Schritte auf den Gabelstapler zu, den Kalle wie immer mitten auf dem Hof stehen gelassen hatte. Sie kannte Kalle schon ihr Leben lang, seine Haare saßen auf seinem Kopf wie bei einem Playmobilmännchen, und als Kind hatte sie gedacht, er behalte seine Arbeitsstiefel, die Latzhose und die Ohrenschützer auch nachts im Bett an. Gerade startete er in der Halle wieder die Säge.

»Klar. Dem Stapler habe ich die Narbe zu verdanken. Vielmehr seinem Vorgängermodell.«

»Ach ja, natürlich! Die Bimalleolarfraktur. Sorry.«

Valentina lachte, sie mochte es, wie seine Augen zu glitzern anfingen, sobald er von Bändern, Sehnen, Knochen und seinem Spezialgebiet, dem meniscus lateralis, redete. Als sie sich kennenlernten, hatte Eric die zwölf Zentimeter lange, dunkelrote Narbe über ihrem Sprunggelenk entdeckt und mit leidenschaftlichem Interesse abgetastet. Am liebsten hätte er den Knöchel gleich geröntgt, um den Knochenstand festzustellen.

»Ich zeig dir später alles.« Sie drückte Erics Hand und zog ihn zu dem gelb verklinkerten Haus, in dessen Souterrain die Geschäftsräume untergebracht waren. Sie musste es endlich wagen, sie war über dreißig, sie wollte verheiratet sein, glücklich sein, ein Kind haben. Und auch den Wirtschaftsraum. Einen besseren Mann als Eric, der mit seinem Doktortitel möglicherweise auch vor ihrem Vater Enzo Gnade fand, gab es doch gar nicht.

»Marmorkontor« stand an der Tür, das große M aus Messing war sogar poliert.

Trotzdem sah heute alles trostlos und irgendwie kümmerlich aus. Sie gingen drei Stufen hinab, Eric Gentleman öffnete die Tür, und schon standen sie in dem langgezogenen Raum. Vor ihnen ein Tresen, hinten zwei abgetrennte Büros, ein Schreibtisch, Regale, Aktenordner, dazwischen eine Treppe aus grünem Marmor, die nach oben in die Wohnung führte. Die Decke des Souterrains war niedrig und so grau wie der Marmor an den Wänden. Das dunkel angelaufene Computergehäuse auf dem Tisch und das ewige Omega in zwanzig unterschiedlichen Buchstabentypen und Farben möglicher Grabsteinbeschriftungen deprimierten Valentina. Schon wurde sie wieder unsicher. Eine dumme Idee, Eric unbedingt hierherschleppen zu wollen. Warum hatte sie ihren Vater nicht in ein Restaurant eingeladen und ihm ihre Verlobung, von der Eric peinlicherweise nichts wusste, bei einem Glas Sekt verkündet?

»Ciao, Papa! Wir...